Wo stehen die iranischen Frauen heute?

Am 11. Februar feiert der Iran 30 Jahre Revolution. Doch auch wenn die Bilder der Feiern den Eindruck einer uniformen Masse vermitteln, gibt es heute eine Vielzahl politischer Meinungen im Iran - insbesondere wenn es um die Rechte von Frauen geht.

Am 11. Februar jährt sich die islamische Revolution im Iran zum 30. Mal, und nach diesen drei Jahrzehnten gibt es nicht für alle Iranerinnen dieselbe Antwort. Das Land hat eine Bevölkerung von rund 70 Millionen, zwei Drittel sind nach der Revolution geboren. Die Gesellschaft ist in sozialer und kultureller Hinsicht äußerst vielschichtig, und obwohl die Bilder der Revolutionsfeiern den Eindruck einer uniformen Masse entstehen lassen, gibt es eine Vielzahl politischer Meinungen. Gerade die Forderung nach einer verbesserten rechtlichen Situation der Frauen verbindet im heutigen Iran viele unterschiedliche Strömungen.

Säkulare und islamische Feministinnen

Die iranische Soziologin Gity Azizy sagt: "So wie der Feminismus im Westen verschiedene Strömungen hervorbrachte, so gibt es auch im Iran säkulare und islamische Feministinnen, die beide auf ihre Art die Frauenrechte verteidigen. Diese Strömungen lassen sich nicht deutlich voneinander abgrenzen, sie überlappen sich, denn wie andere gesellschaftliche Strömungen im Iran, so ist auch die Frauenbewegung noch wenig ausdifferenziert. Es sind mehr die säkularen Frauen, die die Protestbewegung um den internationalen Frauentag vom 8. März tragen. Sie sind stärker internationalistisch ausgerichtet und betonen die rechtlichen Forderungen zur Gleichstellung der Frau auf der Basis von CEDAW, der UNO-Frauenrechtskonvention, die der Iran noch nicht unterzeichnet hat. Die islamischen Frauenrechtlerinnen wollen ihre Ziele auf Basis religiöser Werte erreichen, wobei sie in einigen Punkten mit den Säkularen übereinstimmen und andere kritisieren, oder in manchen Forderungen nicht so weit gehen. Ihnen geht es mehr um ideologische als um persönliche Interessen. Unter den religiösen Frauen gibt es viele, die ähnliche Ideen haben, aber sie meinen, dass die islamischen Frauenrechte noch nicht vollständig verwirklicht seien, weil die sozialen Bedingungen es verhinderten oder noch nicht reif sind. Es bestehen Verbindungen zwischen beiden Richtungen, und die Aktivitäten der jeweils anderen Seite werden oft gutgeheißen oder auch unterstützt."

Bessere Ausbildung, höheres Heiratsalter

Gity Azizy führte eine Studie zu Identitätsbildung und Modernitätsverständnis iranischer Frauen durch. Sie forschte am Zentrum für Frauenstudien der Universität Teheran, das mit Unterstützung des früheren Präsidenten Khatami eingerichtet wurde. Das Zentrum spielt eine Vorreiterrolle, seit 2002 das Fach Frauen- und Genderforschung an vielen iranischen Universitäten eingeführt wurde.

Frauen, die wie Azizy ihr Studium fortsetzen, wenn die Kinder herangewachsen sind, findet man im Iran nicht häufig, aber sie werden mehr. Auch heiraten iranische Frauen nun später, um ihre Ausbildung abzuschließen. Das durchschnittliche Heiratsalter ist auf über 23 Jahre angestiegen, wobei es kaum Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt. Auch die Zahl der Singles steigt.

60 Prozent der Studierenden sind weiblich

Einschränkungen bei der Wahl des Berufs oder Studiums, die nach der Revolution eingeführt wurden, sind längst gefallen. Die Schulbildung von Mädchen und Frauen wurde gefördert. Vor der Revolution in den 1970er Jahren waren 75 Prozent der iranischen Frauen Analphabetinnen, um das Jahr 2000 hatten sich die Zahlen umgekehrt und über 70 Prozent der Frauen konnten schreiben und lesen. Heute studieren an den iranischen Universitäten über 60 Prozent Frauen, in manchen Fächern mehr. In der Medizin ist man nun zu einer 50:50-Quote übergegangen, um ein Gleichgewicht zu erreichen.

Kein Job trotz Hochschulabschluss

Im Schnitt sind 60 Prozent aller Studienabgänger weiblich, doch für viele gibt es keine entsprechenden Angebote auf dem Arbeitsmarkt. Mehr als 50 Prozent der Frauen mit Hochschulabschluss sind arbeitslos. Da Unterstützung durch die Behörden fehlt, startete Firuzeh Saber eine Eigeninitiative zur Job-Entwicklung für Frauen.

Durch ihre Projektberatung hat sie viele Frauen kennen gelernt, die für sich und andere Arbeitsplätze schufen, zum Beispiel im Transportwesen, in der Verpackungsindustrie, beim Apparatebau ... sie berichtet über Computer- und Elektroingenieurinnen, über die Gründerin einer landwirtschaftlichen Kooperative. Es gibt aber auch Rückschläge und Versuche, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen einzuschränken und ihre Rolle in der Familie mehr zu betonen. Doch weibliche Berufstätigkeit nimmt zu, über 30 Prozent der iranischen Frauen sind erwerbstätig, oft in Teilzeit. Etwa ein Viertel des akademischen Personals ist weiblich.

Verlegerin des Jahres der Frankfurter Buchmesse

Trotz vieler Schwierigkeiten hat die iranische Frauenbewegung in den vergangenen Jahren durch Kampagnen zur Gleichstellung der Frau auf sich aufmerksam gemacht. Eine ihrer profiliertesten Repräsentantinnen ist Shahla Lahiji. Sie leitet einen progressiven Verlag und erhielt als erste Verlegerin des Iran zirka 1,5 Jahre nach der Revolution die Genehmigung zur Verlagseröffnung.

Frauenthemen und Förderung von Schriftstellerinnen waren von Anfang an ein Schwerpunkt. Lahiji erhielt zahlreiche internationale Preise, 2007 wurde sie auf der Frankfurter Buchmesse als "Verlegerin des Jahres" geehrt. Sie veröffentlicht auch die Schriften der Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi. Es klingt seltsam, meint Lahiji, von der bedeutenden Rolle der Frauen in der iranischen Literatur zu sprechen - nach allem, was über die iranischen Frauen nach der islamischen Revolution berichtet wurde - Diskriminierung, Marginalisierung, Verlust ihrer Menschen- und Bürgerrechte, Leben als Bürger zweiter Klasse - doch genau das sei der Widerspruch, der alle in Erstaunen setzt, die in den Iran kommen, um mit eigenen Augen zu sehen.

Denn das tatsächliche Bild sei so gegensätzlich, dass man es kaum analysieren könne. Frauenthemen sind ebenso wie andere Erscheinungsbilder des Iran derart vielfältig, dass man wohl immer zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt, von welcher Seite man sie auch betrachtet.

Hör-Tipp
Journal-Panorama, Donnerstag, 5. Februar 2009, 18:25 Uhr

Links
Campaign for Equality - Eine Million Unterschriften für Frauenrechte im Iran
Amnesty International Österreich - Kampagne: Frauenrechte sind Menschenrechte]
Iranische Frauenbewegung in Deutschland