Es wächst kein Gras

In den Kriegsjahren 1941-1945 wurde in der kleinen Gemeinde Vals am Brenner von Zwangsarbeitern ein Bergwerk errichtet. Abgebaut wurde nie etwas. Heute fragt man sich im Ort, was die Betonfundamente und überwachsenen Schuttberge bedeuten.

Eine grausame Absurdität der NS-Geschichte: In den Kriegsjahren 1941-1945 wurde in der kleinen Gemeinde Vals am Brenner ein Molybdän-Bergwerk errichtet. Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine, Polen, Serbien und anderen Ländern bauten bis in 3.000 Meter Höhe eine Stollensiedlung, eine Materialseilbahn, eine Wasserleitung und eine Flotationsanlage.

Aufgrund von wenig hinterfragten Gutachten darüber, dass der dringend für die Stahlerzeugung benötigte Rohstoff Molybdän hier abbaubar wäre, wurden sechs Millionen Reichsmark verbaut, das Risiko von Dutzenden Lawinen-Toten in Kauf genommen, Jugendliche aus Osteuropa zur sinnlosen Arbeit getrieben. Kein Gramm Molybdän wurde abgebaut, die Anlagen 1989 gesprengt.

Zwangsarbeit als Museumsprojekt

Die Spurensuche begann mit einer Fachbereichsarbeit des Schülers Johannes Breit über die Insassen des Arbeitserziehungslagers Reichenau bei Innsbruck. Sie brachte Dokumente der beteiligten Firmen und NS-Institutionen zu Tage.

Verlistet sind sie alle, Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen mit Angaben ihrer Nationalität: aus dem Deutschen Reich, Italien, der Sowjetunion, aus Russland und Frankreich, gemeldet bei den Firmen, die sie anforderten: Wayss und Freytag, die Tiroler Erzbergbaugesellschaft, Baumeister Anton Fritz, Allgemeine Baugesellschaft Porr AG. Ihre Berufe sind Mechaniker, Monteur, Zimmermädchen, Tischler, Aufräumerin, Bergarbeiter. Straßenarbeiter, Steinarbeiter, Mineur, Automechaniker, Lagerführer, Köchin.

Gerhard Stadler, Professor an der TU Wien und Experte für Industriearchäologie, ist einer der Symposiumsteilnehmer, die von der Gemeinde Vals und der Familie Breit eingeladen wurden, die Spuren des NS-Bergwerks am Brenner zu besichtigen.

Museologen, eine Historikerin mit Schwerpunkt NS-Schuh-Geschichte, Bergbauhistoriker und Vertreter der Gemeinde beratschlagten Ende August, wie man das Thema in Vals oder auch im Technischen Museum zu Wien aufbereiten könnte.

Mehr Zwangsarbeiter als Einwohner

"Da oben Bergbau zu betreiben, das haben ja die Bilder gezeigt, ist Irrsinn. Warum lässt man sich im Dritten Reich von ein paar so überlustigen Geologen dazu überreden, ein Molybdänbergwerk auf der Alpeiner-Scharte zu bauen?" fragt sich Stadler.

Mehr Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen arbeiteten in Vals, als der Ort Einwohner und Einwohnerinnen hat; zu einer Zeit, da die Orte am Brenner keine Elektrizität kannten, wird eine Starkstromleitung auf den Berg gelegt. Nichts soll unmöglich sein, kein Hindernis für das NS-Regime unüberwindbar, keine Kosten zu hoch, kein Menschenleben etwas wert.

Gerhard Stadler: "Die Arbeitskräfte haben offensichtlich nichts gekostet oder keinen Wert gehabt. Die Finanzierung war offenbar durch eine kriegstolle Wirtschaft abgesichert. Irgendwer hat sich einen großen Vorteil, großen Reichtum versprochen. Die Effizienz hat es nie gegeben. Das projektierte Vorkommen wurde von ursprünglich 70.000 Tonnen auf 26 Tonnen Molybdän reduziert. Die sechs Millionen Reichsmark hat man in den Sand gesetzt. Und die Bevölkerung von Vals hat natürlich auch das bis heute offensichtlich erfolgreich verdrängt."

Im Viehwaggon abtransportiert

Hunderte Fotos tauchen während der Recherche auf. Deren Verwahrer wollen ungenannt bleiben. Fotos von erschreckend ernst blickenden Menschen, Bilder von Weihnachtsfeiern, gar von einer Hochzeit. Bilder vom Zwang, von der Unterdrückung.

Josef Baumann, zuständig für die Regionalentwicklung der Region, ist nicht nur beruflich sondern auch persönlich mit dem Schicksal der Region verbunden. Seine Mutter ist mit 13 Jahren aus der Ukraine ins Tiroler Oberland deportiert worden: "Meine Mutter", sagt Josef Baumann, "hat eigentlich sehr sehr wenig darüber erzählt. Es war ein traumatisches Erlebnis, wie das damals von Statten gegangen ist. Sie hat das Geräusch der Stiefel gehört, dann sind die SS-Männer aufgetaucht und haben alle Jugendlichen auf dem Dorfplatz zusammengetrieben. Meine Mutter erzählte, wie ihr ein Leben lang im Ohr diese Lederstiefel nachhallten, wie sie die brutale Trennung von den Eltern erlebte, danach die Ungewissheit, wo sie hingebracht wird."

Der Kontakt der Bevölkerung mit den fremden Gästen war in der NS-Zeit strengstens verboten, nach dem Ende des Krieges ging er verloren, die Kontaktaufnahme wurde nahezu unmöglich.

Die Stimmen der Gezwungenen hörbar zu machen, ist die Arbeit der nächsten Zeit; Anfragen bei den Verbänden der Zwangsarbeitenden blieben bislang ohne Ergebnis. Man sucht die Stimmen der Vertriebenen, ihre Erinnerungen, aber auch Erinnerungsstücke wie Briefe oder Arbeitsuniformen von Häftlingen.

Sprengung statt Aufarbeitung

"Man hat dem Ganzen nicht den gebührenden Respekt eingeräumt", sagt Gerhard Stadler, "die Ängste, selbst verstrickt zu werden in diese abstruse Idee waren zu groß. So hat man sich der Bauten entledigt und 1989 die Flotationsanlage, einen Betonriesen im Bauernhausstil, gesprengt."

Die Zeitungen kommentierten mit Genugtuung, dass nun der NS Schandfleck endlich beseitigt sei. 20 Jahre später denkt man in Vals wieder ganz anders. Das Österreichische Bundesheer konnte bei der ersten Sprengung nur die Hälfte der Anlage beseitigen, 400 Bohrungen waren erforderlich. Die Anlage wurde dann eingegraben und begrünt und heute sieht man nur mehr einen grünen Hügel, der sich aber in seiner Vegetation von den satten Wiesen unterscheidet.

Hör-Tipp
Journal Panorama, Montag, 14. September 2009, 18:25 Uhr