Gesprächskonzert-Reihe
Musik im Diskurs
Seit 2008 stellen sich im Rahmen der Gesprächskonzert-Reihe "Musik im Diskurs" jeweils drei Personen der Aufgabe, über neue Musik zu sprechen. Die Abende enden jeweils mit einer Entscheidung des Publikums darüber, welches der drei Stücke wiederholt werden soll.
8. April 2017, 21:58
"Zeuge vom Ablauf der Dinge zu sein, heißt zunächst, sie wahrzunehmen." Pascal Dusapins, des französischen Komponisten Wort, ist einer der Leitsätze einer Konzertreihe der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) gemeinsam mit dem Radiokulturhaus und Ö1. Wahrnehmen und Zweifeln, Fragen und Beobachten - das versuchen jeweils drei Leute im Diskurs rund um drei Stücke der neuen und neuesten Musik.
Die Rolle des Publikums
Selten werten wir Musikmoderator/innen im Radio, viel öfter empfehlen wir, preisen an, streichen heraus, versuchen Ihnen Neues schmackhaft zu machen, federn Hörschwierigkeiten ab, machen Sie bereit. Jetzt machen wir es umgekehrt: wir zweifeln mit Ihnen, bekennen uns zu unserer Irritation, beginnen bei unserer Verständnislosigkeit, fragen einander, was Verstehen heißt, versuchen Parameter der Qualität zu benennen.
Nicht nur Ihre Fragen stehen im Mittelpunkt, gegen Ende ist Ihr Standpunkt gefragt: Aus drei Stücken ist eines von Ihnen zur nochmaligen Aufführung zu wählen. Wir kommentieren Ihre Wahl nicht, das wiedergewählte Stück ist kein Gewinn, kein Sieg: Warum wollen Sie es wieder hören? Es könnte Folge Ihrer Ratlosigkeit oder Ihres Enthusiasmus sein, Ihrer Neugierde oder Ihrer Sensationslust. Denn neue Musik ist immer sensationell, das macht sie ungehörig, Hörtabus brechend, widerspenstig.
Alle Behelfe des Hörens teilen wir aus: die Geschichte des Stücks, die Entstehung des Auftrags, das Notenbild, die Biographie der Musikschaffenden. Wohl wissend, dass dies bloß Hörkrücken sind, dass wir Ihre Zeugenschaft benötigen, damit die neu erdachte Musik erklungen gehört wird.
Vorbild Literatur und Bildende Kunst
In der Literatur sind wir viel strenger und mutiger: Ö1 Formate wie die Literarische Soiree trauen sich, vom unklaren Romanende, von schwach gezeichneten Charakteren, von flapsiger Sprache, eklektischer Arbeit zu sprechen. In der Bildenden Kunst machen wir, wie das Mumok kürzlich, Ausstellungen mit "Bad Paintings" - wer hat den Mut, ein Konzert oder eine Musiksendung unter diesem Titel zu veranstalten?
Der Mut zum Standpunkt
In zwei Veranstaltungen im ORF-Kulturcafe haben Vokalensembles unter der Leitung von Elfriede Moschitz und Ajtony Csaba Werke von Gerd Kühr, Elisabeth Harnik, Beat Furrer, von Dieter Kaufmann, Erin Gee und Anestis Logothetis vorgeführt.
Gerd Kührs "Scala quasi Unisona für mindestens zwei Stimmen oder besser mehr" soll, nach Wunsch des Komponisten, "vorzugsweise verteilt auf Treppen, in Stiegenhäusern, auf Leitern in Obstbäumen etc." aufgeführt werden. Das passt gut zu Ihrer Wahl des Standpunktes: Sie, unser Konzertpublikum live im Kulturcafe, geben mit Ihrer Wahl Ihren Standpunkt bekannt. Sie dürfen auch aufstehen, auf Leitern steigen oder von der Treppe aus zuhören.
In der dritten Veranstaltung, präsentiert in "Zeit-Ton" am 13. August 2010, wird das Kairos Quartett Werke von Liza Lim, Dimitri Kourliansky und Karlheinz Essl anbieten. Liza Lims Stück heißt "Hell" und lässt auch Interpretationen wie Hellhörigkeit zu. Passt beides, werden Sie sagen.
