Der Mann im Hintergrund
Sol 8: Das bisschen Haushalt ...
Auf jeder Raumstation gibt es Systeme, die gewartet und regelmäßig überprüft werden müssen. So auch auf der Mars-Station in der Wüste von Utah. Während Bordingenieur Steven Winikoff den Stromgenerator anwirft, bleibt Zeit, über das Dasein im Weltraum zu sinnieren.
8. April 2017, 21:58
Das Habitat wacht auf
Jedes Raumschiff hat seinen Scotty. Auf der Mars-Station heißt der Bordingenieur Steven Winikoff. Sein Tag beginnt gegen 7:30 Uhr. Dann strahlt bereits seit mehr als einer halben Stunde die Sonne über dem wolkenlosen Mars. Das Habitat wacht auf - Zeit, die Systeme anzuschmeißen.
In der unteren Etage der Mars Desert Research Station befindet sich eine Maschine namens Inverter. Ihr widmet der Bordingenieur sich zuerst. Der Inverter überwacht Energiezufuhr und Energieverbrauch während des Tages und während der Nacht. Das Habitat selbst wird durch Batterien, die in der Erde vergraben sind, mit Strom versorgt.
Steven liest Zahlen ab, trägt sie in seine Listen ein, vergleicht sie mit dem Vortag. Wie bislang jeden Morgen ist auch heute wieder alles in Ordnung: kein Totalausfall aller Systeme über Nacht.
Strom durch die Hintertür
Als nächstes geht es durch den Hinterausgang hinaus auf den Mars. Zwar gibt es auch hier eine Luftschleuse. Ihr Einsatz wird jedoch großzügig gehandhabt. Die Station selbst und der Stromgenerator draußen, hinter dem nächsten Hügel, sollen durch einen gedachten Tunnel miteinander verbunden sein, sodass für derartige Routineaufgaben keine Raumanzüge erforderlich wären.
Als Steven den Generator anlässt, wird der Lärm ohrenbetäubend. Bei diesem Krach wird es jetzt für die kommenden drei bis vier Stunden bleiben. Solange braucht der Generator, der mit Diesel gespeist wird, um die Batterien der Station aufzuladen. An Bord des Habitats ist davon jedoch nichts zu hören. Nun kann Steven vorerst nichts weiter tun. Zeit für Besinnung.
Glaube an das All-Mächtige
Er sei im Wesentlichen bei der Mission "Artemis" dabei, weil er an Reisen durchs All glaube, an die Erforschung des Universums und an die Nutzbarmachung des Weltraums.
Seit der Kanadier mit sechs Jahren die erste Mondlandung verfolgt habe, habe ihn diese Faszination nicht mehr verlassen. "Und aufgewachsen bin ich nun einmal mit Science-Fiction-Literatur", sagt Steven.
Noch ein gedachter Tunnel
Mittag auf dem Mars. Der Bordingenieur macht seine nächste Runde. Wieder bleibt der sperrige Raumanzug in der Station zurück. Sonnenhut und Sonnenbrille müssen reichen. Denn auch diesmal führen Stevens Aufgaben ihn durch einen gedachten Tunnel, der ebenfalls am Hinterausgang beginnt und - in der anderen Richtung - das Habitat mit dem benachbarten Gewächshaus verbindet.
"Unter diesem Gullideckel befände sich der Abwassertank, in den alles in der Station verbrauchte Wasser hineinfließt", erklärt der Ingenieur. "Bevor es im Gewächshaus recycelt werden kann, muss es aufbereitet werden." Da er nun aber den Generator abstellen wolle, werde er auch diese Pumpe vorübergehend ausschalten, um nicht zu viel Strom zu verbrauchen, so der Mann aus Montreal.
Die marsübliche Stille kehrt zurück. Gedanken.
Den Planeten verlassen?
"Auf unserem Planeten gibt es nicht genügend Zukunft", findet Steven. "Es gibt zu viele Probleme, die man ganz leicht lösen könnte, wenn man den Planeten verließe." Das ginge natürlich nicht für die gesamte Menschheit, aber wenn man nur die ganze Schwerindustrie auf den Mond oder auf einen Asteroiden verlegen könnte, wäre für die Lebensqualität hier unten schon viel gewonnen.
Am Nachmittag, wieder im Ingenieursareal hinterm Hügel. Was wir jetzt hörten, das sei eine andere Pumpe, die frisches Trinkwasser in den Vorratstank transportiere, sagt Steven. Der Tank fasse rund 2000 Liter - bei sparsamem Verbrauch könne eine sechsköpfige Mannschaft damit vier bis fünf Tage auskommen.
Bürokratie auf dem Mars
Ein Tag an Bord eines Habitats hat eines nicht: Freizeit. Abgesehen von Essens- und Schlafenspausen ist für jeden immer was zu tun - für den Bordingenieur besonders. Nach dem Abendessen geht die Arbeit weiter. Mit dem theoretischen Teil.
"Bevor der Papierkram nicht bewältigt ist, ist der Job nicht erledigt", so der 42-Jährige. Wenngleich Papierkram hier meint: E-Mails schreiben. Der tägliche Ingenieursreport an Mission Control. Wie lange ist der Generator heute gelaufen? Wie viel heißes Wasser ist übrig? Wurden die Rover für Außenbordeinsätze genutzt? Wenn ja - wie viel Sprit haben sie verbraucht? Kurz: Was ist heute passiert, welchen Nachschub braucht die Station?
Dass es nach einer Woche Mars-Simulation keine größeren Pannen und Ausfälle gegeben hat, ist zum einen eine Ausnahme und zum anderen Stevens Verdienst. Wenngleich die Arbeit eines Bordingenieurs meist im Hintergrund geschieht und die Experimente der übrigen Crew unterstützen soll. Genau das jedoch gefällt Steven Winikoff.
Service
Mehr zum Mars in science.ORF.at
NASA
The Mars Society
The Moon Society
Wikipedia - Sol (Marstag)
