Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika
30 Jahre Litprom
"Litprom", die "Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika", will den Dialog zwischen den Kulturen durch Literatur fördern. 1980, als Schwarzafrika der Messeschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse war, wurde Litprom gegründet. Die Gesellschaft feiert heuer ihr 30-jähriges Jubiläum.
8. April 2017, 21:58
Kulturjournal, 19.05.2010
Um einen genauen Blick bemüht
Afrika ist selbstbewusst, pulsierend, lebendig und strotzt nur so vor Frische und Jugendlichkeit, behauptet Marguerite Abouet von der Elfenbeinküste. In ihrer Graphic-Novel-Serie "Aya" erzählt sie vom Leben der Jugendlichen in Westafrika und sie erzählt von afrikanischer Lebensfreude.
Afrika ist kaputt, korrupt und gewalttätig, es wimmelt nur so von Waffenhändlern, Drogenwracks und Killern, das weiß man nach der Lektüre von Roger Smiths "Blutigem Erwachen".
Afrika - der Kontinent und seine Literatur stehen für jede Menge widersprüchlicher Bilder. Um einen genauen Blick auf die afrikanische Literaturlandschaft bemüht sich seit 30 Jahren der Verein Litprom. Nach 30 Jahren könne man sagen, dass es dieses Etikett "Dritte Welt" gar nicht mehr gehe, so Litprom-Geschäftsführerin Anita Djafari, was für sie schon ein Erfolg ist. Dazugelernt hat auch das deutschsprachige Feuilleton: "Die sind offener geworden", so Djafari.
"Wandern zwischen den Welten"
Die Wahrnehmung insgesamt ist differenzierter, sagt Corry von Mayenburg. Sie ist die Afrika-Spezialistin bei Litpom und kümmert sich um das Übersetzungsförderungsprogramm. Afrikanische Literatur heute, sagt sie, ist mehr ist als die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und seinen Folgen. Inzwischen sei eine Themenvielfalt eingekehrt und Autoren, die in die Diaspora gegangen seien, so Mayenburg.
Autoren etwa der maghrebinischen Diaspora wie Assia Djebar, Tahar Ben Jelloun haben einen fixen Platz auch am europäischen Literaturmarkt. "Viele gehen in der Tat weg", meint Anita Djafari. Die Gebildeten gingen nach Frankreich oder England, das sei natürlich auch ein Thema ihrer Literatur, das "Wandern zwischen den Welten". Die meisten, die literarischen Erfolg haben, seien Emigranten.
Immer mehr Übersetzungen
Erfolg, internationalen Erfolg hat mittlerweile auch der südafrikanische Krimi - harte actionreiche Krimis von Autoren wie Deon Meyer oder Roger Smith. Zu seinem Roman "Blutiges Erwachen" schrieb zuletzt die "Frankfurter Rundschau": "Der Roman ist ein Galopp durch eine Hölle, von der das südafrikanische Fremdenverkehrsamt bestimmt nichts wissen will."
Da sei viel gute Literatur, die auch immer mehr übersetzt werde, sagt Djafari. "Viel übersetzt" ist relativ: In der Statistik des Buchhandels spielen Übersetzungen afrikanischer Literatur ebenso wie jene aus Asien und Lateinamerika keine wirklich große Rolle, da geht es um nicht mehr als einen halben Prozentpunkt Umsatzanteil, aber: "Im Literaturleben ist dieses halbe Prozent das Salz in der Suppe", schrieb zuletzt die "Neue Zürcher Zeitung". Und - was Afrika anlangt sei es noch einmal in Erinnerung gerufen: Afrika ist ein Kontinent mit vielen Ländern, Geografien, Kulturen und Idiomen.
Die "eigene Sprache"
Insgesamt gibt es über 2.000 eigenständige afrikanische Sprachen, rund 50 gelten als größere Sprachen, die jeweils von über einer Million Menschen gesprochen werden. Und es entsteht auch Literatur in diesen afrikanischen Sprachen.
Nach wie vor werden aber Bücher stark mit den Kulturen der ehemaligen Kolonialmächte assoziiert, und nach wie vor wird der Buchmarkt von anglo-amerikanischen und französischen Publikationen dominiert - wer literarisch reüssieren will, muss sich danach richten, sagt Anita Djafari. Afrikanische Bücher würden meist zuerst auf Englisch oder einer anderen europäischen Sprache publiziert.
"Auf fast allen Lesungen mit afrikanischen Autoren kommt aus dem Publikum die Frage: Warum schreiben Sie nicht in Ihrer eigenen Sprache? Die Antwort ist eigentlich ganz banal: weil sie gelesen werden wollen." Sie schrieben in der Sprache ihrer Ausbildung, so Djafari.
Wer lesen kann, der tut es auch
Die durchschnittliche Alphabetisierungsrate liegt in Afrika bei 60 Prozent, Südafrika nimmt mit 85 Prozent eine Sonderstellung ein. Und wer lesen kann, der tut es auch, sagt Corry von Mayenburg, auch wenn die öffentlichen Bibliotheken - so vorhanden - meist nur über veraltete Bestände verfügen: "Wenn man in Europa kuckt, dann haben die Leute Hunderte Bücher stehen, wovon sie viele gar nicht gelesen haben. Wenn in Afrika ein Buch veröffentlicht wird und es hat jemand gelesen, dann lesen es noch mindestens 100 andere."
Was in den Bibliotheken und Buchhandlungen angeboten wird, erinnert an die anglo-amerikanischen Bestsellerlisten längst vergangener Jahre. Stephen King, Robert Ludlum und natürlich auch Harry Potter. "Literaturgeschichte hat sich nur um Europa gedreht und die Protagonisten, mit denen sich die Leser dann identifizieren sollen, sind blond und blauäugig und haben vollkommen andere Probleme und Themen", so von Mayenburg.
Bleibt die Frage: Was ist ein Rohrbär und was ein Entodil? Antworten darauf gibt's auf der Litprom-Empfehlungsliste für Kinder- und Jugendliteratur. Wenn man eben Marguerite Abouets "Aya" liest, dann erfährt man, dass Afrika mehr ist als nur eine schreckliche Nachricht nach der anderen. Und trägt mit dazu bei, dass der Literaturaustausch nicht länger eine Einbahnstraße ist.
Textfassung: Ruth Halle
