Unverwechselbarkeit, Qualität und Glanz

Eine ORF-Hörspiel-Fachjury hat Chris Pichler zur "Schauspielerin des Jahres 2008" gewählt. Die Ehrung fand im Rahmen der "Langen Nacht des Hörspiels" am 20. Februar im Wiener RadioKulturhaus statt, der Autor und Regisseur Lucas Cejpek hielt die Laudatio.

Die Rolle des süßen Wiener Mädels hätte eigentlich gut zu ihr gepasst. Eigentlich. Doch nach dem "Salzbaron", der starbesetzten sechsteiligen TV-Serie von Bernd Fischerauer aus dem Jahr 1995, wusste das Mädel, das weder Wienerin war noch hauptberuflich "süß" sein wollte, was zu tun war. Zunächst einmal wurden alle einschlägigen Angebote abgelehnt.

Denn Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit, so Chris Pichler, habe sie sich von Anfang an "total gewünscht". Wiewohl, ein Dutzend Filme, zahllose Theaterrollen, Soloabende, unzählige Radioarbeiten, Hörbücher und Hörspiele später, auch die Schattenseiten eines Schauspielerlebens quer durch alle Medien und Bühnen sichtbar werden. Manchmal, sagt Chris Pichler, habe sie auch ein zwiespältiges Verhältnis zur Vielfältigkeit. "Ein wenig Zugehörigkeit zu einem Ort würde auch nicht schaden".

Inneres nach außen transportieren

In die Wiege gelegt wurde der geborenen Linzerin der Schauspielberuf keineswegs. Der Vater betrieb einen Autohandel, die Mutter arbeitete in der Firma. Nach der Matura in Wels begann die Oberösterreichin zunächst Landschaftsökologie zu studieren. Strukturen, sagt sie, hätten sie immer schon interessiert. Geologische Strukturen, Linien, Muster, Landschaften. Doch bald habe sie festgestellt, dass sie nicht wirklich effizient studieren konnte. Was immer sie lernen musste, war bald darauf wieder vergessen. Es wollte nichts rein in den Kopf. Und das sei auf Dauer ausgesprochen frustrierend gewesen. Und führte zu einer ebenso simplen wie radikalen Erkenntnis.

Wenn das Lernen von außen nach innen nicht funktioniert, müsse man eben die Richtung umdrehen. Was innen ist, muss raus. Sie sei, fand Chris Pichler, nicht geeignet Dinge aufzunehmen. Sie sei vielmehr dafür gebaut, Inneres nach außen zu transportieren. Und der einzige Beruf, der das ermögliche, sei, so lautete der Beschluss, der der Schauspielerin. Also suchte die Studentin der Landschaftsökologie im Telefonbuch nach einer Schauspielschule und meldete sich, ohne Vorkenntnisse, zur Aufnahmsprüfung. Da sie sich ihr Studium damals aber als Kellnerin verdiente, blieb keine Zeit, um Rollen aus der Theaterliteratur zu lernen. Kurz entschlossen machte sie aus der Not eine Tugend und spielte der Prüfungskommission Szenen aus ihrem Leben als Serviererin vor. Mit Erfolg, wie sich zeigte. Chris Pichler wurde aufgenommen, studierte fortan Schauspiel am Konservatorium der Stadt Wien und hielt vier Jahre später ihr Diplom in Händen.

Bühne, Film, Fernsehen und Hörfunk

Es folgten Engagements am Deutschen Nationaltheater in Weimar, am Volkstheater in Wien, bei den Festspielen Reichenau, am Theater in der Josefstadt, im Schauspiel Frankfurt, dem Berliner Ensemble und zuletzt am Schauspiel Dortmund. Dazu kamen weitere Film- und Fernsehrollen, Soloabende, Leseabende und auch einzelne Regiearbeiten. Chris Pichler spielte die Polly in Brechts "Dreigroschenoper", die Franziska in Lessings "Minna von Barnhelm", die Luise in Schillers "Kabale und Liebe", die Konstanze in Peter Shaffers Mozart-Stück "Amadeus", die Marianne in Horvaths "Geschichten aus dem Wienerwald" und noch vieles anders mehr.

Und immer schon, sagt Chris Pichler, wollte sie "Hörfunk und Hörspiel" machen. Dabei war sie anfangs keineswegs glücklich mit ihrer Stimme. Ihre Stimme, sagt sie, sei immer heiser gewesen. Sie dachte gar, "unzulänglich" zu sein, hatte Angst, dass die Stimme im falschen Moment wegbrechen könnte. Die Radioarbeit kam da gerade recht. Das Radio, sagt Chris Pichler, sei bis heute eine Möglichkeit "im Training" zu bleiben, Geschichten erzählen zu können und dafür auch noch bezahlt zu werden.

Inzwischen ist Chris Pichler ein häufig und gern gesehener Gast in Ö1. Chris Pichler hat den Vorzug, Besitzerin einer unverwechselbaren Stimme zu sein. Ihre Unverwechselbarkeit gründet - neben einer eigenwilligen, leicht verzögerten Artikulation - auf der Tatsache, dass der professionelle Wohlklang stets auf seine Fragilität verweist. Wie in den Filmen von David Lynch haust das Schöne nah am Abgrund. Selbst ein einfacher und einfach gesprochener Satz wird dadaurch aufgeladen und transportiert mehr als den bloßen Inhalt.

Gefragte Stimme im Hörspiel

Die Brüchigkeit der Stimme, ursprünglich ein Problem, hat sich, wie das Werkverzeichnis sämtlicher Hörfunkarbeiten im gesamten deutschsprachigen Raum eindrucksvoll beweist, zum Vorteil verwandelt. Seit 1996 hat Chris Pichler allein in 41 vom ORF gesendeten Hörspielen mitgewirkt. Sie las und interpretierte unzählige literarische Texte, präsentierte Wissenschaftssendungen und verlieh vielen Features brüchigen Glanz. In Philip Scheiners mittlerweile mit dem Prix Italia ausgezeichnetem Feature über die Tonart A-moll ist sie es, die mit Tempo und Ironie sendungsprägend durch die Geschichte jagt.

Das Hörspieljahr der Chris Pichler war aber ohne Frage 2008. Sie gab in Carl Djerassis Stück "Vier Juden auf dem Parnass" Arnold Schönbergs ganz und gar nicht unschuldige junge erste Frau Mathilde, spielte eine der Hauptrollen in Paula Köhlmeiers Hörspiel "Von Menschen, die sich fressen oder All you can eat" und gestaltete Ivana Sajkos "Bombenfrau", den Monolog einer Selbstmordattentäterin als dramatische und hochpolitische "One-Woman-Show".

Solo für Romy Schneider

Das zweite große Hörspielsolo des vergangenen Jahres ist gleichzeitig die Geschichte von Chris Pichlers bisher vielleicht größtem Erfolg. Aus Briefen, Texten und Tagebüchern von Romy Schneider entwickelte sie einen Soloabend ("Romy Schneider – Zwei Gesichter einer Frau"), der 2006 im RadioKulturhaus seinen Ausgang nahm und danach unter anderem in Budapest, Bratislava, Frankfurt, Düsseldorf, Essen, Berlin, Weimar, Heilbronn, Linz und Stuttgart zu sehen war. Im vergangenen Jahr kehrte die Aufführung schließlich in einer Hörspielversion wieder ins ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße zurück. Innerhalb einer Stunde bewältigt Chris Pichler darin knapp dreißig Jahre im Leben Romy Schneiders. Sie spannt den Bogen vom 15-jährigen Gör bis zu den dramatischen Ereignissen der letzten Jahre im Leben der Schauspielikone.

Das Hörspiel-Regieteam hat Chris Pichler gemeinsam mit der Hörspielredaktion für ihre Gesamtleistung einstimmig zur Schauspielerin des Jahres 2008 gewählt. Geehrt wurde die Ausgezeichnete am 20. Februar im Rahmen der "Langen Nacht des Hörspiels". Gefeiert wurde dabei nicht nur die Hörspielschauspielerin Chris Pichler. Sondern eine Freundin des Hauses und eine Stimme, die Ö1 Unverwechselbarkeit, Qualität und Glanz verleiht.

Mehr zum Hörspiel "Bombenfrau" mit Chris Pichler in oe1.ORF.at

Mehr zum Hörspiel "Romy Schneider - Zwei Gesichter einer Frau" von und mit Chris Pichler in oe1.ORF.at

CD-Tipp
Chris Pichler, "Romy Schneider - Zwei Gesichter einer Frau", erhältlich im Ö1 Shop