Scardanelli

Heuer ist ein Band erschienen, der die Hölderlin-Gedichte Friederike Mayröckers bündelt; insgesamt 40 Stück. Scardanelli-Versatzstücke und ein Scardanelli-Tonfall, gespiegelt auch in metrischen Anklängen, sind darin zu finden.

Ich möchte leben
Hand in Hand mit Scardanelli


Wem wohl würde man eine solche Gedichtzeile abnehmen, wenn nicht Friederike Mayröcker, bei der sich Sätze wie dieser mit einer über fünf Jahrzehnte gelebten dichterischen Existenz zu füllen vermögen. Der Name Scardanelli ist ein starker Bezugspunkt, denn hinter ihm steht eine poetische Ungeheuerlichkeit.

Erste Berührung

Ganze 36 Lebensjahre verbrachte Friedrich Hölderlin, verfangen in seinem Wahn, in seinem Turmzimmer in Tübingen. Die Gedichte, die er in jener Zeit schrieb, unterfertigte er mit dem Fantasienamen, oft begleitet von Demutsformeln: Mit "Unterthänigkeit: Scardanelli".

Friederike Mayröcker hat den Hölderlinturm, ein Dichter-Gefängnis mit romantischem Blick über den Neckar, schon vor Jahren erstmals besucht und sich von dem Ort bezaubern, aber wohl auch erschrecken lassen. Aus dem Jahr 1989 datiert ein Gedicht, das von einer ersten Berührung zeugt. Nicht von dem ungeheuerlichen Gesamt-Schicksal des fernen und doch zugleich nahen Dichter-Freundes ist darin die Rede, sondern von einer "Prise Hölderlin", die sich über den Text streut. Ein Text, der die Aussicht aus dem Fenster des "Hölderlinzimmers" im Blick hat, hinaus in den Ufergarten. Die Bäume da unten, so vernimmt sich eine dritte Stimme, "sind noch die gleichen wie damals."

Zahlreiche Zitate

Bei Suhrkamp ist nun ein Band erschienen, der unter dem Titel "Scardanelli" die Hölderlin-Gedichte der Autorin bündelt; insgesamt 40 Stück, beginnend mit dem erwähnten bis hin zu einer längeren Serie, die Mayröcker im Vorjahr schrieb. Auch hier ist es oft nur eine "Prise Hölderlin", ein einzelnes Wort etwa aus einem seiner Gedichte, das sich in das poetische Universum der Autorin fügt oder an dem sich die dichterische Phantasie neu entzündet.

"Diese Schaafe" beispielsweise, geschrieben mit zwei a und bei Mayröcker kursiv gesetzt, weiden an mehreren Stellen im Text, und auch längere Hölderlin-Zitate, die manchmal, scheinbar schlampig, nur noch mit der Abkürzung "Höld." bezeichnet werden, sind in ihm präsent. Oft auch im Titel der Gedichte wie zum Beispiel das Hölderlin-Zitat "oft ich weinend und blöde", das sich in einen verwirrenden langen Titel eines Mayröckerschen Naturgedichtes fügt. Im 19. Jahrhundert übrigens war mit dem Wort "blöde" noch nicht eine Blödsinnigkeit in unserem heutigen Sinn gemeint, sondern es hatte das Wort die schlichte Bedeutung "schüchtern".

Eingepasst in die Zeit

Die Unterthänigkeit (vor der Gnade des eigenen Schreibens) und die Schüchternheit, die gerade auch in den Zusammenhängen des heutigen Literaturbetriebes als eine Blödheit gelesen werden kann, verbinden das Mayröckersche Schreiben nicht erst in diesem neuen Gedichtband mit dem Hölderlinschen Sprachuniversum.

Scardanelli scheint hier nun aber tatsächlich auferstanden zu sein, zu einer neuen demutsvollen und dabei doch ungeheuer kraftvollen Art, mit den Gegenständen der Welt umzugehen. "mit Scardanelli" nennt sich folgerichtig eines der Mayröckerschen Gedichte, und in einem anderen wird angezeigt, dass es sich hier um die "Scardanelli-Version" eines Textes handelt.

Scardanelli-Versatzstücke und ein Scardanelli-Tonfall, gespiegelt auch in metrischen Anklängen, sind in den Mayröckerschen Gedichten zu finden, wobei diese aber nicht altertümlich wirken, sondern ganz eingepasst in ihre Zeit. So steht, was man vielleicht nicht vermuten wollte, in einem der Gedichte "1 Jimi Hendrix an einer Straszenkreuzung", ich nehme an in Wien, und es lagern sich bekannten Wiener Orten wie dem Cobenzl oder dem Pötzleinsdorfer Schlosspark Hölderlinblicke auf den Neckar, aber auch Erinnerungsblicke der Autorin aus Florenz oder aus Venedig an.

Neue Kraft

Die einzelnen Gedichte des Bandes sind auch Bilanzen eines künstlerischen Lebens. Aber sie schließen, obgleich der Gedanke an den Tod drängt, an diesem Leben nichts ab. Ganz im Gegenteil: Die Wahrnehmungsfähigkeit der Autorin, die ver-rückte Phantasie ihrer Bildwelten, das anarche Element ihrer Beschreibungen und auch die Zuneigung zu den Menschen, die sie umgeben, gewinnen in "Scardanelli" neue Kraft.

"Ich möchte leben / Hand in Hand mit Scardanelli", schreibt Mayröcker und zeigt, indem sie die Zeile weiterspinnt, wie das geht: "das Lamm in meinem Bett / die Schäbigkeit meiner Zwischenzeit ekstatisch ahnungslos (ent- / flammt) wie damals als Vater mich fotografierte in meinem / weiszen Kleid und 1 Strähne Haar (hatte den Kopf gedreht) / ins Auge wehte -"

Und so weiter, und so fort: Man möchte mit dem Lesen nicht aufhören.

Mehr zu Friederike Mayröcker in oe1.ORF.at
Die Seidenkleider der Anemonen
Liebesspiel mit Sprache
Letzte Dinge

Mehr zu Friedrich Hölderlin in oe1.ORF.at

Hör-Tipps
Nachtbilder, Samstag, 19. Dezember 2009, 0:08 Uhr

Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr

Buch-Tipp
Friederike Mayröcker, "Scardanelli", Suhrkamp 2009