Gut für Journalismus, schlecht für Journalisten?

Mit dem Auf- und Auseinanderbrechen der bisherigen medialen Strukturen durch das Internet werden auch bisherige Geschäftsmodelle von Zeitungen in Frage gestellt. Welche Risiken und Chancen ergeben sich durch Online-Medien für den investigativen Journalismus?

Tratsch mit Politik

Der Skandal um Monica Lewinsky war ein einschneidendes Ereignis für die USA, nicht nur politisch, sondern auch mediengeschichtlich. Recherchiert hatte die Geschichte ursprünglich die "Newsweek", als erste publik gemacht hatte sie allerdings der "Drudge Report" - eine Nachrichtenplattform im Internet.

Wobei die Bezeichnung "Nachrichtenplattform" fast zu euphemistisch ist - der "Drudge Report" war eine ganz simple Website, die von einer einzigen Person betrieben wurde: Von Matt Drudge, der sich in Los Angeles jahrelang mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen und so nebenbei einen zunächst nur per E-Mail verbreiteten Newsletter gestartet hatte. In diesem Newsletter kolportierte er anfangs Tratsch- und Klatschgeschichten aus Hollywood, im Lauf der Zeit bekam der Trasch- und Klatsch-Report von Matt Drudge aber eine immer stärkere politische Schlagseite.

Aufstieg zum Leitmedium

Durch den Lewinsky-Skandal rückte nicht nur das Privatleben von Politikern in den Fokus der Aufmerksamkeit und wurden Gerüchte und Tratsch plötzlich zum legitimen Politikum; auch das Internet selbst wurde schlagartig zu einem respektierten Medium, ja mehr noch: zu einem dynamischen Leitmedium, an dem sich die anderen, langsameren Medien orientierten.

Vor allem der "Drudge Report" steht seitdem im Ruf, stets die Nase vorne und den richtigen Riecher zu haben. Bis heute gelingt es Matt Drudge mit seiner - immer noch nahezu im Alleingang zusammengestellten - Auswahl an Nachrichten und Stories den großen Zeitungen und Fernsehsendern die Themen des Tages vorzugeben.

Radikalkonservative Medienmacht

Der politisch weit rechts stehende Matt Drudge und sein "Drudge Report" sind ein zentraler Teil einer radikalkonservativen Medienmacht, die sich in den 1990er Jahren zu formieren begann. Der Fernsehsender Fox News wurde damals gegründet - von Rupert Murdoch und Roger Ailes, einem vormaligen Medienberater von Nixon und Reagan. Der kometenhafte Aufstieg von Rush Limbaugh und seiner höchst einflussreichen und hochpolemischen Talkradio-Show fällt ebenfalls in diese Zeit.

Auch einer Reihe von konservativen Kommentatorinnen gelang es in den Clinton-Jahren und in scharfer Opposition zu Clinton, den Grundstein für ihre Karriere zu legen. Neben Laura Ingraham und Ann Coulter zählte dazu auch eine gewisse Arianna Huffington - an ihrem schweren Akzent unschwer als gebürtige Griechin zu erkennen.

Progressives Gegenstück

Ursprünglich mit dem republikanischen Kongressabgeordneten und Ölmillionär Mike Huffington verheiratet, trennte sich Arianna Huffington Ende der 1990er Jahre nicht nur von ihrem Mann, sondern zog auch einen Trennungsstrich zum immer radikaler werdenden konservativen Kommentariat.

Vor fünf Jahren, im Mai 2005, hob sie schließlich ein Online-Medienprojekt aus der Taufe, das sie ganz bewusst als progressives Gegenstück zum rechten "Drudge Report" verstanden wissen wollte: die "Huffington Post". Nicht nur der Name, auch das optische Erscheinungsbild der "Huffington Post" - vom Titelkopf bis zum Layout der Frontpage - erinnern an eine Printzeitung.

Anders als eine Printzeitung besteht die "Huffington Post" über weite Strecken aber nicht aus eigenen Artikeln, sondern sie linkt lediglich auf Artikel bzw. exzerpiert diese Artikel, die im Volltext dann auf anderen Websites zu finden sind - zumeist in den Online-Ausgaben von Printmedien. Die "Huffington Post" schöpft auf diese Weise von anderen Medien den Rahm ab und schlägt insbesondere die Printmedien mit ihren eigenen Waffen, mit ihren eigenen Artikeln.

"Parasitäres Publikationsmodell"

Dieses, wie Kritiker meinen, parasitäre Publikationsmodell, hat Arianna Huffington beim "Drudge Report" abgekupfert. Anders als der "Drudge Report", der fast nur aus gesammelten Links besteht, bietet die "Huffington Post" aber auch viele selbst produzierte Inhalte. Die Salon- und Partylöwin Arianna Huffington kennt in Hollywood und Washington Gott und die Welt und hat keinerlei Probleme, Stars und andere Berühmtheiten als Gast-Blogger für die "Huffington Post" zu gewinnen. Hinzu kommen zahlreiche Kolumnisten aus dem progressiven Lager, die einen Gegenpol zum konservativen Meinungsmainstream in den USA bilden.

Und noch etwas unterscheidet die "Huffington Post" von anderen Nachrichten- und Link-Aggregatoren im Internet: Jeder der verlinkten und exzerpierten Artikel kann auf der "Huffington Post" von den Lesern auch kommentiert werden. Ähnlich wie beim Online-"Standard" in Österreich führte diese Postingmöglichkeit unter jedem Artikel bald zur Bildung einer großen und regen Community - von Arianna Huffington nachfolgend zu einer Form des "Bürgerjournalismus" überhöht.

Promi-Blogs und virale Videos

22 Millionen "Unique User" kann die "Huffington Post" aktuell pro Monat verzeichnen - damit ist sie eine der erfolgreichsten Nachrichten-Plattformen der Welt. Was der "Huffington Post" die wirklich hohen Zugriffszahlen verschafft, sind allerdings nicht so sehr die politischen Inhalte, sondern die reißerischen Schlagzeilen, die Promi-Blogger, die Promi-Tratschgeschichten und nicht zuletzt die viralen Videos, die gerade aktuell die Runde im globalen Dorf machen.

Investigativer Journalismus findet sich in der "Huffington Post" nur in ganz wenigen Ansätzen - aber der findet sich aus Kostengründen ja auch bei der "New York Times" oder der "Washington Post" immer weniger. Die Hintergründe zum Wall Street-Crash und die Rolle der Banken dabei deckte beispielsweise nicht eine der großen und angesehenen Tageszeitungen auf, sondern ein Journalist der Musikzeitschrift "Rolling Stone".

Ende des investigativen Journalismus?

Der allgemeine Niedergang des investigativen Journalismus hat in den USA eine Diskussion darüber entfacht, wie sich langwierige und tiefschürfende Recherchen auch angesichts immer knapper werdender Budgets und immer kleiner werdender Redaktionen bewerkstelligen lassen.

Eine mögliche Antwort darauf lautet: Das bisherige Geschäftsmodell von Zeitungen sollte aufgegeben werden; Zeitungen sollten in Hinkunft nicht mehr von Lesern und Anzeigekunden finanziert werden, sondern ähnlich wie Universitäten von Stiftungen.

Preisgekröntes Recherchemodell

Es gibt sogar schon ein konkretes Beispiel, wie so ein Stiftungsmodell für investigative Journalisten in der Praxis aussehen könnte: "ProPublica" heißt das 2008 vom Milliardärs-Ehepaar Sandler gegründete und mit zehn Millionen Dollar pro Jahr unterstützte Redaktionsteam.

Wie der Chefredakteur von "ProPublica", Paul Steiger, hier gerade ausführt, werden die Rechercheergebnisse der 32 festangestellten Journalisten jeweils verschiedenen großen Medien zur Publikation angeboten. Die Fähigkeit zur investigativen Recherche wird somit gewissermaßen von den großen Medien "outgesourced" bzw. punktuell zugekauft.

Wie hochwertig die dabei entstehenden Recherchen sind, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass "ProPublica" heuer als erstes Online-Medium einen "Pullitzer-Preis" gewinnen konnte - für einen Artikel über bis dahin ungeklärte Todesfälle in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina, der in Zusammenarbeit mit der "New York Times" veröffentlicht wurde.

Nischenmedien und Bürgerjournalismus

"ProPublica" war allerdings nicht das erste Online-Medium, das mit einem renommierten Journalismus-Preis ausgezeichnet wurde. Bereits 2008 wurde dem kleinen Journalisten-Team des Polit-Weblogs "Talking Points Memo" einer der begehrten "Polk Awards" verliehen - für eine Serie von Artikeln und Recherchen, die Licht ins Dunkel einer parteipolitisch motivierten Entlassung von Staatsanwälten in den USA brachten und die schließlich sogar zum Rücktritt des US-Justizministers Alberto Gonzales führten.

Josh Marshall, der Gründer und Chefredakteur von "Talking Points Memo", sieht in seinem kleinen und bescheiden budgetierten Medienunternehmen ein Musterbeispiel dafür, wie in Zukunft Nachrichten recherchiert und publiziert werden. Nicht länger von wenigen großen und monolithischen Massenmedien, sondern von vielen kleinen Nischenmedien und Bürgerjournalisten. Die Gefahr, dass mit dem Ende der Massenmedien auch journalistische Standards ein Ende finden könnten, sieht Josh Marshall nicht. Im Gegenteil:

"Ich habe keinerlei Zweifel, dass der Journalismus in 20 Jahren noch genauso lebendig sein wird wie heute. Ich würde sogar meinen, dass er noch viel lebendiger sein wird, weil die fragmentierte Medienlandschaft mit ihrer Vielzahl an kleinen Nachfolgestaaten der großen Nachrichtenorganisationen zu mehr Vitalität und Meinungsvielfalt führen wird. Das Auf- und Auseinanderbrechen der bisherigen medialen Strukturen, die das Internet gerade erzwingt, ist etwas Gutes. Es bricht eine Zeit an, die gut für den Journalismus sein wird, aber wahrscheinlich schlecht für Journalisten."

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