Der Junge, der den Wind einfing

Malawi gehört zu den kleinsten Staaten Afrikas und zu den ärmsten der Welt. In einem winzigen Dorf wächst William Kamkwamba auf. Früh muss er die Schule verlassen, weil sich seine Eltern die Gebühren nicht mehr leisten können. Doch der junge William entdeckt ein Physikbuch und baut gegen alle Widerstände ein Windrad.

Offensichtlich wird jeder, der in Malawi zur Welt kommt, automatisch Farmer; das scheint in der Verfassung verankert zu sein wie ein Gesetz, das schon Moses auf seinen Tafeln stehen hatte. Und wer das Land nicht bearbeitete, kaufte und verkaufte Sachen auf dem Markt.

Der heute 23-jährige William Kamkwamba aus dem kleinen Dorf Wimbe in Malawi erzählt in den Anfangskapiteln der Biografie seines noch kurzen Lebens von den streng begrenzten Möglichkeiten, in die er hineingeboren wurde. In Williams´ Kindheit hatte sein Vater den Ruf eines trinkfesten Schlägers und arbeitete zunächst als fahrender Händler. Mit ihm, seiner Mutter und seinen sechs Geschwistern lebte er in einem winzigen Häuschen.

Hastings Kamuzu Bandas Diktatur

Das Land wurde von einem ebenso unbarmherzigen wie skurrilen Diktator beherrscht: Hastings Kamuzu Banda ließ in jedem Geschäft in Malawi sein Porträt aufhängen und kein anderes Foto durfte höher angebracht werden als seines.

Außerdem verbot er das Küssen in der Öffentlichkeit, ebenso wie Filme, in denen Kussszenen vorkamen. Männer mit langen Haaren ließ er ins Gefängnis werfen, viele Kritiker wurden den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen. Nachdem er 1994 die ersten Wahlen, die er zugelassen hatte, verlor, überraschte er mit seinem Verzicht, die Wahl zu ignorieren und dankte ab.

Großes Interesse für Technik

Der kleine William vertrieb sich die spärliche Freizeit vor allem mit der Jagd in den Dowa Highlands und mit dem Konstruieren außergewöhnlicher Vogelfallen. Sein Interesse für Technik ließ ihn nicht mehr los. Er zerlegte und reparierte mit viel Geschick und Verstand so ziemlich alle Transistorradios seiner zahlreichen Verwandten. Wenn ein Lastwagen vorbeikam, fragte er, wie er funktioniert, als die ersten CDs verkauft wurden, brannte er darauf, zu erfahren, wie die Musik auf die silberne Scheibe gekommen ist.

"Ist doch egal", lautete meist die Antwort. Die Leute im Einkaufszentrum waren anscheinend damit zufrieden, diese Dinge ohne Erklärung zu genießen; mir dagegen schwirrten ständig Fragen durch den Kopf. Wenn es der Job eines Wissenschaftlers war, solche Rätsel zu lösen, dann wollte ich genau das werden: Wissenschaftler."

Mehr Wissensdurst als Hunger

Mit 13 wurden Williams Träume zunächst einmal buchstäblich weggeschwemmt. Eine Woche Dauerregen im Dezember setzte große Teile des Landes unter Wasser, Häuser wurden weggerissen, die Weidetiere ertranken. Die Hungersnot setzte seiner Familie schwer zu - kein Essen, kein Geld, keine Reserven für die Schulgebühren.

Er mußte die Schule verlassen. Doch Williams Wissensdurst war größer als sein Hunger. Er nutzte jede freie Minute, um sich in der Dorfbücherei mit Lesestoff zu versorgen und irgendwann fiel ihm ein amerikanisches Lehrbuch in die Hand, das sein Leben ändern sollte. Es hieß "Using Energy" und begann mit dem Satz:

Energie umgibt uns jeden Tag. Manchmal muss sie jedoch erst umgewandelt werden, bevor wir sie nutzen können.

Teile auf Schrottplatz gesammelt

William war wie elektrisiert und wandelte seine eigene Energie in Gedankenblitze um. Er beschloss, ein Windrad zu bauen, um eine Wasserpumpe zu betreiben, damit seine Mutter einen Gemüsegarten anlegen konnte und um das Haus mit elektrischem Licht zu versorgen. Kein Kampf gegen Windmühlen, sondern einer mit einer Windmühle gegen Hunger und Dunkelheit.

Schnell wurde William zum "Verrückten vom Schrottplatz". Monate verbrachte er dort, um nach geeigneten Teilen für sein Windrad zu suchen. In einem kaputten Differentialgetriebe fand er frisches, schwarzes Schmierfett, er schleppte Abflussrohre, ein Traktorengebläse, Drähte, Schalthebel, Pedale, Splinte, alte Fahrradteile und vieles mehr nach Hause, um sie nach der vagen Anleitung im Buch zu einem Windrad auf einem zwölf Meter hohen Holzgerüst zusammenzubauen. Die größte Überraschung für alle Beteiligten: Es funktionierte auf Anhieb.

"Elektrischer Wind!", schrie ich. "Ich hab euch doch gesagt, dass ich nicht verrückt bin!" Einer nach dem anderen begann zu jubeln. Die Leute warfen ihre Arme in die Luft, sie klatschten und riefen: "Wachitabwina! Gut gemacht!" "Ja, ich hab's geschafft", stimmte ich zu. "Und ich hab noch Größeres vor. Wartet's nur ab!"

Der "Don Quichote aus Malawi"

Vor vier Jahren entdeckten Mitarbeiter einer Bildungsinitiative zufällig das Windrad. Von da an verbreitete sich die Nachricht vom "Don Quichote aus Malawi" wie ein Lauffeuer rund um den Globus. Heute ist William Kamkwamba 23 Jahre alt und nicht nur Erfinder, sondern auch Buchautor, dessen Heldengeschichte fünf Wochen auf der Bestseller-Liste der "New York Times" zu finden war. Seine Erfindungen wurden im Museum of Science and Industry von Chicago ausgestellt.

Und: William Kamkwamba geht wieder in die Schule. Als malawischer Bub ohne Chancen hat er es geschafft, in die "African Leadership Academy", eine panafrikanische Highschool in Johannesburg, aufgenommen zu werden. Zu seinen größten Bewunderern gehört übrigens auch Friedensnobelpreisträger Al Gore, der ihn immer wieder als Vorbild einer Krisenbewältigung anführt.

In einem Land, in dem Kinder Namen erhalten wie Simkhalitsa, was so viel heißt wie "Ich sterbe sowieso" oder Malazani/"Gib mir den Rest", weil ihre Eltern angesichts der Umstände kaum Überlebenschancen sehen, ragt einer, der sich dem Schicksal nicht kampflos ergeben hat, zweifellos heraus.

Eine ganz normale afrikanische Familie

Wenn man Williams Geschichte liest, fragt man sich unweigerlich, warum eigentlich Entwicklungshelfer noch nie auf diese simple Idee gekommen sind oder diese zumindest selten umgesetzt wurde.

William Kamkwambas Buch ist aber nicht nur wegen der spannend dargestellten Entwicklungsgeschichte seiner Erfindung lesenswert. Der junge Mann beschreibt auch sehr eindrücklich das Leben einer ganz normalen afrikanischen Familie in einem ganz normalen afrikanischen Dorf. Das Denken und Handeln ist nach wie vor stark vom Aberglauben geprägt. AIDS, Ruhr und andere Krankheiten werden selten von einem Arzt behandelt, sondern von Zauberern "weggezaubert".

Als einmal lang erhoffte Regenwolken am Horizont zu sehen waren, dann aber wieder verschwanden, machten viele Williams "böse Windmaschine" dafür verantwortlich, weil sie dachten, sie bläst die Wolken wieder weg. Als William durch Wohltäter finanziell unterstützt wurde, gab er das Geld zuallererst für seine Familie aus. Für Gegenstände, die zeigen, was sie vorher gar nicht hatten: Wassereimer mit Deckeln gegen Krankheitserreger, Matratzen, Malariamedikamente, Moskitonetze und Wellblechdächer. Der Junge, den alle für verrückt hielten, hatte tatsächlich Wohlstand ins Dorf gebracht. Sein neuer Spitzname lautete Noah.

"Alle haben Noah ausgelacht, doch was ist dann passiert?" sagte meine Mutter. "Er hat seine Familie vor dem Ertrinken bewahrt." "Du hast uns einen Platz auf der Landkarte gegeben", sagte mein Vater. "Jetzt weiß die Welt, dass es uns gibt."

Service

William Kamkwamba, Bryan Mealer, "Der Junge, der den Wind einfing. Eine afrikanische Heldengeschichte", aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Ulrike Kretschmer, Irisiana Verlag