Freundschaft als Netzwerk

Wahlfreundschaften

Wollte man wissen, was Freundschaft ist, musste man sich lange mit den Theorien der Philosophie begnügen. Jüngst wurde sie jedoch zum Forschungsgegenstand der Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften.

Die traditionellen Bindungen wie Familie und Ehe verlieren an Bedeutung. Freundschaften gewinnen dadurch einen größeren Spielraum im Alltag. Außerdem können durch soziale Netzwerke im Internet wesentlich mehr Freundschafen gepflogen, aktuellen Informationen ausgetauscht und Rat eingeholt werden. Da drängt sich die Frage auf, ob dadurch die Qualität unserer Freundschaftspraxis abnimmt?

Netzwerk "Freundeskreis"

Für die Kommunikationswissenschaftlerin Gerrit Götzenbrucker führt das freundschaftliche "Netzwerken" im Internet zu einem Wandel des klassischen Freundschaftsbildes. Social network services scheinen die Grenze zwischen Bekanntschaft und Freundschaft immer mehr aufzuweichen.

Der Netzwerkgedanke steht im Vordergrund, der Verpflichtungscharakter ist hoch. Die Schattenseiten dieser Technologien werden von Jugendlichen aber oft nicht wahrgenommen. "Sämtliche Daten, die der Benutzer in das System einspeist, werden in punkto Markt- und Meinungsforschung finanziell weiterverwertet. Die Serverkapazität für diese Seiten muss ja auch finanziert werden", so Gerrit Götzenbrucker.

Facebook, das derzeit populärste soziale online Netzwerk, hat über 300 Millionen Nutzer weltweit, in allen Alters- und Bildungsklassen. Denn nicht nur soziale, auch nationale Zugehörigkeiten spielen bei der Freundschaftsfindung durch social network services eine wesentlich kleinere Rolle.

Kulturelle Unterschiede

Auch wenn kulturelle Unterschiede den Umgang mit diesen globalen Kommunikationstechnologien durchaus beeinflussen. Eine Studie des Instituts für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien, die in Zusammenarbeit mit der Universität Bangkok durchgeführt wurde, hat sich genau dieser Problemstellung gewidmet.

Kulturelle Unterschiede werden im Umgang mit online Netzwerken schnell deutlich. Ein Europäer mit mehr als 200 Freunden wirkt unglaubwürdig. Alle diese Bekanntschaften in einem freundschaftlichen Sinn zu bedienen, zu pflegen und aufrecht zu erhalten ist unwahrscheinlich. Deswegen ist es durchaus legitim Freundschaftsanfragen abzulehnen, um die Anzahl der Kontakte überschaubar zu halten.

In Asien wäre so ein Verhalten unhöflich. Jede Freundschaftsanfrage wird akzeptiert, die Kontaktlisten umfassen oft mehr als 500 Freunde. Denn die Anzahl der Netzwerkbekannten gibt im asiatischen Raum Auskunft darüber, wie gut ein Mensch sozial eingebettet ist.

Romantische Ideale

Rüdiger Safranski beispielsweise sieht diese Entwicklung nicht nur positiv. In seinem Buch "Goethe und Schiller. Die Geschichte einer Freundschaft", welches im Hanser Verlag erschienen ist, analysiert er das innige Verhältnis der beiden Dichter und den Umgang mit Freundschaft im 18. Und 19. Jahrhundert.

Eine Freundschaft zu pflegen war damals mit enormem Aufwand verbunden. Briefpapier war teuer. Besuche waren anstrengend, konnten selten spontan stattfinden, verlangten nach genauer Vorbereitung. Der Austausch mit Freunden war, anders als heute, zeit- und kostenintensiv.

"Die allseitige Verknüpfung und die leichtere Kommunikabilität führt zu einer Beziehungsinflation," so Rüdiger Safranski. "Der Aufwand den Beziehungspflege in der Romantik mit sich brachte, führte zu einer wesentlich größeren Sorgfalt bei der Wahl der Freunde."

Hör-Tipp
Salzburger Nachtstudio, MIttwoch, 17. Februar 2010, 21:06 Uhr

Buch-Tipps
Rüdiger Safranski, "Goethe und Schiller. Die Geschichte einer Freundschaft", Hanser Verlag

Hilde Schmölzer, "Frauenliebe. Berühmte weibliche Liebespaare der Geschichte", ProMedia Verlag