Trauern um den Enkel des Propheten

Aschura bei den Schiiten

Am Sonntag ist heuer nach islamischem Kalender "Aschura". Alljährlich sorgen an diesem Tag die Prozessionen der schiitischen Muslime für mediales Aufsehen. Tausende Menschen nehmen an Umzügen, Straßentheatern und teilweise sogar Selbstgeißelungen teil.

Das kollektive Trauern um Imam Hussein, den Enkel des Propheten Muhammad, ist für den schiitischen Islam charakteristisch. Im Iran, Irak, im Libanon, in Afghanistan und Pakistan, wo es schiitische Mehrheiten oder Bevölkerungsteile gibt, finden im ersten Monat des arabisch-islamischen Mondkalenders, des Muharram, öffentliche Trauerfeiern statt. Den Höhepunkt erreichen sie am 10. Tag, der sogenannten Aschura.

Historischer Hintergrund ist, dass Hussein im Jahr 680 n. Chr. mit seiner Familie und einigen Getreuen nahe Kerbala, im heutigen Irak, von einer übermächtigen Armee umzingelt und getötet wurde. Er hatte sich geweigert, die zunehmende Gewaltherrschaft eines unrechtmäßigen Kalifen zu akzeptieren und wollte nach Kufa im Irak ziehen. Die Einwohner hatten ihn aufgefordert, die spirituelle Leitung der Gemeinde zu übernehmen und ihnen gegen die Unterdrückung beizustehen.

Buße durch Selbstgeißelungen

Hussein war der jüngere Sohn der Prophetentochter Fatima und ihres Gatten Ali. Nach Meinung der Schiiten hätte Ali nach dem Tod Muhammads dessen Nachfolge übernehmen sollen, er wurde jedoch erst als Vierter ins Amt des Kalifen gewählt. Bald machte ihm eine altarabische Aristokratie das Kalifat streitig, und nach Alis Ermordung im Jahr 661 etablierte sich in Damaskus die Dynastie der Umayaden, die zwei Jahrzehnte später für das Martyrium seines Sohnes Hussein verantwortlich war.

Dass die Einwohner Kufas damals dem Enkel des Propheten nicht zu Hilfe eilten, verleiht den Aschura-Feiern bis heute einen Aspekt der Buße. Bilder zeigen oft blutige Rituale, bei denen sich Männer die Kopfhaut über der Stirn einritzen, bis Blut über ihr Gesicht strömt.

Emotionen brechen sich besonders dort Bahn, wo Schiiten lange Zeit unterdrückt oder benachteiligt waren. Dann kann es sogar zu Selbstgeißelungen kommen, obwohl der Islam Selbstverletzungen verbietet.

Männliche Tränen

Im Iran, wo die Schiiten in der Mehrheit sind, hat man diese Form der Trauer untersagt. Das Weinen um die Märtyrer gilt aber keineswegs als "unmännlich". Männer und Frauen, Jugendliche und Erwachsene, schluchzen öffentlich, als würden sie alles Leid der Welt beweinen. In die Trauer mischt sich die Hoffnung auf Erlösung: Der 12. Nachfolger in der Reihe der schiitischen Imame gilt seit dem 9. Jahrhundert als entrückt und soll vor dem Ende der Zeiten wiederkehren, um der Welt Gerechtigkeit und Frieden zu bringen.

Die Mehrheit der Muslime - "Sunniten" genannt - fügte sich in die neuen Machtverhältnisse unter den Umayaden-Kalifen, die eine erbliche Herrschaft errichteten. Basisdemokratische Züge des frühen Islam - wo Frauen beteiligt waren - wurden damit Geschichte.

Fünfer, Siebener und Zwölfer

Das Ereignis von Kerbala war entscheidend, dass sich die Schia - die "Partei" Alis, als zweite große Strömung des Islam herausbildete. Die Hauptgruppe der Schia beruft sich auf zwölf Imame aus der Linie des Propheten Muhammad. Diese sogenannten Zwölfer-Schiiten sind vor allem im Iran, Irak und dem Libanon vertreten.

Die schiitischen Ismailiten erkennen einen siebenten Imam als Letzten an. Auf ihn führt das heutige Oberhaupt der Ismailiten, der Aga Khan, seine Abstammung zurück. In Nord-Jemen, wo ein blutiger Konflikt tobt, leben die Fünfer-Schiiten oder Zaiditen, die fünf Imame anerkennen.

Der Anteil der Schiiten an den weltweit zirka 1,3 Milliarden Muslimen beträgt 15 bis 20 Prozent, je nachdem, welche Untergruppen man dazu zählt. In Konfliktregionen wie Irak oder Pakistan kommt es oft zu tödlichen Anschlägen auf schiitische Pilger. Doch Aschura ist auch für die Sunniten ein Trauertag, denn es besteht Einigkeit, dass sich der Prophetenenkel Hussein zu Recht gegen Unrecht und Unterdrückung auflehnte.

Hör-Tipp
Tao, Samstag, 26. Dezember 2009, 19:05 Uhr