Gedanken über den Müßiggang
Von der Kunst des Innehaltens
Sommerzeit - Urlaubszeit. Doch der Alltagsstress lässt sich nicht so leicht abschütteln. Kann man Faulsein lernen? Und wie entgeht man dabei der drohenden Leere? Der Philosoph Peter Heintel hält ein Plädoyer gegen die Beschleunigung.
8. April 2017, 21:58
Der Zeitverein und seine Aufgaben
"Wir sind nicht geübt darin, Muße zu üben. Wir glauben, immer etwas tun zu müssen, um uns selbst zu verwirklichen." Peter Heintel, Professor für Philosophie und Gruppendynamik an der Universität Klagenfurt, weiß, wovon er spricht, denn er ist selbst ein vielbeschäftigter Mann. Neben seiner Lehrtätigkeit in Österreich, gastiert er auch an internationalen Hochschulen, schreibt Bücher und ist als Organisationsberater für zahlreiche in- und ausländische Unternehmen tätig. Trotzdem, oder gerade deshalb, hat Peter Heintel ein Lieblingsthema: das Innehalten, die Entschleunigung.
Als Mitbegründer des "Vereins zur Verzögerung der Zeit" will Heintel aber nicht zu Passivität oder gar Resignation aufrufen. Bewusstes Innehalten biete die Chance zur aktiven Selbstreflexion. Und die wiederum könnte sich dann auch positiv auf unser Wirtschaftssystem auswirken. Denn die derzeitige Raserei der Produktion lässt sich, so der Wissenschaftler, nur durch individuelles und universelles Verzögern von Zeit stoppen.
Aller Laster Anfang?
"Man darf überall nie müßiggehen, sondern soll beständig tätig sein", mahnten einst die Reformatoren Johann Calvin und Ulrich Zwingli. Damals, im 16.Jahrhundert, ging man davon aus, dass wirtschaftlicher Erfolg göttliche Gnade und Erwähltheit zum Ausdruck bringt. Der Aufstieg des arbeitenden Bürgertums und die Verdrängung des müßiggehenden Adels erschienen in diesem Sinne gottgewollt.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts standen mit der Entwicklung neuartiger Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten die Mittel für eine noch effektivere Zeitnutzung, ja für die Zeitbeschleunigung bereit: "Die Eisenbahn fuhr damals mit 40 Stundenkilometern", relativiert Heintel, "eine Geschwindigkeit, die die Menschen verrückt machen werde, warnten die Experten der Zeit, weil die Landschaft so schnell vorbeifliegt."
Der Geheimrat in der Postkutsche
Auto und Flugzeug beschleunigten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Zeit noch einmal. Der Umsatz an Taschenuhren war zu diesem Zeitpunkt schon sprunghaft angestiegen. Als dann Anfang des 20. Jahrhunderts die Armbanduhr eingeführt wurde, hatte fast jeder seinen Zeitmesser, aber nicht mehr seine Zeit.
Johann Wolfgang von Goethe, dessen Zeiterfahrung sich noch auf die Geschwindigkeit von Postkutschen beschränkte, hatte bereits prophezeit: "Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt. Eisenbahnen, Dampfschiffe und alle möglichen Facilitäten der Communication sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren."
Langsamer, aber besser
Einen vollen Terminkalender und keine Zeit zu haben, galt bis vor kurzem noch als Statussymbol von Managern. Inzwischen gibt es Gegenbewegungen. "Wir brauchen mehr Zeit - in Ruhe", meint Peter Heintel, der auch den Begriff "Slobby" kreiert hat, die "Slower but better working people" (langsamer, aber besser arbeitende Leute). "Der Qualitätsdruck dehnt eher die Zeit, wenn ich Wert darauf lege, in bestimmten Zusammenhängen zu guten Entscheidungen zu kommen".
Pausenloser Aktivismus hat für den Philosophen auch etwas mit der Verdrängung des Todes, also der natürlichen Zeitgrenze jedes Menschen, zu tun: "Ich glaube, dass unsere Neuzeit eine ganz spezifische und sehr männliche Form der Überwindung des Todes durch ewige Produktion oder durch ewiges Wachstum entwickelt hat."
Hör-Tipp
Gedanken, Sonntag, 29. Juni 2008, 13:10 Uhr
Buch-Tipp
Peter Heintel: "Innehalten. Gegen die Beschleunigung - für eine andere Zeitkultur", Herder Verlag
Veranstaltungs-Tipps
Symposium des Vereins zur Verzögerung der Zeit, 2. bis 5. Oktober 2008, Wagrain/Salzburg
GlobArt Academy, 21. bis 24. August 2008, Kloster Pernegg
Symposium "Jetztzeit", 24. bis 25. Oktober 2008, Künstlerhaus Wien
Links
Verein zur Verzögerung der Zeit
GlobArt