Sparpaket verschärft italienische Jobsituation
Krise, welche Krise?
Für die Italiener heißt es: Gürtel enger schnallen. Doch trotz allem ist Italien nicht unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht, meint der Wirtschaftswissenschafter Tito Boeri. Denn einmal mehr gilt das für Italien so typische Sprichwort: Der Schein trügt.
8. April 2017, 21:58
"Kein akutes Problem"
Tito Boeri über den früheren "wahren kranken Mann Europas"
Schulden angewachsen
Für Silvio Berlusconi war Italien bis vor kurzem kerngesund. "Kauft, Leute, kauft" war sein Slogan gegen Depression und Rezession. Dann mussten ihn Brüssel und sein Wirtschaftsminister aber eines Besseren belehren. Die notwendige Konsequenz daraus - ein im Mai beschlossenes, knapp 25 Milliarden Euro schweres Sparpaket - nahm der um die Gunst des Volkes fürchtende Berlusconi nur zähneknirschend zur Kenntnis. 1.812 Milliarden Euro Staatsschulden sprachen jedoch für sich selbst.
Wer deswegen aber - wie so manch ausländischer Beobachter - bereits die Pleitegeier über dem Stiefel kreisen sieht, irrt offenbar aber auch. "Italien hat kein akutes Problem", konstatiert der international renommierte Wirtschaftsprofessor Tito Boeri von der Mailänder Elite-Universität Bocconi. Die entscheidende Frage sei vielmehr, ob und wie Italien in den kommenden Jahren wachsen wird.
Immobilien und Banken ungefährdet
Tatsächlich steht das Land bei genauerem Hinsehen gar nicht so schlecht dar. Anders als in Spanien gab es in Italien keine geplatzte Immobilienblase. Im Gegenteil. Rund drei Viertel aller Italiener leben in einem mehr oder minder ausfinanzierten Eigenheim. Riskante Kredite wurden von Seiten den eher konservativ eingestellten Banken erst gar nicht vergeben. Und so hat der anderswo krisengeschüttelte Immobilienmarkt in Italien keinen Einbruch erlebt.
Ähnlich konstant blieb auch der Bankensektor. Große Rettungsaktionen wie in anderen Ländern blieben der Regierung des Cavaliere erspart. Das lange Zeit als ein wenig provinziell belächelte Bankensystem hatte sich letztlich als die beständigere Variante herausgestellt. Unternehmen und Privathaushalte sind außerdem weniger verschuldet als anderswo. Ihre Ersparnisse finanzieren hauptsächlich auch die Staatsschulden.
Modernisierung und Reformen gefragt
Um mehr Wachstum zu erreichen, müsste Italien jedoch vor allem seine Bürokratie modernisieren, den Arbeitsmarkt reformieren und in Bildung und Forschung investieren. Anzeichen dafür gibt es keine. Und so Italien riskiert einmal mehr den internationalen Anschluss zu verlieren. Mit schlimmen Folgen für die Jugend des Landes, die sich immer schwerer tut einen Arbeitsplatz finden. 28 Prozent der jungen Italiener und Italienerinnen sind derzeit ohne Job. Und selbst wer einen hat kann sich nicht immer freuen. Wenig Geld und keinerlei Jobsicherheit sind Alltag. Die Jugend, sagt Tito Boeri, leide am meisten unter der Krise.
Während Italiens Jugendliche sich jedoch nach wie vor zurückhaltend ist, sind andere bereits in die Offensive gegangen. So stellen die Regionen dem Staat die Rute ins Fenster. Fünf Milliarden Euro sollen sie laut Sparpaket einsparen. Unmöglich, sagen Gouverneure und Bürgermeister. Und verlangen eine Korrektur. Bevor der nächste Schlag könnte kommt. Denn im Herbst könnte ein weiteres - kleineres Sparpaket - auf die Italiener zukommen.
