Nachruf auf Black Market

Das Black Market hatte den Anspruch, mehr als ein Plattengeschäft zu sein. Seit 1990 stand "Black Market" für die Wiener Variante eines internationalen Lebensstils, dessen Kultobjekt Schallplatten und CDs sind - oder waren? Der Schlussverkauf geht noch bis Ende Jänner.

"Funk will free your life, funk will free your soul, get into the rhythm, let your body take control!" singen die Stereo MCs wie ein Mantra in der Nummer "I’m A Believer". Die "back to the roots" Idee des HipHop führte am Ende der 1980er international zur Renaissance der erdigen Klänge schwarzer Popmusik. Parallel beflügelten neue Produktionsmöglichkeiten den Partysound, Clubmusik entwickelte sich zu einem Paralleluniversum.

Acid Jazz und Trip Hop waren die Schlagwörter der neuen Black Music Szene, deren Lebensgefühl in Wien beim Montagsclub Soulseduction zelebriert wurde. Der Club brachte den internationalen Trend ohne Verzögerung nach Wien, und Betreiber Alexander Hirschenhauser erkannte bald, dass die lokale Szene eine ständige Anlaufstelle brauchte.

Internationale Referenzen

Alexander Hirschenhauser gründete 1990 nach dem Vorbild des Soul-II-Soul-Stores in London das Black Market, das mehr als nur ein Musikladen sein sollte. Daher gab es auch eine kleine Café-Bar und Mode. Letztere wurde in den frühen 2000ern der Umgestaltung des vorderen Bereichs zu einer Art CD-Boutique geopfert. Die orange Optik mit Bildern im Graffiti-Stil blieb. "Records", "Style", "Communication" und "Music" steht noch heute in den vier Fensterbögen, über der Tür in der Mitte "Black Market".

Dieser Laden steht bis heute für den Acid-Jazz-Stil der frühen Neunziger und ist zugleich das symbolische Zentrum seiner Wiener Ableger. Das Black Market liegt im ersten Bezirk zwischen Börse und Schottenring - allerdings nicht mehr lange!

Internationale Erfolge und Verhängnisse
Rückblende: Anfangs funktionierte Szene um den Soulseduction Club mit dem Black Market als Kristallisationspunkt so gut, dass in Österreich eine rege Produktionstätigkeit entstand. Viele kleine Plattenlabels wurden gegründet, allen voran machten die DJ Produzenten Kruder & Dorfmeister den Downtempo Sound aus Wien zu einem internationalen Begriff der entspannten Lounge Grooves.

Ab 1993 war die Keimzelle Soulseduction kein Club mehr, sondern ein Musikvertrieb, der viele heimische Produktionen in die Welt verschickte und internationalen Stoff importierte. Bald war der Shop ein kleiner Baustein in einem großen Wirtschaftsgebilde, das vielen Leute aus der Szene einen Brotjob gab. So konnte wiederum mehr Musik produziert, konnten Clubs betrieben werden.

So wie der internationale Trend in den Neunzigern genützt hatte, wurde er Soulseduction durch den Wandel des Musikmarktes Ende 2007 zum Verhängnis. Trotz der großen Bemühungen, das weite Repertoire auch online zu vermarkten, scheiterte der Vertrieb an der Grätsche zwischen Vinyl, CD und digital, zwischen breitem Angebot und Spezialisierung. Dem Konkurs wird auch der Laden zum Opfer fallen.

Die letzte Gelegenheit

Manche Leute nützen den stark reduzierten Abverkauf, um ein erstes und letztes Mal das Black Market zu sehen. Andere waren öfters hier. Das Angebot ist nach wie vor groß - kein Wunder. Im Lauf der Neunziger differenzierten sich die elektronischen Grooves in viele Stile, was Kunden wie Musikpresse zunehmend überforderte. Die dem Trend folgende, zunehmende Verbreiterung des Angebots an locker groovender Klangtapeten-Musik ließ zudem den Vorwurf des Ausverkaufs immer lauter werden - auch in Wien, wo man eigentlich stolz hätte sein können. Immerhin war die Wiener Elektronik erstmals ein eigenständiges Phänomen, das Wien in der Pop-Welt verankerte.

Im Black Market hingegen gab es bis zuletzt Orientierungshilfe im Style-Dschungel. Namita, die Geschäftsführerin der CD-Abteilung, beriet die Kunden individuell und mit Überzeugung. Auf diese Art wurden oft mehr CDs verkauft, als zuerst geplant, und Stammkunden gewonnen.

Im Dschungel des Angebots
Mittlerweile regiert allerdings das Prinzip "Wer dieses kauft, mag auch jenes" den Musikmarkt, physische Tonträger und reale Beratung werden zum Ballast. Die automatisch errechneten Empfehlungen der Internet-Bezugsquellen mögen unpersönlich sein, den Beratungsbedarf vieler Leute scheinen sie ausreichend zu decken. Für die Generation unter 30 existiert Musik überhaupt nur mehr als File am Computer, wesentlich wichtiger ist heute, welche Farbe der MP3-Player hat und ob man damit auch telefonieren kann.

Die Zukunft der Musikläden liegt wohl in einer wie immer gearteten Spezialisierung, die Größe des Black Market ist ohne den Soulseduction-Vertrieb heute nicht mehr rentabel, obwohl der Reiz eines solchen Geschäftes auch denen einleuchtet, die zum Abverkauf ein erstes und letztes Mal den Laden betreten. War Wien in den 1990ern selbstbewusster als heute, wenn manche Kunden beim Nachdenken über das stylishe Geschäft sofort an andere Städte denken? Manche Kunden hätten so ein Geschäft denn auch eher in Barcelona oder London erwartet.

Das Ende einer Ära
Demnächst wird das Black Market seine Pforten schließen. Die Blüte der Wiener Elektronik in den späten 1990ern gerät zunehmend in Vergessenheit, so wie die globale Vernetzung die elektronische Musik international vereinheitlicht und lokale Ausprägungen einebnet. Manche einschlägigen Chronisten konnten mit solchen Klängen ohnehin nie viel anfangen und liefen lieber den Trends aus London, Berlin oder zur Not auch Hamburg hinterher. Dabei hat gerade die heimische Szene allein im letzten Jahr einige sehr gute Alben hervorgebracht.

Österreichische Acts wie Parov Stelar, Waldeck, Karuan, Rodney Hunter und Makossa-Megablast haben sich zwar schon weit von den introvertierten Instrumentalnummern entfernt, die man einst als Kaffeehausmusik ächtete. Aber sie bauen auf dem Fundament der Neunziger-Grooves auf und tragen deren Gedanken weiter. Es bleibt noch zu hoffen, dass alle bald neue Vertriebspartner finden.

Die Idee von Black Market und Soulseduction war mutig und international gedacht. Leider war sie anscheinend nun für Wien zu groß, für den globalisierten Popmarkt aber eine Spur zu klein. Gleichzeitig ist das Sammeln physischer Tonträger mit Popmusik nur mehr ein Nischenprogramm, die Acid-Jazz-Kultur der Neunziger war einer der letzten großen Trends auf diesem Bereich.

Hör-Tipp
Leporello, Montag, 28. Jänner 2008, 7:52 Uhr

CD-Tipps
Kruder & Dorfmeister, "DJ Kicks", Compilation, K7!

Karuan, "Pop Arif", Sunshine

Makossa-Megablast, "Kunuaka", g-stone

Parov Stelar, "Etage Noir"

Rodney Hunter, "Hunterville", g-stone

Waldeck, "Ballroom Stories", Dope Noir

Link
Soulseduction - Black Market