Öko-Gaben am Dreikönigstag
Gute Musik
Wir wagen es, die die verpönteste Frage der Musikwissenschaft zu stellen: Gibt es gute Musik? Darauf bekamen wir drei Antworten und eine Encore und stießen auf fair gehandelte Musik, ein Gemüseorchester und Instrumente aus Hanf.
8. April 2017, 21:58
Schreibt einen Beitrag, der zum Dreikönigstag passt, bat uns die Redaktionskonferenz. Was heißt das? Wir dachten uns: Wir bringen etwas, das die Umwelt nicht belastet, nachhaltig und gentechnisch unverändert ist, frei von schädlichen Spritzmitteln und mit fairen Bezahlungen für die Produzierenden. Also so etwas wie Weihrauch, Myrrhe und Gold, aber mit Musik.
Wir wagen es, die die verpönteste Frage der Musikwissenschaft zu stellen: Gibt es gute Musik? Darauf bekamen wir drei Antworten und eine Encore.
Eine unästhetische Antwort
Andreas Hirsch, Musikwissenschafter, war im Jahr 2007 der Jury-Vorsitzende der Fair Music Initiative, die den gleichnamigen Award erstmals vergab. Er bietet mir an, unter guter Musik jene zu verstehen, die unter fairen Bedingungen entsteht, vertrieben und gehandelt wird.
"Beim Kaffee gehört es mittlerweile zum guten Ton, dass man fair produzierten Kaffee kauft. Bei der Kultur ist das definitiv nicht so; um dieses Bewusstsein zu schärfen, haben wir den Award begründet", so Hirsch.
Für faire Regeln im Musikleben
Fair music tritt für die Etablierung fairer Regeln im Musikleben ein: den Schutz künstlerischer Freiheit, ausgewogene Verträge für Musikschaffende und faire Honorierung von Komponistinnen und Komponisten, Musikerinnen und Musikern. Fair Music ist ein Beitrag zur Umsetzung der UNESCO-Konvention zum Schutz kultureller Vielfalt.
Ausgezeichnet wurde beim ersten Mal die Musikinitiative tonga.online, die Webplattform für DJanes, female:pressure, der Musikverlag freibank music publishing und der Wiener Tonträgervertrieb Extraplatte.
Vergänglichkeit und Verschwendung
Lange, bevor es die Öko-Welle gab, vor zehn Jahren schon, seit 1998, gab es das 1. Wiener Gemüseorchester. Jürgen Berlakovich ist einer der zwölf Mitglieder: "Wir sehen unsere Musik nicht als etwas, das eine direkte Verbindung hat zu ökologischen Themen. Das ergab sich zufällig, dass wir die Idee gehabt haben, aus Gemüse Musik zu machen und zu erkunden, welche musikalischen Möglichkeiten es gibt", erzählt Berlakovich.
"Die Vergänglichkeit ist ein sehr wichtiger Aspekt bei dem ganzen Projekt", sagt Susanna Gartmayer, anschließend an das Konzert als Suppe aus dem Gemüse gekocht wird. Der Wert der Instrumente bekommt einen ganz neuen Sinn. Jürgen Berlakovich: "Wir geben den Instrumenten einen anderen Wert. Wir gehen sehr sensibel mit unserem Material um auch im Hinblick auf Verschwendungscharakter, auch wenn es nicht den Wert hat, den wertvolle Instrumente haben. Wir haben keine Stradivaris. Es geht nicht nur um Gemüse, es geht hauptsächlich um frisches Gemüse. Das berührt auch die Frage: Gehört eine Tomate zum Gemüse, was in diversen europäischen Ländern ja unterschiedlich definiert ist."
Seit Dezember ist das 1. Wiener Gemüseorchester auf die Startseite der Video-Web-Plattform YouTube geraten. Innerhalb eines Tages sahen 200.00 Menschen das Ensemble, tägliche 600 E-Mails entfachten eine politische Diskussion über den Verschwendungscharakter des Instrumentenmaterials.
Das Instrument, das auf dem Acker wächst
Sie ist so bunt und rund wie ein Barbapapa, es gibt sie in pink, türkis, hellgelb, orange, weiß, ocker, rot oder grau. Das Grunddesign hat der Designer Adam Wehsely-Swiczinsky entwickelt, der auch für Tyrolia Skibindungen entwickelt hat. Aus einer Diplomarbeit vor mittlerweile acht Jahren ist das Projekt Hanfgitarre entstanden.
Hanf, genannt "Hempstone", wurde zuerst zum Möbelbau verwendet. Adam Wehsely-Swiczinsky klopfte einmal drauf und erkannte, welch guten Klang das Material gibt.
Hanf-Djembe
Die Hanfgitarre hat ökologische Musikgeschwister: das Hanfdidgeridoo und die Hanfdjembe. Hanf klingt nicht nur gut, sondern wächst auch nach - schon Henry Ford verwendete es in der Autoproduktion und nannte es ein "Auto, das auf dem Acker wächst."
Die Innovation Hanfgitarre wurde in der Entwicklung von Departure - dem Kreativprogramm der Stadt Wien für Wirtschaft Kunst und Kultur - unterstützt. Andreas Neubauer erzählt stolz: "Wir waren zu zwei Staatspreisen nominiert, die Bio Diesel Alliance wandte sich an uns, kein Geringerer als Willie Nelson spielt darauf und hängt die Hanfgitarre handsigniert ins Hard Rock Cafe."
Nicht nur Willie Nelson spielt auf der Hanfgitarre. Am Filmset der neuesten Disney Komödie "Old Dogs", inszeniert von Walt Becker mit John Travolta und Robin Williams in den Hauptrollen, ist eine Hanfgitarre dabei. Der Film kommt im Frühjahr dieses Jahres heraus.
Dienstfahrräder und Verzicht auf Aludosen
Gibt es gute Musik: noch ein Encore als Antwort: Die KUG - die Grazer Kunst und Musikuniversität - hat schon zweimal die Auszeichnung Ökoprofit erhalten, für ihre vorbildliche Haltung, was Mülltrennung und Müllvermeidung, Wärmedämmung aber auch Bereitstellung umweltfreundlicher Transportmittel betrifft - wie zum Beispiel Dienstfahrräder.
Es gibt für Grazer Musikstudierende keine Aludosen, und so wenig Papier wie möglich, dafür einen verstärkten Nichtraucher-Schutz. Im Entwicklungsplan der KUG sind Ökonomie, Ökologie und Kunst verbunden zu einer Einheit, die aus Musikstudierenden ökologisch bewusste Menschen machen möchte.
Visionen und Verbesserungsmaßnahmen
Rektor Georg Schulz weiß, dass man die Studierenden immer aufs Neue darauf hinweisen muss, wohin Papiersackerln und Restmüll geworfen gehören. Neben den großen Visionen sollen die kleinen alltäglichen und Verbesserungsmaßnahmen nicht aus den Augen verloren werden, schreibt die KUG in ihrem Entwicklungsplan.
Schön, wenn Musikstudium nicht nur zum neuen Werk oder zur Virtuosität, sondern auch zu neuem Bewusstsein führt. Der nächste Schritt wäre es, auf dem Dach der KUG ein Solarkraftwerk zu installieren, so wie es auf dem Dach des Südwestrundfunks bereits installiert ist und den SWR zum ersten Solar-Funkhaus in Deutschland macht.
Hör-Tipp
Apropos Musik, Sonntag, 6. Jänner 2008, 15:06 Uhr
Mehr dazu in oe1.ORF.at
Links
fair music weblog
1. Wiener Gemüseorchester
YouTube - the vegetable orchestra
Drumparam
Mada Guitares
Sounds For Nature
IMDb - "Old Dogs"
Universität für Musik und darstellende Kunst Graz - Entwicklungsplan
S.A.G. Solarstrom - Solarstudio SWR Freiburg
