Zu Besuch bei Wilhelm Genazino

Lange galt Wilhelm Genazino als herausragende und bescheidende Erscheinung des deutschen Literaturbetriebs. Dann kam ein Preisregen und Öffentlichkeitsgewitter über ihn. Langsam kehrt die Normalität zurück und Genazino macht sich so seine Gedanken.

Des Autors Gedanken zur "Liebesblödigkeit"

Einfache Holzregale, voll gestopft mit Büchern, und zwei betagte Schreibmaschinen vom Typ Olympia. Damit sind Wilhelm Genazinos größere Besitztümer in seiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im Frankfurter Westend schon beinahe aufgezählt. Seit der Schriftsteller vor drei Jahren den Georg-Büchner-Preis als renommierteste literarische Auszeichnung Deutschlands erhalten hat, verkaufen sich seine Bücher glänzend. Doch bescheidener als Genazino könnte ein Bestseller-Autor kaum leben. "Ich brauche keinen Luxus", sagt der 64-Jährige.

Einzigartige Anti-Helden
In seinem im Februar veröffentlichten Roman "Mittelmäßiges Heimweh" fällt dem Protagonisten, der von seiner Frau und Tochter getrennt lebt, zuerst ein Ohr ab. Später verliert er im Schwimmbad einen Zeh, wird aber zugleich in seinem Frankfurter Unternehmen zum Finanzdirektor befördert.

Skurril ging es auch im vorangegangenen Roman "Liebesblödigkeit" zu, in dem sich die Hauptfigur als "freischaffender Apokalyptiker" mit der Lebensangst sein Brot verdient und sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden kann.

Im Grenzgebiet von Trauer und Komik

Genazinos große Kunst ist es, diese Mischung aus Komik und Trauer in seinen melancholisch-desillusionierenden Büchern so perfekt zu verweben, als wäre es das Normalste der Welt. "Nichts ist komischer als ein Unglück", zitiert Genazino einen ihm lieb gewordenen Satz von Samuel Beckett, dem großen irischen Autor.

Es sind die "Kippstellen" zwischen Trauer und Komik, die Genazino in einer Gesellschaft interessieren, die immer mehr Dynamik und Flexibilität verlangt. Seine ganz durchschnittlichen Menschen werden durch die Umstände der modernen Großstadt aus der Bahn geworfen - und müssen in einer neuen Lebensform mühsam und immer am Rande des Scheiterns nach der Liebe und dem kleinen Alltags-Glück suchen.

Chronist des deutschen Alltags
So wurde Genazino von der Kritik ernannt. Das sei doch eher Martin Walser, relativiert Genazino und bezeichnet seine meist unpolitischen Sonderlinge als "Individualisten wider Willen". Genazinos Stil ist dabei im Laufe der Jahre immer eigenwilliger und komischer geworden. In seiner Ende der 1970er Jahre publizierten "Abschaffel"-Trilogie hatte er noch völlig nüchtern und präzise das trostlose Leben eines Frankfurter Angestellten beschrieben.

Beibehalten hat Genazino allerdings seine Detailwut, mit der er unscheinbarste Dinge etwa beim Besuch eines Supermarkts oder einer Reinigung auf unnachahmliche Weise anschaulich machen kann. "Ich habe fast immer einen Zettel und einen Bleistift dabei", sagt Genazino. Genau gesagt handelt es sich um kleine ausgeschnittene Kartonstücke, mit denen der passionierte Spaziergänger Genazino auf die Pirsch geht. "Wenn irgendetwas ist, was ich so sehe und was tiefer in mich eindringt, dann notiere ich mir das", sagt Genazino, selbst ein großer Individualist, der weder Computer noch Handy benutzt und am liebsten mit der Bahn fährt.

Ein Handwerker vom alten Schlag
"Wer Wert auf Geschwindigkeit legt, der kann seine Augen zu Hause lassen", sagt der Autor eher beiläufig. Dabei liefert die von Genazino gepflegte "Entschleunigung" einen wichtigen Schlüssel zu seinem Werk. Der 64-Jährige geht als "Handwerker" altmodisch im besten Sinne vor. Diszipliniert und penibel überträgt er zum Beispiel Beobachtungen im Kaufhaus oder in der Straßenbahn in seine Mappen.

Darin gibt es Grundnummern, fortlaufende Nummern und einen Index mit Code-Wörtern wie Kaufhaus oder Supermarkt. Wenn also in einem Buch eine Roman-Figur mal wieder ins Kaufhaus oder einen Supermarkt kommt, zieht der Schriftsteller seine gesammelten Aufzeichnungen zu Rate. "Es gibt nichts, wo ich nicht hinginge", sagt Genazino, der als Zeitungsredakteur das Recherchier-Geschäft gelernt hat.

Fantasielose Klatsch-Kultur
Nicht zuletzt auch wegen seiner Arbeitsweise wird Genazino bei Lesungen immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie viel Autobiografisches in seinen Büchern steckt. Ein Thema, bei dem der freundliche Genazino dann doch leicht in Rage gerät. Die Leser seien in der heutigen Klatsch-Kultur, in der man hinter Büchern auch immer Selbsterlebtes vermute, etwas "fantiesielos" geworden. Natürlich steckten aber immer "Splittermomente" des eigenen Lebens in den Büchern, meint der allein lebende Autor, der verheiratet war und eine erwachsene Tochter hat.

Ausgerechnet der Spaziergänger Genazino, ein schwergewichtiger und bedächtiger Mann, lebt nun die meiste Zeit seines Lebens in der schnelllebigen Finanzmetropole. "Frankfurt bietet Stoff", sagt Genazino, dem die Dynamik der Stadt mit ihren nie versiegenden Pendlerströmen gefällt. Nur vorübergehend war er in einem Anfall von Nostalgie kurzzeitig in seine Heimat nach Heidelberg zurückgekehrt. Genazino war im benachbarten Mannheim in kleinen Verhältnissen groß geworden.

Als zurückgezogener Mensch, der Ruhe braucht, schätzt Genazino in Frankfurt aber seine vertraute Umgebung. Wenige hundert Meter von seiner Wohnung liegt der alte Frankfurter Uni-Campus, wo der Autor einst Germanistik studierte. Einen Zweitwohnsitz etwas auf dem Land, wie ihn viele Autoren haben, würde ihn seiner Quellen berauben, wie er meint. Seine gesammelten Notizen hat er in seiner Wohnung in 20 großen Ordnern gestapelt. Gut findet er aber schon, dass es zum Frankfurter Hauptbahnhof nicht weit ist. Genazino reist gerne - natürlich mit dem Zug. Und er schwärmt davon, entlang der belgischen Atlantikküste mit der Straßenbahn von Ort zu Ort zu fahren.

Hör-Tipp
Gedanken, Mittwoch, 26. Dezember 2007, 13:10 Uhr

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Buch-Tipps
Wilhelm Genazino, "Mittelmäßiges Heimweh", Carl Hanser Verlag, 2007, ISBN 978-3446208186

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Wilhelm Genazino, "Die Liebesblödigkeit", Hanser Verlag, ISBN 3446205950

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