Der Wandel des Begriffes Arbeit

Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Künstler in Österreich aus ihrer künstlerischen Tätigkeit ein mittleres Einkommen von 4.500 Euro im Jahr erzielen. Um zu Überleben arbeiten die meisten in anderen Berufsfeldern wie den Creative Industries.

Der Großteil der österreichischen Künstler und Künstlerinnen lebt nicht von ihrer eigentlichen künstlerischen Arbeit. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor, die im Auftrag des BMUKK die soziale Lage der Kunstschaffenden untersuchte. Petra Wetzel und Susanne Schelepa vom Wiener Institut L&R Sozialforschung haben dafür 1850 Künstler aus den Sparten Musik, Literatur, Bildende Kunst, Darstellende Kunst und Film über ihre Arbeits- und Lebenssituation befragt.

Das Ergebnis: das mittlere Einkommen aus der künstlerischen Tätigkeit beträgt 4500 Euro im Jahr. Da von so wenig Geld niemand leben kann, üben die meisten mehrere berufliche Tätigkeiten aus, zum Teil in kunstfernen Bereichen, zum Teil in kunstnahen Feldern, wie Lehrtätigkeit oder den Creative Industries.

Gewinnstreben und künstlerische Gesellschaftskritik

Trotz der tristen finanziellen Aussichten erleben die Kunstuniversitäten einen regen Zulauf. Allein an der Akademie der Bildenden Künste in Wien gibt es pro Jahr 600 Bewerber, Tendenz steigend, berichtet Vizerektor Andreas Spiegl. Aufgenommen werden aber nur zehn Prozent der Bewerber und Bewerberinnen. Entscheidend sei nicht nur die künstlerische Eignung sondern auch die Auseinandersetzung mit dem Kunstbegriff, so Andreas Spiegl, zuständig für Lehre und Forschung an der Akademie.

Denn wirtschaftliches Gewinnstreben und künstlerische Gesellschaftskritik vertragen sich nicht. Oder anders gesagt, die fortschreitende Ökonomisierung aller Lebensbereiche, auch der Kunst führe die Gesellschaft in eine Sackgasse. Ein kritisches Verhältnis zur Ökonomie sei deshalb von Künstlern und Künstlerinnen gefordert.

"Wir sitzen in der Falle"

Dass die flexiblen, selbstmotivierten Arbeitsweisen der Kulturschaffenden zunehmend zum Vorbild für alle Berufe werden, dieser Ansicht ist auch Marion von Osten, Professorin für Kunst und Kommunikation an der Akademie der bildenden Künste Wien.

2003 kuratierte sie die Ausstellung "Be Creative - Der kreative Imperativ" im Museum für Gestaltung in Zürich, wo sie die Veränderungen der Arbeit thematisierte. "Die Avantgarden haben die Auflösung von Kunst und Leben gefordert und letztlich sitzen wir in dieser Falle", bringt es die Künstlerin auf den Punkt.

Individualität als wirtschaftliche Ressource

Kreativ und authentisch zu sein, wird zunehmend von allen Beschäftigten verlangt, meint auch Diedrich Diederichsen, in den 1980er Jahren Redakteur des Musikmagazins Spex, heute unterrichtet er Kunsttheorie an der Akademie der bildenden Künste Wien.

Die Lebendigkeit und die Individualität des Einzelnen wird zur wirtschaftlichen Ressource, nicht nur in den Creative Industries. Es gehe vor allem darum, so Diederichsen, "man selbst zu sein". Deshalb erscheint ihm die Metapher des "Eigenblutdoping" so passend. Sie ist auch Titel seines jüngsten Buches.

Diskussion um die Veränderung der Arbeitswelt

Diese Situation ist ein Ergebnis der Krise der Arbeit oder besser gesagt, der Transformation der Bedeutung von Arbeit, die schon in den späten 1970er Jahren einsetzte. Damals demonstrierten junge Beschäftigte in Norditalien nicht einfach nur für bessere Löhne sondern gegen den Charakter der Fabriksarbeit.

Die Bewegung Autonomia Operaio, zu deutsch Arbeiter-Autonomie, eine Gruppe von Gesellschaftstheoretikern um Antonio Negri, sahen darin einen entscheidenden Bruch mit den alten Weisheiten der etablierten Arbeiterbewegung, erklärt Marion von Osten.

Begriffe wie immaterielle Arbeit (Paolo Virno, Maurizio Lazzarato) prägen seither die Diskussion um die Veränderung der Arbeitswelt. Die Produktion von Wert beruht nicht mehr allein auf materiellen Gütern, sondern den immateriellen Werten, die sie verkörpern.

In diesem Sinn sind alle an der Produktion von Wert beteiligt. Den Mehrwert, also den Gewinn, schöpfen aber nur einige wenige ab. Mit der immateriellen Arbeit wird letztlich die ganze Gesellschaft zur Fabrik, meint Marion von Osten.

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Das Versprechen der "kreativen Ökonomie"
Vom Aufstieg der kreativen Klasse
Neustart statt Depression

Hör-Tipp
Radiokolleg, Montag, 23. März bis Donnerstag, 26. März 2009, 9:05 Uhr

Buch-Tipps
Antonio Negri, Maurizio Lazzarato, Paolo Virno, and Thomas Atzert, "Umherschweifende Produzenten: immaterielle Arbeit und Subversion", ID-Verlag

Diedrich Diederichsen, "Eigenblutdoping Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation", KiWi, Kiepenheuer & Witsch.

Hubert Eichmann, Helene Schiffbänker (Hg.), "Nachhaltige Arbeit in der Wiener Kreativwirtschaft? Architektur-Design-Film-Internet-Werbung", Lit Verlag

Veranstaltungs-Tipp
Im Rahmen des Ö1 Symposiums "Creative Cities. Das Versprechen der kreativen Ökonomie" diskutieren internationale Experten die Rolle der "Creative Class" und das Paradigma des ökonomischen Nutzens. Dienstag 31. März 2009, Beginn 14:00 Uhr, RadioKulturhaus Wien, Eintritt frei.

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