Das Walnusshaus

Indem Miljenko Jergovic in seinem neuen Roman die Reihenfolge der Geschehnisse auf den Kopf stellt, unterläuft er die Vorstellung vom Erzählen als der Mimikry einer zwingenden Kausalität. Das Komische und Bizarre passiert neben dem Tragischen.

Eine 97-jährige Frau stirbt eines Todes, der alles andere als ein friedliches Entschlafen ist: Ein junger Arzt spritzt ihr eine Überdosis Beruhigungsmittel, und alle sind erleichtert, auch ihre Tochter, denn die Alte hatte mit wahren Bärenkräften gegen ihre Umwelt getobt.

Mit dem schrecklich grotesken Ende eines langen Lebens beginnt dieser Roman im Jahr 2002, und er erzählt es im Krebsgang, bis wir am Schluss bei der Geburt der kleinen Regina Sikiric im Jahr 1905 angelangt sind. Genau genommen vor ihrer Geburt: Ihr Großvater bestellt bei einem berühmten Schnitzer ein Spielzeug für sein Enkelkind. Der schnitzt aus Walnussholz ein Miniaturhaus mit Interieur, das zugleich ein Modell zukünftigen Wohnens darstellt: so wie man sich um die Jahrhundertwende das Leben im fernen Jahr 1950 ausmalte.

Magische Daten

Jergovic erzählt also die Geschichte der Regina Delavale, geborene Sikiric, aus Dubrovnik und die ihrer Tochter Diana und ein bisschen auch die ihrer Enkelkinder, der Zwillinge, die ihren Vater bei einem Autounfall in Bosnien verloren, ehe sie geboren waren. Der Unfall passierte knapp nach Titos Tod am 4. Mai 1980, ein Datum, das für die (post)jugoslawische Literatur ähnlich magisch wirkt wie der 5. März 1953, der Tag, an dem Stalin starb, für ganz Osteuropa. Neben dem Tod des "letzten Königs" der Jugoslawen ist der private Tod des verhinderten Vaters unbedeutend, auch für die werdende Mutter, denn die hat ihn nicht geliebt.

Das alles ist gar nicht so lange her und scheint doch sehr weit weg: ein kommunistisches Land, in dem eine Trauergesellschaft ihre Schnapsgläser zur Hälfte auf den Hotelteppich leert, für die tote Seele; in dem ein Gemeindebediensteter auf Wunsch der Hinterbliebenen den Fernseher für die Zeit der Trauer "versiegelt". Ein Land, in dem der größte Fortschritt nach 1945 für die Frauen der Schritt von den halbautomatischen Waschmaschinen zu denen mit Programmwahl war.

Reißaus und Rückkehr

Der zweifelhafte Trauerfall schweißt Mutter und Tochter nicht zusammen. Diana nimmt ihr Leben lang Reißaus, um wieder zurückzukehren. Einmal war sie mit einem Bosnier durchgebrannt, nach Sarajewo. Immer wieder spannt der Roman einen Bogen von Dubrovnik, der Stadt an der Adria, zur Stadt in den Bergen, von den Bosniern, die daheim bleiben wollen, weil sie ihre Häuser in luftiger Entfernung von den Nachbarn gebaut haben, zu den Dalmatinern, die einander so auf den Leib gerückt sind, dass ihnen nur die Flucht aufs Meer bleibt. In Sarajewo geriet Dianas Freund in eine kroatische Nationalisten-Demo und danach in die Fänge der Polizei.

Sobald du dich wie ein Schuldiger fühlst, benimmst du dich wie ein Schuldiger. Deswegen gibt es keine bessere Polizei als die kommunistische, denn sie entlässt niemals einen Unschuldigen durch die Eingangstür. Alle sind Schuldige, nur dass die einen verurteilt und die anderen entschuldigt werden.

Die Schuld, die von Titos Obrigkeit verhandelt wird, hat ihre Wurzeln in dem, was Familienmitglieder im Zweiten Weltkrieg auf ihr Kerbholz gesammelt haben. Einen jeden von Reginas Brüdern hat es auf eine andere Seite verschlagen, einen zur faschistischen Ustascha, einen zu den königstreuen Tschetniks, einen zu den Partisanen, und alle blickten sie tief in das balkanische Herz der Finsternis, erlebten die "mystische Erfahrung von Blut und Morden".

Zwei sterben ruhmlos, der ehemalige Partisan hungert sich nach dem Krieg im Irrenhaus von Sarajewo zu Tode. Man begräbt den Helden in einem Sarg aus Walnussholz. Nur Luka, der Jüngste, der Spaßvogel und Liebling der Hafenhuren, macht eine Karriere im Frieden: als Käsehändler in Triest. Aus Jugoslawien ging er weg, weil seine Landsleute ihm nicht verziehen, dass er immer schon gegen Stalin gewesen war und sie nun, nach dessen Tod, an ihre Verehrung für den Mörder erinnerte.

Keine Reißbrettkomposition

So zusammengefasst klingt das, als hätte jede Figur in diesem Panorama eine repräsentative Funktion. Aber Jergovic hat derlei nicht nötig. Dieser Roman ist zwar komponiert, aber nicht am Reißbrett entworfen. Der Autor pfeift auf so etwas wie Erzählökonomie und frönt der Opulenz. Er kann es sich leisten, denn der Leser verzeiht ihm alles. Es gibt in diesem hinreißende Gestalten, Dialoge, die ganze Lebensgeschichten enthalten, unvergessliche, und Bilder: Reginas Vater Rafo, der sich als Kind in einem Pflaumenbaum erhängen will, weil er die Bürde, als Patensohn Kaiser Franz Josephs das Gymnasium von Sarajewo absolvieren zu müssen, nicht mehr länger erträgt. Rafos älterer Bruder, der an einem Angelhaken in seiner Wange auf allen Vieren durch die Stadt geschleift und gezwungen wird, das Grab eines von ihm Geschmähten abzulecken.

Hinter der Maske des Amoralischen bewahrt Miljenko Jergovic seine Souveränität als Erzähler. Indem er die Reihenfolge der Geschehnisse auf den Kopf stellt, unterläuft er die Vorstellung vom Erzählen als der Mimikry einer zwingenden Kausalität. Das Komische und Bizarre passiert neben dem Tragischen. Als Regina entdeckt, dass ihr verstorbener Mann in Amerika eine Zweitfrau hatte, ist das Unglück ihres Lebens besiegelt, und sie besteht darauf, seine Asche in jener blechernen Kaffeedose mit dem großbrüstigen Schwarzen zu bestatten, in der sie ihr übergeben wurde.

Trotz Brigitte Döberts vortrefflicher Übersetzung darf man eine leichte Augenschwäche des Lektorats bemängeln: Hier hätte man einen kakanisch versierten Konsulenten hinzuziehen sollen, der weiß, dass man den Fallwind "Bora" nennt, nicht "Bura", und dass es weder "Gulasch" heißt noch "der Palatschinken" - ebenso wenig wie "der Plebs". Der Wirkung dieses veritablen Jahrhundertromans vermag das nichts anzuhaben.

Hör-Tipp
Ex libris, Sonntag, 25. Mai 2008, 18:15 Uhr

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Buch-Tipp
Miljenko Jergovic, "Das Walnusshaus", aus dem Serbokroatischen übersetzt von Brigitte Döbert, Verlag Schöffling & Co.