Unterschiedliche Zeitebenen und Kontexte

Hertl.Architekten

Bereits zum achten Mal präsentiert das Architekturfestival Turn On im März einen Überblick der österreichischen Architekturszene. oe1.ORF.at hat die Vortragenden via E-Mail-Interview zu Innovationen und Trendwenden im privaten und öffentlichen Bauwesen befragt.

"Architektur ist stimmungsvoll, veränderlich, fließend, logisch, kontinuierlich. Nicht die reine Funktion sondern die Raumstimmung, nicht zweidimensionale Schichtung sondern die städtebauliche Logik bestimmen die Struktur unserer Ansätze, die Angemessenheit der Mittel", ist auf der Website von Hertl.Architekten zu lesen. Gernot Hertl wird bei Turn On drei Beispiele individuellen Wohnraumes präsentieren, in denen es um Umbau und Erneuerung in einem sehr disparaten Sinn geht: "Egger Haus", "Krammer Haus" und "Essl-Steinwendtner Haus" zeigen das weit gespannte Spektrum einer Entwurfshaltung, die immer wieder als lapidar und reduziert bezeichnet wird, die andererseits aber auch zu effektvollen Resultaten führt.

Bei den vorgestellten Stadt- und Landhäusern geht es um unterschiedliche Zeitebenen und Kontexte. Das "Egger Haus" stellt eine völlig neue Zeitschicht dar, denn das alte Bauernhaus wurde an dieser Stelle abgetragen. Mit den auf ungewöhnliche Weise hervorgehobenen Fensteröffnungen wirken die weißen Kuben hinter den breit gelagerten Steinmauern südländisch; es werden mediterrane Landschaften und Bauten evoziert. Hertl entwickelt - gerade in der Auseinandersetzung mit einer bestehenden, komplizierten Baustruktur - immer wieder eine prägnante, moderne Idee und architektonische Eigenart des Bauwerks, die Kontext und Bauaufgabe reflektieren.

oe1.ORF.at: Die Weltwirtschaftskrise hat zu einer Neubewertung von Bauvorhaben in Boom-Ländern geführt: Sehen Sie Anzeichen, dass die Gigantomanie (Stichwort Burj Dubai) von einer neuen Bescheidenheit abgelöst wird?
Hertl.Architekten: Ich denke, dass mehr Bescheidenheit nur dort entsteht, wo es spürbare wirtschaftlichen Einbußen gibt, Gigantomanie wird in Einzelfällen auch unabhängig einer wirtschaftlichen Gesamtsituation betrieben. Ein genereller Trend zur Einfachheit ist ohnehin schon länger auszumachen, der hat aber kaum etwas mit Krisen zu tun.

Welche österreichischen architektonischen Innovationen der ersten zehn Jahre des 21. Jahrhunderts haben für Sie das Potenzial, im neuen Jahrzehnt einen internationalen Trend setzen zu können?
-

Dome, Regierungsgebäude, Museen und Sportstadien gelten als Wahrzeichen von Machteliten - welche architektonischen Symbole sind für Sie wichtig?
Plätze, Freiräume und sozialer Wohnbau als Spiegel der Gesellschaft.

Welche städtebaulichen Maßnahmen müssen Ihrer Ansicht nach in Wien bis 2020 getroffen werden, um ein nachhaltiges Wachsen der Stadt zu gewährleisten?
Die Nachhaltigkeit liegt ja gerade im Städtebau. Stadtumbau, Nutzung vorhandener Strukturen und Dichte als Ressourcenschonung der Infrastruktur bringen einfach mehr als viele einzelne supergedämmte Häuser.

Ergeben sich aus der zunehmenden Vermischung privater und beruflicher Nutzung von Wohnräumen neue gestalterische Anforderungen?
Ja, sicher. Es gibt aber viele unterschiedliche Nutzungsanforderungen unterschiedlicher Gebäudetypen, und die sind nur ein Teil der Rezepturen, aus denen Architektur entsteht. Aus meiner Sicht ist die Herangehensweise immer die gleiche, es geht um Kontext, Sinnlichkeit, Wirtschaftlichkeit und die Lesbarkeit nach außen hin. Darüber hinaus macht eine hohe Nutzungsneutralität einfach Sinn.

Welche Chancen und Risiken entstehen aus dem Spannungsfeld "Privatsphäre versus staatliche Überwachung" bei der Planung öffentlicher Räume?
Öffentliche Räume können nur eine Angelegenheit der Allgemeinheit sein, in der Umsetzung dieser Erkenntnis liegen auch die Chancen.

2009 gab es an zahlreichen tertiären Bildungseinrichtungen Proteste gegen den Bologna-Prozess. Welche Ansprüche stellen Sie an ein zeitgemäßes Architekturstudium?
Es sollte ein Wissenspool sein, aus dem heraus Studenten sich aktiv bedienen können, und genügend räumliches Flair aufweisen, das zum Denken Lernen anregt. Die Lust am Lernen zu stimulieren, erscheint mir oft vernachlässigt und wenig beachtet.

Sie sind heuer bei Turn On 2010 mit drei Projekten vertreten: Welche digitalen Kommunikationsinstrumente waren in der Planung und welche in der Umsetzung wichtig?
-

Veranstaltungs-Tipps
8. Architekturfestival Turn on, Samstag, 6. März 2010, 13.00 bis 22.00 Uhr, ORF Radiokulturhaus - KulturCafé und Großer Sendesaal, Eintritt: frei

Mehr dazu in radiokulturhaus.ORF.at

Turn On Partner, Freitag, 5. März 2010, TU Wien, Kuppelsaal im Hauptgebäude, 13:30 Uhr bis 19:00 Uhr, Eintritt frei

Links
nextroom - Turn On
Hertl.Architekten