Lokale Haltungen haben globale Wirkungen

Glaubenskrieger gibt es überall

Das Wort "Glaubenskrieger" verbindet man seit dem 11. September 2001 mit islamischen Fundamentalisten und übersieht zumeist, dass sich auch in den christlichen Konfessionen militante Fundamentalisten in den Vordergrund drängen.

Man kann das vergangene 20. Jahrhundert das Jahrhundert der Gewalt nennen. Noch nie kamen in relativ so kurzer Zeit so viele Menschen durch Kriege, oder Vertreibungen um. Doch keiner dieser Kriege war religiös motiviert, meinte José Casanova von der Georgetown University, im Unterschied zu der Zeit zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert, in dem Millionen den europäischen Glaubenskriegen zum Opfer fielen.

Globalisierung und Religion

Im modernen Staat gilt Religion als Privatsache - und es besteht die Tendenz, Religion als potentiell gewalttätig einzuschätzen. Andere wieder sehen im Phänomen Religion das Sozialkapital einer Gesellschaft. Seit einigen Jahren hat die Debatte über Religion an Brisanz gewonnen. Dazu trägt die Deterritorialisierung von Religion bei: Die europäischen Kolonialherren exportierten das Christentum dann nach Asien und Afrika, sodass man von einer Deterritorialisierung sprechen kann. In diesem Prozess befinden sich heute alle großen Religionen.

Man trifft Hindus längst nicht mehr nur in Asien, sondern in Amerika, Afrika und Europa; auch Buddhisten und Muslime leben in allen Kontinenten. Das ist eine neue Entwicklung, die zu einer neuen Art von religiösen Konflikten führt. Lokale religiöse Haltungen können heute globale Folgen haben.

Ein Blick auf den Nahostkonflikt
Der deutsche Religionswissenschaftler Hans Kippenberg analysiert dies anhand des Nahost-Konflikts. Hier spielen die religiösen Vorstellungen von US-amerikanischen fundamentalistischen Christen, die vor allem im Mittelwesten der USA, im bible belt, lokalisiert sind, eine wichtige Rolle. Diese Christen glauben, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorstehe, wobei die "wiedergeborenen Christen" sofort ins Paradies entrückt würden, die anderen den Konflikten der apokalyptischen Endzeit ausgesetzt seien.

Bestseller wie die Fortsetzungsromane der Serie "Left Behind" transportieren diese Vorstellung in der Öffentlichkeit. Dies hat Auswirkungen auf die Israel-Politik der USA.

Ein entscheidender Streitpunkt im Nahost-Konflikt sind die jüdischen Siedlungen in der Westbank, die dort seit 1993 errichtet werden. Israel hat die Westbank, die 1947 von der UNO den Palästinensern zugesprochen wurde, im Sechs-Tage-Krieg von 1967 besetzt. Die Palästinenser betrachten die jüdischen Siedlungen als völkerrechtswidrig. Für Evangelikale ist dies aber Teil der Wiederherstellung Israels und daher notwendiger Bestandteil des apokalyptischen Drehbuchs für das Ende der Welt.

Ähnliche Vorstellungen gibt es auch unter orthodoxen Juden in Israel, und auch auf muslimischer Seite finden sich Pendants für die Idee, dass das Territorium des Staates Israel der Schauplatz des Endes der Welt sein werde.

Monotheismus und Gewalt
Dass es keinen Zusammenhang zwischen Monotheismus und Gewalt gebe, lässt sich an der Geschichte des Kriegs der jüdischen Makkabäer gegen die hellenistischen Herrscher ablesen, die das Judentum unterdrückten. Die Makkabäer kämpften, weil sie ihren Glauben behalten wollten. In dem Moment, in dem dies garantiert wurde, endete der Kampf. Es gibt also keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Monotheismus, betont Hans Kippenberg. Zu Gewalt kommt es nur dann, wenn es für eine religöse Gruppe um die Alternative Anpassung und Unterdrückung oder Freiheit und Autonomie geht.

Hör-Tipp
Logos, Samstag, 25. Oktober 2008, 19:05 Uhr

Buch-Tipp
Hans Kippenberg, "Gewalt als Gottesdienst. Religionskriege im Zeitalter der Globalisierung", C.H. Beck