Mein Leben mit Tolstoi

Sofja Tolstaja war gerade erst 18 Jahre alt, als sie Leo Tolstoi heiratete. Verliebt in den berühmten Schriftsteller, übernahm sie zunächst bereitwillig die Rolle der dienenden Ehefrau. Die eigenen literarischen Ambitionen unterdrückte sie.

Sie sind eines der berühmtesten Ehepaare der Literaturgeschichte: Sofja Tolstaja und Leo Tolstoi. Er gilt als einer der bedeutendsten Erzähler der Weltliteratur, seine Werke - allen voran "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina" - sind Klassiker. Sie hingegen wurde bislang kaum als eigenständige Persönlichkeit gesehen, und das Bild, das von ihr gezeichnet wird, ist durchwegs negativ.

Sofja, die 1862 als 18-Jährige den um 16 Jahre älteren Schriftsteller heiratete, wird als geistig wenig flexibles Hausmütterchen präsentiert, das zunächst bewundernd zum genialen Ehemann aufblickt und sich später zur zänkischen Hysterikerin entwickelt. Vor allem aber wird ihr die Schuld am Tod Tolstois zugeschrieben.

Durch ihre Engstirnigkeit und Geldgier habe sie den greisen Dichter in jene spektakuläre Flucht getrieben, die am 20. November 1910 in der kleinen Bahnstation von Astapowo, ein paar Hundert Kilometer südlich von Moskau, endete. Der 82-jährige Tolstoi, der in aller Eile das Familiengut verlassen und sich im ungeheizten Eisenbahnwaggon eine Lungenentzündung zugezogen hatte, starb dort umlagert von einer Meute von Journalisten, die das Drama zu einem der ersten großen Medienspektakel machten.

Antwort auf die "Kreutzersonate"

Was wirklich im Hause Tolstoi vorgefallen war, wie sich die Ehekrise über die Jahrzehnte hinweg entwickelt hatte, wird erst jetzt allmählich klar - unter anderem durch die vor einigen Jahren im Insel-Verlag publizierte Biografie "Sofja Andrejewna Tolstaja" von Ursula Keller und Natalja Sharandak, die auf bislang unbekanntem Archivmaterial basiert.

Ganz wesentlich ist dabei ein Zufallsfund, durch den sich eine ganz neue, differenziertere Sicht auf Sofja Tolstaja eröffnet. Denn im Nachlass der 1919 Verstorbenen entdeckte man das Manuskript zu einem Roman, den Sofja 1893 verfasst, aber nie veröffentlicht hatte: "Eine Frage der Schuld". Anlässlich der "Kreutzersonate" von Lew Tolstoi - so der Titel der deutschen Ausgabe aus dem Jahr 2008. Tolstaja erweist sich in diesem Werk als profilierte Erzählerin; vor allem aber ist das Buch als Akt der Selbstbehauptung und Selbstverteidigung zu sehen.

Mann gut, Frau böse

1891 hatte Leo Tolstoi den Roman "Kreutzersonate" publiziert und damit enormes Aufsehen hervorgerufen. Tolstoi, der sich in jener Zeit einer stark religiös dominierten, asketischen Lebensform zuwandte, zeichnet in dieser dramatischen Geschichte einer Ehe ein ausschließlich negatives Frauenbild. In extremer Polarisierung werden Mann und Frau einander gegenübergestellt: er als das nach Höherem strebende, "reine" Wesen, sie als die Verkörperung des Bösen, die durch ihre Sinnlichkeit den Mann ins Verderben treibt.

Von den Zeitgenossen wurde die "Kreutzersonate" umgehend als autobiografisches Bekenntnis gewertet, als Schilderung der zerrütteten Ehe der Tolstois. Sofja war zutiefst verletzt und fühlte sich, wie sie in ihrem Tagebuch vermerkte, "vor den Augen der ganzen Welt gedemütigt".

Vergebliches Bemühen um Gleichberechtigung

Jahrelang hatte sie sich dem Schaffen ihres Mannes gewidmet, sich als erste Leserin und sorgfältige Kopistin betätigt (so erstellte sie allein von "Krieg und Frieden" sieben Reinschriften), hatte 13 Kinder zur Welt gebracht, das Familiengut verwaltet - und ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen unterdrückt. Nun aber drängte es sie, auf das Buch ihres Mannes literarisch zu replizieren.

Auch sie erzählt die Geschichte einer Ehe, allerdings aus der Sicht der Frau. Auch ihr Resümee ist negativ. Allerdings sieht sie die zentrale Problematik darin, dass sich der Mann weigert, die Frau als gleichberechtigt wahrzunehmen. Dies entsprach wohl dem, was Sofja in ihrer Ehe selbst erlebte. In ihrem Tagebuch notierte sie: "Er nimmt von seiner Umgebung nur das, was seinen Genius, sein Schaffen umgibt. Von mir zum Beispiel nimmt er meine Arbeit des Abschreibens, meine Sorge um sein leibliches Wohl, meinen Körper. Mein ganzes geistiges Leben ist für ihn ohne Interesse, und er hat keine Verwendung dafür - denn er hat sich niemals die Mühe gemacht, es zu verstehen." Und resignierend schloss Sofja Tolstaja: "Es tut mir schrecklich weh - und dennoch verehrt die Welt einen solchen Mann."

Service

Buch Ursula Keller, Natalja Sharandak, "Sofja Andrejewna Tolstaja. Ein Leben an der Seite Tolstojs", Insel Verlag

Buch Sofja Tolstaja, "Lied ohne Worte", aus dem Russischen übersetzt von Ursula Keller, Manesse Verlag