Wiener Hauptstadtsound - Teil 4
Wie musikalische Traditionen weitergeben werden
Manche Minderheitsangehörige lernen Lieder und Volkstänze in einem der zahlreichen Kulturvereine in Wien, andere pflegen die Weitergabe innerhalb der Familie. Alle eint die Hoffnung, dass das gemeinsame kulturelle Erbe erhalten bleibt.
8. April 2017, 21:58
Jeden Montag um 18:00 Uhr trifft sich eine Kindergruppe im Kulturverein der Burgenlandkroaten in Wien. Die "Piplici", was auf Deutsch "Küken" heißt, tanzen und singen kroatische Lieder. Allerdings plagen den Verein Nachwuchssorgen: Früher waren meistens zwanzig Kinder bei den "Piplici", im Moment sind es nur acht.
Kulturvereine
Kulturvereine erfüllen in Wien eine wichtige Funktion bei der Weitergabe von traditionellen Musizierweisen. Auch Volkshochschulen bieten bisweilen Instrumentalunterricht abseits vom gängigen Instrumentarium an. Beispielweise wird die Saz, die türkische Laute, seit Jahrzehnten erfolgreich von Mansur Bildik in verschiedenen Institutionen unterrichtet. Anders als in Deutschland gibt es allerdings keinen Sazunterricht an staatlichen Musikschulen.
Moderne Pädagogik, made in Nigeria
Einen originellen Ansatz hat der Schriftsteller Babatola Aloba, um jungen Menschen die reichhaltige Kultur des afrikanischen Stammes der Yoruba näher zu bringen. Er geht in Schulen und Kindergärten und lehrt den Mädchen und Jungen Kinderlieder der Yoruba.
Der Umfang und die Art des Liedes werden auf die jeweilige Altersgruppe abgestimmt. Am Anfang erzählt Babatola Aloba ein Märchen oder eine Fabel, die sich auf den Inhalt des Liedes bezieht. Dann erlernen die Kinder sukzessive die Sprache, den Rhythmus und den dazugehörigen Tanz. Aloba Babatola hat als Kind über 100 Lieder mit dieser ganzheitlichen Methode für Körper und Geist gelernt und sie all die Jahrzehnte behalten, ohne sie aufschreiben zu müssen.
It's a family affair
Die Romasängerin Rusza Nikolic-Lakatos hat ihr großes Repertoire von Verwandten und bei Festen durch bloßes Zuhören gelernt. Diese Weitergabe innerhalb der Familie hat bei den Roma eine Jahrhunderte lange Tradition, die sie weiterführen möchte. Ihre Tochter Manuela wird die alten Lieder singen, aber erst dann, wenn ihre Mutter nicht mehr öffentlich auftritt.
Rusza Nikolic-Lakatos ist überdies froh darüber, dass es mittlerweile Tondokumente ihrer Liedinterpretationen gibt. So haben auch nachfolgende Generationen außerhalb ihrer Familie die Möglichkeit, Lieder der Roma zu hören. Natürlich bleibt die Frage offen, wie viel von dem traditionellen Liedgut bei den nachfolgenden Generationen in Erinnerung bleiben wird. Manches wird wohl vergessen werden, anderes in anderer Form weiterleben. Aber Rusza Nikolic-Lakatos glaubt an die Kraft und die Zeitlosigkeit dieser alten Lieder.
Mehr zum "Wiener Hauptstadtsound" in oe1.ORF.at
Wo die Musik der Minderheiten zu hören ist
Musikalischer Schmelztiegel Wien
Weltmusikstadt Wien
Hör-Tipp
Radiokolleg, Montag, 31. März bis Donnerstag, 3. April 2008, 9.45 Uhr
