von Hamid Sadr, Teil IV

Der Gedächtnissekretär

Vor der Creditanstalt sah ich noch die zehn unterbelichteten, kleinen und schlecht entwickelten Fotos durch. Unschlüssig, ob ich arbeiten oder lieber nach Hause gehen sollte, blätterte ich in seinen Notizen. Ich hatte keine Lust, in seine Vergangenheit zu schlittern und in seiner Geschichte zu wühlen:

Innenstadt mittlerweile bis zur Ringstraße gesperrt, eine Völkerwanderung am Ring. Vor der Creditanstalt, die Ladenlichter gehen schon jetzt (um 16 Uhr) aus: Eine neue Maßnahme bei der Durchführung der Verdunkelung. Nur die Schottengasse ist durchlässig. Gott sei Dank, denn M., mit dem ich verabredet bin, wartet schon in der Naglergasse auf mich. Die Leute gehen, mehr neugierig als bestürzt, in diese Richtung. Überall die gleichen Verwüstungen, so dass man durch die Häufung der Trümmer abgestumpft wird. Um 17 Uhr Am Hof …

Ich eilte auf den Platz Am Hof. Dort las ich auf dem Zettel folgendes: "Ein Treffer im Heidenschuss, an der Ecke Freyung. Fahnenfabrik Fleck ist schon zerstört, rund um den Platz keine Fensterscheibe mehr heil, das gebrochene Glas wird aus den Wohnungen und Büros geräumt und auf die Straße geworfen. Ein Treffer in der Färbergasse (unpassierbar), und die Oberleitungen liegen offen auf dem Platz. Volltreffer auch beim Zeughaus, es ist bis zum Parterre zerstört."

Von der erwähnten Fahnenfabrik Josef Fleck war tatsächlich nur noch das Namensschild übrig. Die Ladenfenster waren mit Brettern zugenagelt und sie standen bis zur Hälfte in Schutt. Bereits durch die Routine geübt, stellte ich mich vor die Tankstelle hin und schaute, wie durch den Sucher seiner Kamera, tief in die Freyung hinein. An der Stelle der Fahnenfabrik Fleck stand jetzt eine Bankfiliale.

Die Arbeit ging gut voran, nur das Licht der Aufnahmen stimmte mit den Zeitangaben nicht überein. Auf den Bildern war es noch hell, während es auf dem Platz (jetzt, fast 17 Uhr) bereits dunkel war. Am Hof (so groß wie ein gepflasterter Fußballplatz) standen dieselben Amtsgebäude, Bankfilialen und dieselbe Kirche wie vor fünfzig Jahren. Ich notierte auf den Rückseiten der Fotos: Das Haus so und so ist weg oder abgetragen, und ging zum nächsten Bild über.

Von dem Zeughaus ist nur noch die Fassade geblieben, das große Haus von nebenan liegt bis zur Hälfte in Trümmern. Die Fleischhauerei Neumayer ist restlos verschwunden. Die Färbergasse ist durch einen Schuttberg (einen ganzen Stock hoch) unpassierbar. Die Feuerwehrautos stehen alle (außer Betrieb) im Freien und sind von Schutt und Trümmern umgeben.

Unter den roten Reklamelichtern (für eine bekannte Sektmarke) sahen die Zerstörungen auf den Fotos schlimmer aus. Die in Panik verlassenen Fahrzeuge (die Feuerwehrautos) standen kreuz und quer auf dem Platz, manche lagen unter Balken und Trümmern, manche waren mit weißem Mörtelstaub bedeckt. Eines der Fahrzeuge stand, nach dem Abmontieren der Reifen, auf Ziegelsteinen, und dort, wo jetzt Palmen in hölzernen Kübeln im Abendwind zitterten, stand auf dem Foto ein Feuerwehrmann. Ich verglich im Vorbeigehen das Zeughaus mit dem, was auf dem Foto von ihm übrig war, und währenddessen schaute ich kurz in die enge, zertrümmerte Färbergasse hinein.

Ob es an dieser Stelle war oder ein paar Häuser weiter, kann ich nicht mehr sagen, der Donner schlug auf jeden Fall, wenn nicht vor dem Eingang der Drahtgasse, dann vor den Außenfenstern des Gasthauses an der Ecke Drahtgasse/ Schulhof ein. Als ich vor dem Ladenlicht dabei war, auf dem Stadtplan nach der Naglergasse zu suchen, hörte ich, wie in der Drahtgasse etwas Metallisches zu Boden fiel. Eine leere Bierdose rollte, von einem Windstoß getrieben, auf die Fahrbahn. Ich sah in die enge Gasse hinein. Sie war so dunkel wie im Krieg. Der Wind wirbelte von der Baustelle am Judenplatz mit dem Mörtelstaub auch etwas Vergangenheit in den großen Platz hinein. Der erste Donnerkrach platzte wie ein Einschlag über meinem Kopf. Die hängenden Lichtröhren in der Mitte fingen an zu schaukeln, und bei jedem weiteren Seufzer des Windes flog mehr Staub in die Luft. Während ich mir ein Staubkorn aus dem Auge entfernte, erfasste mich ein zweiter Windstoß, riss mir den Stadtplan aus der Hand und wirbelte ihn hoch.

So lief ich dem fliegenden Stadtplan nach, stampfte so oft darauf, bis er liegen blieb, und kehrte mit ihm unter die Bögen in den Schulhof (zum Gasseneingang) zurück.

Buch-Tipp
Hamid Sadr, "Der Gedächtnissekretär", Deuticke, ISBN 3552060065