Aspekte österreichischer Jäger- und Sammlerforschung

Die wahren Indigenen?

Die Erforschung sogenannter Jäger- und Sammler-Kulturen blickt auf eine lange Tradition zurück, die von zahlreichen theoretischen Auseinandersetzungen geprägt war. Am Museum für Völkerkunde Wien entsteht derzeit ein Zentrum zur Jäger- und Sammler-Forschung.

Die Jäger- und Sammlerforschung hat in Österreich Tradition. Die sogenannte Wiener Schule der Völkerkunde sandte Ethnografen zu den als ursprünglich angesehenen Gesellschaften in aller Welt aus, um die krause Ur-Monotheismus- bzw. Ur-Monogamietheorie des Pater Wilhelm Schmidt zu beweisen.

Demgegenüber geht die klassische cultural ecology, wie sie im angloamerikanischen Raum der 1950er Jahre entwickelt wurde von anderen Voraussetzungen aus. Sie stellt, wie Khaled Hakami betont, die Frage, wie sich die Kulturen an ihre Umwelt anpassen, ins Zentrum.

Khaled Hakami ist Kulturökologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wiener Museum für Völkerkunde. Dort entsteht derzeit ein Sammler und Jäger- Forschungszentrum, das der aktuellen anthropologischen Diskussion über diese vom Aussterben bedrohten Gesellschaften Rechnung tragen will.

Jäger und Sammler sind durch ihre nomadische Lebensweise charakterisiert, sie Tamara Neubauer vom Wiener Völkerkundemuseum erläutert. Daraus folgen auch kleine Gruppengröße, geringe Bevölkerungsdichte und hohe Gruppenfluktuation. Diese Gesellschaften zeichnen sich daher auch durch geringe formale Strukturen und nur schwach ausgeprägte soziale und politische Ämter aus.

Steinzeitmenschen?

Eine in Schulbüchern, alten Monografien oder populärwissenschaftlichen Arbeiten gängige These stellt die Jäger- und Sammlergesellschaften mit steinzeitlichen Kulturen auf eine Stufe. Khaled Hakami weist allerdings darauf hin, dass gerade diese Frage in der Forschung heftig und kontroversiell diskutiert werde.

Es sei natürlich falsch, so Khaled Hakami, die Jäger- und Sammler-Gesellschaften als vollkommen isoliert zu betrachten. In dieser Annahme lag auch der Hauptfehler der älteren Cultural-Ecology-Schule. Dennoch seien die Revisionisten unter den Jäger und-Sammlerforschern - wie so oft üblich in der Ethnologie - über das wissenschaftliche Ziel hinausgeschossen - mit der Behauptung nämlich, man könne diese Gesellschaften nicht als eigenständig denken und daher auch dementsprechend untersuchen. Der Wiener Forschungsansatz versucht hier einen Mittelweg zu denken.

Vergleichende Studie
Kernstück dieser Forschung rund um den Leiter des Projektes, Helmut Lukas vom Institut für Sozialanthropologie, Österreichische Akademie der Wissenschaften, ist eine komparative, kulturanthropologische Studie, in der die Subsistenzaktivitäten zweier Jäger- und Sammlergesellschaften untersucht werden.

Zum einen, die Maniq, eine 200 bis 250 Menschen zählende Jäger und Sammler - Gesellschaft in Südthailand. Die Maniq zeigen keine Evidenz einer früheren Ackerbautradition und werden daher als primäre Jäger und Sammler bezeichnet.

Zum anderen die Anak Dalam oder Orang Rimbo, die die dichten Regenwälder der Provinzen Jambi und Palembang auf der indonesischen Insel Sumatra bewohnen. Sie leben als Minderheit von etwa 2.700 Menschen unter der vorwiegend islamischen, malayischen Mehrheit. Im Gegensatz zu den Maniq sind die auch als Kubu bezeichneten Anak Dalam sekundäre Jäger und Sammler, erklärt Helmut Lukas.

Während etwa 90 Prozent aller bekannten Jäger und Sammler auch (temporäre) Felder anlegen, (wie in der aktuellen Wiener Forschung auch die Anak Dalam, leben die Maniq als reine Jäger und Sammler, die ihre ethische Identität aus der rein nomadischen Lebensweise beziehen. Wer Bäume rodet, oder Felder anlegt, ist kein Maniq mehr, sagen sie selbst.

Beziehungen zur Außenwelt

Neben einer intensiven kulturökologischen Studie will das Wiener Jäger-und Sammlerprojekt die gesellschaftliche Strukturen der Maniq und Kubu, aber auch die Außenbeziehungen zu sesshaften Gruppen einer gründlichen Analyse unterziehen. Besonderen Wert legen die Forscher auf eine Untersuchung der Wechselbeziehungen und Interaktionen von sozialer und natürlicher Umwelt. Um eine systematische aber dennoch möglichst breit angelegte und flexible Studie zu gewährleisten, wurden drei Projektschwerpunkte definiert: Die Dynamik der materiellen Kultur, der Impakt der Politik von außen und die Relevanz von Zahlen und Raum, die von unterschiedlichen Analyseebenen ausgehend untersucht werden. In Bezug auf die Methodologie ergeben sich für Khaled Hakami zwei zentrale Fragen: "Was können wir beobachten, was sagen uns die Leute selbst". Diese emischen und etischen Faktoren versucht das Forschungsteam in seiner Untersuchung zu integrieren.

Sowohl die Maniq in Thailand als auch die Anak Dalam auf Sumatra leben in Nationalparks. Beide Gruppen sind aber durch Entwaldung, illegales Siedeln und durch Tourismus samt grassierender Korruption in ihrer Existenz bedroht, wie Helmut Lukas im April auf einer Forschungsreise nach Südthailand feststellen konnte. Gab es 2005 nur drei touristische Ressorts, waren es heuer schon 30 - eine massive Bedrängnis für die Maniq.

Der Feldforschungsaufenthalt habe auch seiner ursprünglichen romantischen Verklärung einen Dämpfer erteilt, wie Christian Wawrinec, der Vierte im Team, sagt. Er erinnert sich an das erste Aufeinandertreffen mit den Anak Dalam, an den ersten Kulturkontakt nach mühsamen, stundenlangen Märschen durch viele Kautschukplantagen und eher weniger Regenwald bis an die Grenze des Nationalparks, wo er erkennen musste, dass er nicht der erste Ethnologe vor Ort gewesen ist, wie überhaupt das Herstellen des Kontakts zu den Anak Dalam sich immer wieder zäh gestalten kann. "Um eine Sammler-Jäger-Forschung machen zu können, muss man eigentlich selbst Sammler und Jäger werden, um deren Teilungs-Etikette nicht andauernd zu verletzen", bringt es Helmut Lukas auf den Punkt. Oder, wie es ein englischer Kollege einmal formuliert hat: "Only a poor Hunter-Gatherer is a pure one", nur ein armer Jäger und Sammler ist ein echter.

Forschungsethische Fragen
Bei der Verwertung der durch teilnehmende Beobachtung, gezielte Befragung und Gruppeninterviews gewonnen Daten über Ernährung, Energieflüsse Zeitaufwand und Arbeitsbelastung scheiden sich die wissenschaftlichen Geister innerhalb der österreichischen Jäger-und-Sammler-Forschungsstelle. Helmut Lukas jedenfalls bekennt sich als aktionistischer Ethnologe: "Die Daten, die wir sammeln, müssen wir nutzen für diese schwer bedrohten Gruppen". Die Alternative sei nämlich, dass die Mitglieder einer klassenlosen Gesellschaft in dörfliche Strukturen integriert würden, und zwar am untersten Ende der sozialen Skala. Tamara Neubauer hingegen hält das für westliche Anmaßung. Die wahren Experten ihrer Zukunft seien die Betroffenen selbst.

Hör-Tipp
Dimensionen, Mittwoch, 26. August 2009, 19:05 Uhr

Link
Uni Wien - Khaled Hakami