Und die Nilpferde kochten in ihren Becken

Ihr erstes Buch schrieben William Burroughs und Jack Kerouac gemeinsam und wechselten einander von Kapitel zu Kapitel ab. Die vielen schrägen New Yorker Typen, die sie beschreiben, lassen allesamt die nervöse Atmosphäre der Großstadt spüren.

Wie schmeckt gekochtes Nilpferd? William Burroughs und Jack Kerouac werden es vermutlich nicht gewusst haben - die vielen Figuren in ihrem Roman "Und die Nilpferde kochten in ihren Becken" übrigens auch nicht.

In einer schicken Bar an der Seventh Avenue in New York läuft das Radio, wir schreiben das Jahr 1944: Amerikanische Flugzeuge kreisen über Europa, im Juli scheitert das Attentat auf Hitler. Doch die große Weltpolitik verirrt sich nur selten in die Köpfe der Figuren in diesem Roman. Und aus dem Radio kommt eine seltsame Meldung über einen Brand in einem Zirkus, bei dem, so der Nachrichtensprecher, die Nilpferde in ihren Becken zu Tode gekocht worden seien. Ein grausiges Ereignis, aber nur eine Meldung unter vielen.

Genauso wie auch der Barmann Will Dennison und der Seefahrer Mike Ryko nur zwei Gesichter im Dschungel von New York sind. Sie spielen die Hauptrollen in dieser Geschichte, mehr noch: Sie sind die durchscheinenden Masken, die sich die zu jener Zeit noch unbekannten Autoren Burroughs und Kerouac vor ihre Nasen halten.

Vertuschter Mord

Ihr erstes Buch schreiben die beiden gemeinsam und wechseln einander von Kapitel zu Kapitel ab. Burroughs begleitet Will Dennison und Kerouac Mike Ryko durch eine Geschichte, die sich nicht so recht entwickeln will, was wohl seine Gründe hat: Sie geht nämlich auf ein Ereignis im Sommer 1944 zurück, als Lucien Carr seinen Gefährten David Kammerer im Riverside Park an der Upper Westside von Manhattan ersticht.

Carr und Kammerer, nicht zuletzt aufgrund ihres Altersunterschieds von 14 Jahren ein eher ungleiches Paar, gehörten zum Freundeskreis von Burroughs, Kerouac und dem Dichter Allen Ginsberg. Die homoerotische Beziehung der beiden ist voller Spannungen gewesen und endete, nachdem Carr die Avancen von Kammerer nicht länger dulden wollte, auf brutale Weise. Burroughs und Kerouac meldeten der Polizei den Mord nicht, sondern machten sich kurz darauf an die literarische Verarbeitung des Vorfalls.

Spurlose Tage

Durch den Roman tummeln sich allerlei Gestalten, die, sobald sie aufgetaucht sind, auch gleich wieder aus dem Blickfeld verschwinden: Della etwa, eine 20-jährige Lesbe, die vier Selbstmordversuche absolviert hat, die Kleptomanin Bunny aus guter Familie in Boston, oder Chris Rivers, der sich nie wäscht.

Sie pumpen einander um Geld und Drogen an, leben in ihre Tage hinein, die spurlos an ihnen vorüberziehen. Viel weiter als bis zum nächsten Abend reicht ihr Horizont ohnehin nicht. Sie kennen einander nicht wirklich, und was sie antreibt, sind die kleinen versponnenen Träumereien über eine mögliche Zukunft, die ihnen aber auch gleich wieder entgleiten.

Irgendeinen Kick braucht es

Mike Ryko liebt Janie, mit der er in New York zusammenlebt. Sie will heiraten, er will nicht arbeiten, und ohne Geld wird aus der Liebe nichts. Er möchte wieder zur See fahren, um dann mit Janie nach Florida gehen zu können. Will Dennison hat nur Freunde, die ihm Ärger einbrocken, "College-Albereien im Stil von circa 1910" nennt er das. Er hasst philosophische Gespräche, sondern macht sich viel lieber Gedanken darüber, wo er die nächste Ration Marihuana herbekommt.

Seine Gäste zerkauen Cocktailgläser, um sich währenddessen zu fragen, ob man an den Scherben sterben könne. Und Dennison serviert schon mal Rasierklingen mit Senf, denn irgendeinen Kick braucht es ja wohl, um sich durch den Tag zu bringen. Burroughs und Kerouac beschreiben eine Halbwelt, für die die Unterwelt eine Nummer zu groß und das normale Leben nicht mehr greifbar ist.

Hardboiled Stil

Auch wenn die lässigen New Yorker Typen schal und ohne Konturen bleiben, lassen sie dennoch in ihrer Gesamtheit die nervöse Atmosphäre der Großstadt spüren. Zwischen den von Drogen und Alkohol trägen Bewegungen und Gesten lauert die Aggression, der Zorn, den sie nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst richten, nämlich in jenen lichten Momenten, in denen sie merken, dass sie in ihren Leben nicht alles richtig gemacht haben.

Hardboiled, hartgesotten, so hat Kerouac den Stil des Romans beschrieben. Das klingt nach mehr als es tatsächlich ist, denn der Roman ist nüchtern, schnörkellos, straight, schlägt aber stilistisch kaum je über die Stränge. Er besitzt freilich die Coolness eines Humphrey-Bogart-Films, in Schwarz-Weiß, versteht sich, allerdings ohne romantische Zwischentöne. Aber selbst nach mehr als 65 Jahren hat er nichts von seiner sprachlichen Frische und Klarheit eingebüßt: Hier steht kein Wort zu viel und keines zu wenig.

Service

William Burroughs, Jack Kerouac, "Und die Nilpferde kochten in ihren Becken", Nagel & Kimche

Hanser Verlage - Und die Nilpferde kochten in ihren Becken