Schaffensrausch

Trotz ähnlicher Ausgangslage kreuzten sich die unterschiedlichen Wege von Gustav Mahler und Hugo Wolf sowohl in der Jugend, als auch auf dem Karriere-Höhepunkt. Mahler stand im Rampenlicht der Öffentlichkeit, Wolf musizierte meist im privaten Kreis.

Leopold Spitzer, Herausgeber der Wolf-Gesamtausgabe

Da sowohl Hugo Wolf, als auch Gustav Mahler schon früh eine musikalische Begabung zeigten - in Wolfs Elternhaus gab es viel Hausmusik - kamen beide in sehr jugendlichem Alter in die Metropole Wien, in der Hoffnung auf eine profunde musikalische Ausbildung. Sie trafen sich im Wiener Konservatorium, das im - erst wenige Jahre davor erbauten - Gebäude des Musikvereins angesiedelt war, hatten zum Teil dieselben Lehrer und manchmal sogar dieselbe Wohnung.

Das ging ein Jahr hindurch gut. Was Wolf betraf im zweiten jedoch nicht mehr. Zum Unterschied von Mahler wehrte sich Wolf gegen den pedantischen Unterrichtsstil des neuen und strengen Leiters der Kompositionsklasse. Während Mahler in den Folgejahren sein Konservatoriumsstudium abschloss, ging Wolf auf Konfrontationskurs und verließ die Anstalt im Zorn. Mahler hingegen passte sich an, erlebte aber dennoch eine Enttäuschung als er für seine erste, groß dimensionierte Komposition - "Das klagende Lied" - den erhofften Beethoven-Preis nicht erhielt.

Eruptive Schaffensweise

Da Hugo Wolf überzeugt war, auf seine Genialität vertrauen zu können, war er entschlossen, sich autodidaktisch weiterzubilden. Die bescherte ihm zwar eruptiven Kompositionsphasen, aber dazwischen auch totale Lethargie. So steigerte er sich im nächsten Jahrzehnt periodenweise immer wieder in einen wahren Schaffensrausch hinein, der aber immer wieder versiegte. Ekstatisch für einen Dichter entflammt, sei es Eichendorf, Goethe, Mörike oder Heyse, vertonte er dessen poetische Vorlagen gleich bändeweise, während dann wieder Perioden der Inspirationslosigkeit folgten.

Dennoch bildete sich eine persönliche Handschrift schon sehr früh aus. Der Singstimme hat er nicht mehr den melodischen Primat zugestanden, denn es ging ihm um eine Synthese von Gedicht, Gesang und Begleitung. Allerdings ist der Klavierpart seiner Lieder in Weiterentwicklung des Liedstils von Schubert, Schumann und Brahms weit mehr als nur Begleitung und gewinnt oft ein Eigenleben, als wäre er eine symphonische Dichtung für zwei Hände mit einer Fülle charakteristischer Motive.

Kapellmeistermusik?

Im Gegensatz zu Wolf waren die Kompositionsphasen Mahlers kontrollierter. Denn als hauptberuflicher Theaterkapellmeister blieb ihm nur die Urlaubszeit zum Komponieren. Seine Erfolge als Interpret haben aus dem Dirigenten Gustav Mahler im Laufe dreier Jahrzehnte einen Weltstar gemacht, während Hugo Wolfs einziges Engagement als Theaterkapellmeister in Salzburg schon nach Wochen mit einem Eklat endete.

Wahrscheinlich hat aber gerade die permanente Konfrontation mit den Unzulänglichkeiten des Theateralltags Gustav Mahler im Gegensatz zu Hugo Wolf, davon abgehalten, selbst eine Oper zu schreiben. Wolf konnte zwar die Uraufführung seines "Corregidor" noch erleben, nicht hingegen die ersehnte Premiere an der Wiener Hofoper, die Mahler als deren Direktor erst nach Wolfs Tod angesetzt, dann aber auch das Werk selbst bearbeitet, einstudiert und dirigiert hat.

Wolfs Theaterabenteuer als Dirigent

Hugo Wolfs einziges Theaterabenteuer als Dirigent begann im November 1881 als er ein Engagement als Chordirigent und zweiter Kapellmeister am Stadttheater in Salzburg übernahm. Ähnliche wie bei seinen Schul-Odysseen, bei seinen Konservatoriumsproblemen, fand durch sein ungezügeltes Temperament auch seine Theatertätigkeit dass schon nach zweieinhalb Monaten durch einen Eklat ihr plötzliches Ende.

Zu dieser Zeit hatte Gustav Mahler bereits seine ersten Theatererfahrungen im Sommertheater von Bad Hall in Oberösterreich hinter sich und den nächsten Vertrag als Kapellmeister für die Saison 1881/82 in Laibach, heute Ljubjana, bereits angetreten. Der Beginn einer langen, kontinuierlichen Laufbahn im Dienste der Oper, die - so gut wir ohne Unterbrechung - bis nach New York führte.

Wolf hingegen kehrte schon zu Beginn des Jahres 1882 nach Wien zurück und komponierte Monate später als Sommergast in Mayerling seine erste, meisterhafte Miniatur nach einem Mörike-Text aus einem Guss, die sich - auch nach mehr als einem Jahrhundert - aus den Liederabendprogrammen von Sopranistinnen nicht mehr wegdenken lässt.

Miniatur contra Gigantomanie?

Man muss sich diese Schaffenseruptionen einmal mit Hilfe von Daten vergegenwärtigen: Vom Februar 1888 bis Februar 1889 - also in zwölf bis dreizehn Monaten - komponierte Hugo Wolf 53 Mörike-Lieder, mehr als 20 Eichendorf-Lieder und 51 Goethe-Lieder!

Dann - nach eine Schaffenspause von acht Monaten 28 Lieder aus dem "Spanischen Liederbuch" in knapp drei Monaten. Den ersten Schwung von 15 Liedern des "Italienischen Liederbuchs" komponierte er in 25 Tagen. Dann kamen immer wieder Phasen der künstlerischen Sterilität. In denen er aber reiste, vor allem innerhalb Deutschlands - etwa nach München, Stuttgart oder Mainz, wo er Verlagskontakte pflegte und manchmal auch bei Konzerten durchaus eindrucksvolle Erfolge einheimste, etwa in Berlin 1895 bei einem Chorkonzert unter der Leitung von Siegfried Ochs mit Mörikes "Feuerreiter" und Shakespeares "Elfenlied".

Danach, viel später, bei der Komposition des zweiten Teils von Liedern aus Heyses "Italienischem Liederbuch" schuf Wolf allein in den Monaten März und April des Jahres 1896 zwei Dutzend Lieder.

Er repräsentiert - ähnlich wie Mahler - einen extremen Gegensatz zum Musikdramatiker Wagner, Wolf als vollendeter Miniaturist, Mahler als Erforscher neuer sinfonischer Dimensionen. Ihm können die verwendeten Mittel gar nicht aufwändig genug sein.

Für seine 6. Symphonie schreibt er zuzüglich zu einem riesigen Orchesterapparat auch einen Hammer vor, dessen Verwendung er mit den Worten definiert: Kurzer mächtig, aber dumpf hallender Schlag von nicht metallischem Charakter (wie ein Axthieb)". Kein Wunder, dass eine Wiener Karikatur, die ihn bei der Auswahl des Instrumentariums zeigt, den Text enthält: "Herrgott, dass ich die Hupe vergessen habe, jetzt kann ich noch eine Symphonie schreiben."

Das tat er dann auch. Heute gibt es zehn Mahler-Symphonien - doch nicht alle vollendet.

Mehr dazu in oe1.ORF.at

Hör-Tipp
Musikgalerie, Montag, 22. März 2010, 15:05 Uhr

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