Wanderer der Nacht

Literarische Reportagen haben in Polen eine ganz besondere Tradition. Als Reporter reist Wojciech Jagielski zu den Unruheherden unseres Planeten. Eine literarische Reportage über Uganda ist jetzt auf Deutsch erschienen: "Wanderer der Nacht".

Kultur aktuell, 14.04.2010

Heute, wo es immer mehr um schnelle und kurze Informationen geht, ist der Beruf des Reporters vom Aussterben bedroht. Polen bildet da eine Ausnahme. Literarische Reportagen haben da - in der Tradition eines Ryszard Kapuscinski - eine ganz besondere Tradition. Als Reporter der "Gazeta Wyborcza" reist Wojciech Jagielski zu den gefährlichsten Unruheherden unseres Planeten.

Er hat aus Afghanistan berichtet, aus dem Kaukasus, aus Tschetschenien und immer wieder aus Afrika. Eine literarische Reportage über Uganda ist auf Deutsch erschienen. "Wanderer der Nacht" heißt der Band, aus dem Wojciech Jagielski Mittwochabend in der Wiener Hauptbücherei gelesen hat.

Trauer in Polen

Polen ist paralysiert, sagt Wojciech Jagielski und diese Lähmung wird sicher noch bis zum Begräbnis des Präsidenten andauern. Dann sei der Zeitpunkt gekommen, aus der Trauer einen Nutzen zu ziehen.

"Ich glaube, diese Tragödie ist eine neue Chance, das Land zu einen", sagt der Autor. "Das hätte das politisch gespaltene Polen dringend nötig. Und ich sehe die Chance, dass unsere Beziehungen zu Russland auf eine neue Basis gestellt werden. Putin ist zwar nicht gerade mein Held, aber ich bewundere seine Haltung in der Causa. Es ist ein guter Anfang. Entweder wir wissen das zu nützen oder wir verspielen die Chance, wie wir es in unserer Geschichte schon oft getan haben. Dann wären wir die größten Verlierer, die man sich vorstellen kann."

Literarische Reportage hat Tradition

In Warschau arbeitet Wojciech Jagielski bei der Tageszeitung "Gazeta Wyborcza". Zwanzig fest angestellte Mitarbeiter widmen sich da ausschließlich der literarischen Reportage. Wojciech Jagielski ist der Afrika-Spezialist. Zuletzt war er in Uganda, davon erzählt er in seinen Buch "Wanderer der Nacht".

"Dies ist eine wahre Geschichte" heißt es gleich am Beginn. Der Schauplatz: Die Stadt Gulu im Norden Ugandas. Die Protagonisten: Angehörige des Acholivolkes, Priester, Partisanen, Kindersoldaten und Joseph Kony, einer der brutalsten Rebellenführer, der sich selber als Geistermedium, Gebieter und Befreier bezeichnet und Führer der Lords Resistance Army, die Soldaten dieser Armee sind fast ausschließlich Kinder.

Guerilla-Armee in Uganda

"Die Lords Resistance Army ist die einzige Guerilla-Armee, bei deren Kämpfen es nicht um Macht oder Geld geht - sie machen ihre unglaublich brutalen Vernichtungszüge unter dem Zeichen, von etwas - ich weiß nicht, wie ich es nennen soll - von etwas Ideologischem, etwas Religiösem - wegen mystischer Dinge."

Man schätzt, dass Kony seit der Gründung seiner Armee 1987 mehr als 30.000 Kinder entführen, verstümmeln oder töten ließ - im Auftrag des Heiligen Geistes, wie es heißt.

Angst und Schrecken vermittelt

Eindrucksvoll erzählt Wojciech Jagielski von den unfassbaren Geisterwelten, der Angst und dem Schrecken, von den Schicksalen der Menschen und von den politischen Hintergründen. "Jagielski zeigt sämtliche Kontraste, Absurditäten und Dramen der modernen Geschichte", schrieb Ryszard Kapuscinski über Wojciech Jagielski.

Kapuscinski hat mit seinen Berichten aus Afrika, Asien und Lateinamerika ein halbes Jahrhundert lang das Bild der "Dritten Welt" in Europa geprägt und Jagielski gilt als einer seiner mutigsten Schüler.

Glaubwürdigkeit Kapuscinskis angegriffen

Drei Jahre nach dem Tod des großen Autors kratzt nun ein Berufskollege von der Zeitung "Gazeta Wyborcza", Artur Domoslawski an seinem Denkmal - mit einer so genannten Enthüllungsbiografie, die die Glaubwürdigkeit Kapuscinskis in Frage stellt und in Polen heftige Kontroversen ausgelöst hat.

"Die zentrale Frage ist: Wo ist die Grenze zwischen fiktionalem und dokumentarischem Schreiben? Dürfen wir als Journalisten fiktional schreiben? Der Job des Journalisten ist nicht, die Wahrheit zu vermitteln. Wahrheit ist eine philosophische Kategorie. Unser Job ist, den Leuten zu erzählen, wie die Welt da draußen aussieht", so Jagielski.

Service

Wojciech Jagielski, "Wanderer der Nacht", aus dem Polnischen von Lisa Palmes, Transit-Verlag