Die Glückshypothese

Das Buch "Die Glückshypothese" von Jonathan Haidt handelt nicht nur vom Glück, sondern ist auch eine exzellent geschriebene 'Einführung in die moderne Sozialpsychologie', aber mit diesem Titel würde es sich wahrscheinlich viel schlechter verkaufen.

Ich wurde auf das Buch "Die Glückshypothese" von Jonathan Haid durch einen Kommentar von Michel S. Gazzaniga, einem der führenden US-amerikanischen Hirnforscher, aufmerksam. Er meinte, dass es eines der besten Bücher sei, die in den letzten zehn Jahren über die Natur psychischer Prozesse geschrieben wurde. Und da ich Gazzaniga als Wissenschafter außerordentlich schätze, habe ich es gleich die US-amerikanischen Originalausgabe bestellt und verschlungen. Im August dieses Jahres ist es auch auf Deutsch erschienen.

Der Sinn des Lebens

Das Lesen lohnt sich: Das Buch handelt nämlich nicht nur vom Glück, sondern ist auch eine exzellent geschriebene Einführung in die moderne Sozialpsychologie, aber mit diesem Titel würde es sich wahrscheinlich viel schlechter verkaufen. Und da Haidts Spezialgebiet die Erforschung moralischer Gefühle ist, versteht sich, dass auch der Sinn des Lebens nicht zu kurz kommt - manchmal allerdings in einem Atemzug mit "Glück" genannt, was mir nicht wirklich gerechtfertigt scheint. Zum Aufbau des Buches lassen wir am besten gleich Haidt zu Wort kommen:

Dieses Buch handelt von zehn großartigen Ideen in der Weltgeschichte. Jedes Kapitel versucht, eine dieser Ideen zu würdigen, die verschiedene Kulturen der Welt entdeckt haben; und jedes Kapitel versucht, diese Idee vor dem Hintergrund heutiger wissenschaftlicher Erkenntnisse zu hinterfragen und die Lehren daraus zu ziehen, die heute noch für unser Leben gelten.

Weisheiten aus aller Welt

Die Kapitelüberschriften skizzieren die Themen, von denen diese Ideen handeln: "Das geteilte Selbst", "Seine Sicht der Dinge ändern", "Gegenseitigkeit um jeden Preis?", "Die Fehler der anderen", "Das Streben nach Glück", "Liebe und andere Bindungen", "Vom Nutzen der Widrigkeiten", "'Tugendhaftigkeit' als Weg zum Glück?", "Transzendenz - mit oder ohne Gott" und "Glück kommt von 'dazwischen'".

In jedem dieser Kapitel werden Weisheiten, meist aus Indien, China oder dem Mittelmeerraum, aber auch etwa von Shakespeare, Montaigne, Franklin, Nietzsche und anderen, Forschungsergebnissen vor allem der letzten 30 Jahre gegenübergestellt und daraus Einstellungs- oder Verhaltensempfehlungen gezogen.

Das Glück ist eine Formel

Haidt präsentiert zur Veranschaulichung eine Glücksformel: G (für Glücklichsein) = S (für Sollwert) + L (für Lebensbedingungen) + A (für freiwillige Aktivitäten). Die mathematisch etwas vorgebildete Leserin wird sich natürlich sofort fragen, warum gerade additiv, warum keine Gewichtung, und wär's nicht überhaupt klüger zu schreiben, dass G eine Funktion von S, L und A ist? Das wär's sicher. Aber wie Haidt zeigt, dass es wahrscheinlich einen Sollwert, im Original besser "biological set point" genannt, gibt, welche Lebensbedingungen man besser vermeidet - wenn man kann - und welche man suchen und womöglich finden soll und welche freiwilligen Aktivitäten am meisten zum Glück beitragen: Das wird anhand von Untersuchungen mit so faszinierenden Ergebnissen gebracht, dass man das Buch unmöglich aus der Hand legen kann.

Bedingungen und Strategien

Seit über hundert Jahren erforscht man mit wissenschaftlichen Methoden, wie man Menschen mit psychischen Störungen helfen kann, um ihr Wohlbefinden, sagen wir von -50 auf 0 zu bringen. Das war und ist zweifellos sehr wichtig. Es war aber höchste Zeit für eine Glücksforschung, die versucht, die Bedingungen und Strategien herauszufinden, mit wissenschaftlichen Methoden, wie Menschen von 0 auf sagen wir mal bescheidenerweise +20 kommen können.

Dass es da, wie in jeder Wissenschaft, zu nicht immer identischen Ergebnissen kommen wird, ist klar, aber auch interessant. Die Studentinnen und Studenten, vor allem jene der Medizin, sollten aber nicht nur über Psychiatrie und Psychotherapie etwas hören, sondern auch über die Ergebnisse der Glücksforschung.

Hör-Tipp
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr

Buch-Tipp
Jonathan Haidt, "Die Glückshypothese. Die Quintessenz aus altem Wissen und moderner Glücksforschung", aus dem Amerikanischen übersetzt von Isolde Seidel, VAK Verlag