Vertonte Tätowierungen

Tätowierungen begleiten die Menschheit als Schmuck, hierarchisches Signal, Zeichen der Gruppenzugehörigkeit und des Protests sowie als Symbol der Verbundenheit und Erinnerung. Es überrascht kaum, dass die populäre Musik ihnen Aufmerksamkeit gewidmet hat.

Rory Gallaghers "Tattoo'd Lady" (1973) ist wohl die bekannteste Tätowierte der Popmusik. Dabei wird sie in dem gleichnamigen Lied gemeinsam mit dem bärtigen Baby, dem Feuerschlucker und der Zirkusband bloß mit anderen Jahrmarktsattraktionen aufgezählt, die für den Sänger Familie und Zufluchtsort bilden.

Im Unterschied dazu wird "Lydia, the Tattooed Lady" (1939) von Groucho Marx detailliert besungen. Er lobt den volksbildnerischen Effekt, den die Tätowierungen dieses Fraukörpers ausüben. Ihre mit historischen Ereignissen, berühmten Personen und Orten illustrierte Haut erweist sich als leibhaftige Enzyklopädie.

Tätowierte Liebesschwüre

Am bekanntesten sind Tätowierungen, die eine Liebe vor Verflüchtigung bewahren sollen. Diese Art Tätowierung steht im Mittelpunkt von Tennessee Williams' Schauspiel "Die tätowierte Rose". Es handelt von Serafina delle Rose, die ihrem Mann Rosario verfallen ist, dessen tätowierte Rose die Echtheit seiner Liebe beweisen soll. Als Rosario tödlich verunglückt, verehrt ihn Serafina abgöttisch weiter, bis sie von seinem Ehebruch erfährt, worauf sie sich mit einem Liebhaber tröstet, der Rosario ähnelt und ihretwegen eine tätowierte Rose trägt.

Zur Vermarktung des Filmes "The Rose Tattoo" (1955) wurde ein gleichnamiges Lied geschrieben und von Perry Como aufgenommen.

Zeitlich befristete Tattoos

Beziehungen halten nicht so lange wie tätowierte Liebesschwüre, weshalb für Lebensabschnittspartnerschaften die von "One Happy Island" besungenen temporären Tattoos besser geeignet sind: Der fröhlich-beschwingte Popsong "Temporary Tattoo" (2008) handelt von einem frisch verliebten Paar, dessen gegenseitige Zuneigung so jung ist, wie jene temporären Tattoos, die diesen neuen Bund verbürgen.

Schmückende Tattoos

Wie eine pfiffige Tätowierung eine alte Liebe beflügelt und frischen Schwung in einen tristen Ehe-Alltag bringt, schildern die amerikanischen Singer-Songwriter Shel Silverstein und Fred Koller in ihrem Lied "Little Green Buttons" (1986).

Eine Frau schmerzt, daß ihr Eheleben im Lauf von zehn Jahren völlig lieblos geworden ist. Ihr allabendlich fernsehender Ehemann betrachtet sie nicht mehr. Aus Verzweiflung läßt sie ihren Leib mit kleinen grünen Knöpfen tätowieren, die zwischen Hals und Unterleib eine Aufsehen erregende Reihe bilden. Ihr Mann nimmt diese Änderung zwar erst Tage später wahr, doch zeigt er sich davon so begeistert, dass er sich jeden Abend aufs Neue ihren kleinen grünen Knöpfen widmet.

Männlichkeits- und Protestsignale

Die britische Band "The Who" hat den Generationenkonflikt der 1960er Jahre nicht nur durch die Kulthymne "My Generation" (1965), sondern auch durch ihr weniger bekanntes Lied "Tattoo" (1967) thematisiert, in dem Tätowierungen Männlichkeit und Protest signalisieren.

Als der Vater das Äußere seiner Söhne kritisiert, weil nur Frauen lange Haare tragen, beginnen die Knaben zu grübeln, was einen Mann zum Manne macht: Köpfchen oder Muskeln?

Wenig später borgen sich die beiden Geld von der Mutter und eilen an Frisör und Turnhalle vorbei: zum Tätowierer. Der eine läßt sich seinen Arm mit dem Schriftzug "Mutter", der andere mit einer Nackten verzieren. Daheim setzt es Hiebe, weil der Schriftzug dem Vater und die Nackte der Mutter mißfällt.

Das Ende vom Lied? Viel später ist der eine Sohn so gut wie vollständig tätowiert - seine Frau übrigens auch. Dieser ironische Dreh gibt zu verstehen, dass es nicht Tätowierungen sind, die einen Mann zum Manne machen.

Traumatische Tätowierungen
Die amerikanische Singer-Songwriterin Janis Ian hat mit "Tattoo" (1991) ein Lied über eine Frau geschrieben, die zwar die nationalsozialistischen Vernichtungslager überlebt hat, aber an diesem Trauma zugrunde geht, da sie die KZ-Tätowierung unablässig an die erlebten Greuel erinnert, was zur psychischen Dauerbelastung wird, an der sie zerbricht.

Ian hatte Angst, dieses Lied über die Vernichtungslager zu schreiben, weil die Gestaltung des Themas leicht mißlingen kann. Aber Jane Yolens Kinderbuch "The Devil's Arithmetic" bestärkte sie in der Überzeugung, daß man aus humanitären Gründen weiter an die Shoah erinnern muss.

Text: Andreas Weigel

Service

Mehr zu Tattoo-Trends in ORF.at

David Brake & That Damn Band, "101 Tattoos" (Album: "Lean Mean Texas Machine")

Lloyd Cole and the Commotions, "Jennifer She Said" (Album: "Mainstream")

Perry Como: "The Rose Tattoo", (Album: "The Essential")

Jim Croce, "Coal Tattoo" (Album: "Facets")

Janis Ian, "Tattoo" (Album: "Breaking Silence")

Fred Koller, "Little Green Buttons" (Album: "No Song Left to Sell")

Circe Link, "Bluebird Tattoo" (Album: "More Songs!")

Groucho Marx, "Lydia, the Tattooed Lady" (Album: "The Best of The Marx Brothers")

One Happy Island, "Temporary Tattoo" (EP: "Secret Party That The Other Party Doesn't Know About")

Quicksilver Messenger Service, "Tattoo" (Album: "Shapeshifter Vol.1")

Sade, "Like A Tattoo" (Album: "Love Deluxe")

Jordin Sparks, "Tattoo" (Maxi-Single: "Tattoo")

Artie Tobia, "Saddest of Tattoos" (Album: "The Parade")

The Who, "Tattoo" (Album: "Sell Out")

YouTube - Trailer zur "The Rose Tattoo"
YouTube - Groucho Marx singt "Lydia, the Tattooed Lady"
Janis Ian - Text von "Tattoo", PDF
MySpace - One Happy Island
Fred Koller