Den Willen brechen

Die Schule an der Grenze

Géza Ottliks "Schule an der Grenze" beschreibt eine ungarische Kadettenanstalt nahe der österreichischen Grenze in den 1920er Jahren. Da der Autor selbst eine solche Anstalt in Kőszeg besucht hat, denkt man sofort an dieses schmucke Kleinstädtchen.

Dass im Roman die Stadt nicht beim Namen genannt wird, hat seinen guten Grund. Ottlik ging es nicht um seine eigene Biografie und auch nicht um eine konkrete Anstalt. In einer Detailgenauigkeit, die ebenso abstößt wie man sich ihr nicht entziehen kann, beschreibt er die Mechanismen von Unterordnung und Gleichschaltung: grundlose Schikanen durch Vorgesetzte, absolute Rechtlosigkeit, eine Hierarchisierung der Zöglinge, die die brutalen Übergriffe der Älteren auf die Jüngeren und der Stärkeren auf die Schwächeren augenzwinkernd billigt, die strikte Abgeschlossenheit des Systems bis in seine eigene Sprache hinein. Freundschaft und Solidarität werden systematisch zerstört, und jede Gefühlsäußerung wird gnadenlos der Blamage preisgegeben.

Schonungslos erzählt

Schon wenn man "Die Schule an der Grenze" nur auf dieser Ebene liest, ist der Roman ein Meisterwerk. Mit großer psychologischer Genauigkeit beschreibt Ottlik, wie ein Wille gebrochen wird. Der Erzähler notiert:

Tage, ja Wochen mussten vergehen, bis ich mich wieder so weit zu orientieren vermochte, dass ich erneut wusste, wo meine eigene Nase war. Was ich fand, war allerdings nicht mehr meine alte Nase. Und ich war nicht mehr ich. Ich war nur noch ein Häufchen Angst und krampfhafte Bemühung, zu erraten, wie man mich haben wollte, was man überhaupt von uns verlangte. Denn selbst das blieb uns lange Zeit hindurch verborgen: das Licht ging uns allen nur schwer, und am schwersten und langsamsten Medve auf.

Medve, der träumerische Freund des Ich-Erzählers, findet am schwersten in das System hinein. An sich selbst beschreibt der Erzähler jedoch schonungslos, was mit ihm passiert, als er seine Skrupel verliert und mitmacht bei Plünderungen und gewalttätigen Übergriffen auf Unterlegene.

Großmetapher für den Kommunismus

Wie Robert Musils "Verwirrungen des Zöglings Törleß" zeigt Ottliks Roman die Verzahnung psychischer Mechanismen mit einem Terrorsystem. Die Mischung aus Detailgenauigkeit und Abstraktheit macht viele Lesarten möglich. Als das Buch 1959 in Ungarn erschien, wurde es als Großmetapher für den Kommunismus gelesen. Ein katholisch internatsgeschädigter Österreicher wird an dem System ebenfalls einiges wiedererkennen.

Und man kann und muss den Roman natürlich auf die Zeit hin lesen, in der er spielt: das Ungarn der 1920er Jahre, das Regime von Miklós Horthy. Diese Lektüre bedeutet keineswegs, den Roman historisierend zu entschärfen; sie ermöglicht vielleicht Erkenntnisse über die Faszination rechtsradikaler Bewegungen im heutigen Ungarn.

Bedrohlich und unausweichlich

Trotz oder gerade wegen seiner Modellhaftigkeit geht von diesem Roman etwas Bedrohliches und Unausweichliches aus. Das liegt an seiner statischen und kalt beobachtenden Erzählweise und an der Sprache: "Der Ottliksche Satz zittert nicht, er ruht fest in sich, er wiegt sich wie eine große Barke, ein schwarzer Vogel, kaum merklich", schreibt Péter Esterházy im Nachwort.

Die Entstehungszeit des Romans ist nur am Anfang und am Schluss präsent, dazwischen schimmert sie nur in manchen Reflexionen durch. Insofern hat "Die Schule an der Grenze" sehr viel gemein mit dem Bild, das in der Schule hängt und im Erzählfluss am öftesten auftaucht: "Las meninas" von Velázquez. Wie dort der Maler selbst im Bild ist, während er malt, so ist im Roman der Autor in der Erzählung gegenwärtig. Und das Atelier ist ein klar begrenzter Raum wie die Kadettenanstalt; nur von ganz hinten kommt Licht durch die geöffnete Tür. Im Roman sieht der Zögling Medve das Bild, als er einen Fluchtversuch unternimmt.

Bloß gelegt

Noch ein zweites Bild hängt in der Schule, und es macht ebenfalls sichtbar, was im Roman geschieht: "Die Anatomie des Dr. Tulp" von Rembrandt. Die kalte Anatomievorführung korrespondiert mit der mitleidlosen Optik der Erzählung, das Aufschneiden der Leiche findet aber ihre Entsprechung auch im Bloßlegen der inneren Funktion des Anstalt-Systems.

Die Leiche steht auch für das Körperliche der Attacken und Demütigungen: die Schläge und Stöße, das Brechen der Finger, die ständigen Torturen und Verletzungen. Und was könnte das Sinken der Schamgrenze, den Verlust an Intimität, auf dem das Terrorsystem des Internats aufbaut, besser abbilden als die gierigen Blicke der Zuschauer dieser Leichenpräsentation.

Abkoppelung vom zivilen Leben

Ebenso beziehungsreich ist der Titel des Buches: Der nahen Staatsgrenze kommt dabei vielleicht noch die geringste Bedeutung zu. Das Aus- und Eingegrenzte dieser Kadettenanstalt, die Abkoppelung vom zivilen Leben wird auf Schritt und Tritt sichtbar. Und oft geht es noch um eine andere Grenze: die Grenze des Sagbaren und die Frage, ob es ein wortloses Einverständnis gibt.

Ottliks Erzählen, das auf den ersten Blick keineswegs spektakulär anmutet, ist hoch reflektiert. Am ausgeklügeltsten ist die Grundkonstruktion: Der Erzähler ist im Besitz der Aufzeichnungen seines Freundes Medve, der vor kurzem verstorben ist. Immer wieder kommt er in seinen eigenen Erinnerungen darauf zu sprechen, zitiert große Passagen, kommentiert, widerspricht und weiß oft nicht mehr, welche Erinnerung die richtige ist. Dass es die einzige, "wahre" Wirklichkeit nicht gibt, dass - um noch einmal auf "Las Meninas" einzugehen - das Erzählen nur eine Spiegelung ist, das vor allem realisiert dieser Roman auf geniale Weise. Und auf eine beängstigende: denn hier ist die Humanität kein sicherer Hort - möglichst gut durchkommen und mitmachen ist auch eine Perspektive.

Ein Jahrhundertroman

Ottliks Roman funktioniert auf vielen Ebenen. "Die Schule an der Grenze" ist nahezu sein Lebenswerk. Es hat eine Vorstufe, die aber erst nach dem Tod Ottliks erschienen ist. Auf Deutsch ist sie, viel zu wenig wahrgenommen, 2006 unter dem Titel "Die Weiterlebenden" in dem kleinen Kortina Verlag erschienen, der in Budapest und Wien angesiedelt ist. Vergleicht man dieses noch ganz aus der Kindheitsperspektive geschriebene Buch mit der "Schule an der Grenze", so wird deutlich, dass dieser Roman gerade durch die verschiedenen Zeitebenen und die Aufspaltung der Erinnerung auf zwei Personen zum Jahrhundertroman geworden ist. Ein Glück, dass er endlich in deutscher Übersetzung vorliegt, schön ausgestattet wie alle Bände der "Anderen Bibliothek"; auch die Satzfehler halten sich in Grenzen, obgleich es schon bemerkenswert ist, dass gerade Péter Esterházy in der Nachbemerkung des Verlags zu Péter Esterhézy geworden ist. Wirklich ärgerlich ist, dass man das lange Ö bei ungarischen Namen nicht wiedergegeben hat und auf diese Weise viele Namen, auch den der bekannten Stadt GyÖr, ungeniert falsch schreibt. Bei französischen oder spanischen Wörtern würde sich das niemand erlauben, doch mit sogenannten osteuropäischen Sprachen glaubt man noch immer, so umgehen zu können.

Die Übersetzerin Charlotte Ujlaky hat Großes geleistet, weil sie die bis zum Zerreißen gespannte Ruhe der Ottlikschen Sätze authentisch und ohne falsche Künstlichkeit wiedergibt. Sich bei der Umgangssprache generell für die österreichische zu entscheiden, ist schon durch die Grenznähe gut begründet. Allerdings kann man nicht im selben Satz, wo von einem "Riesentrum" die Rede ist, jemanden "Komm doch mal zu mir runter" sagen lassen. Früher hat es Lektoren gegeben, denen so etwas aufgefallen wäre. Heute kann man bei einer einflussreichen Kritikerin lesen, der Roman, sei "im sehr stimmigen kakanisch-wienerischen Deutsch" geschrieben. Trotzdem: Die Übersetzung ist dadurch nicht wirklich beschädigt. Und Ottliks Roman schon gar nicht.

Hör-Tipp
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr

Buch-Tipp
Géza Ottlik, "Die Schule an der Grenze", aus dem Ungarischen von Charlotte Ujlaky, Eichborn Verlag

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Eichborn