Schuld

Es soll Menschen geben, die aus Gründen intellektuellen Hochmuts grundsätzlich keine Bestseller lesen. Im Falle Ferdinand von Schirachs wäre das ein schwerer Fehler. Denn auch der zweite Erzählband des Berliner Advokaten ist ein starkes Stück Literatur, eines der herausragenden dieses Bücherherbsts.

Menschen sind so

Fünfzehn Geschichten erzählt Schirach in "Schuld", fünfzehn abgründige, grausige Geschichten, wie sie sich tagtäglich abspielen zwischen Bahnhof Zoo und heruntergekommenen Suburb-Wohnblocks irgendwo in Köln oder Leipzig. Worum geht's in diesen Storys? Um die ganz normale Monstrosität in der Mitte unserer Gesellschaft:

Ein gut situiertes Ehepaar sucht sein erotisches Repertoire in der Swingerszene zu erweitern - was mit einem brutalen Eifersuchtsmord endet. Ein 14-jähriges Mädchen aus Sozialhilfe-finanziertem Alkoholiker-Haushalt wird vom Wohnungsnachbarn, einem Freund des Vaters, vergewaltigt und lässt ihr Neugeborenes in der Klosettmuschel ertrinken. Satanistische Rituale in einem Luxusinternat führen zum Tötungsversuch pubertierender Sadisten an einem Schulaußenseiter.

Normalerweise sind das die Sujets, aus denen die Blut- und Geifer-Schlagzeilen der Trash-Presse gezimmert werden. Bei Schirach wird etwas anderes daraus: Kunst. "Es ist so, der Mensch kann 'Figaros Hochzeit' komponieren, oder er kann malen wie Tizian. Aber er kann auch morden. Das alles gehört zum Menschen", sagt von Schirach.

Wahre Geschichten

"Die Dinge sind, wie sie sind." Ferdinand von Schirach hat seinem Erzählband ein Aristoteles-Motto vorangestellt. Erträglich werden die fünfzehn Horror-Geschichten dieses Bandes nur durch die kühle Lakonie, mit der Schirach sie vorträgt. Die sprachliche Reduktion, der vivisektorische Blick auf die destruktiven Potenziale des Menschen, zugleich auch die Empathie mit der geschundenen Kreatur, die immer wieder aufblitzt in diesen Texten - all das lässt an Tschechow und andere Großmeister des "einfachen Schreibens" denken.

Keine einzige seiner Geschichten habe er erfunden, behauptet Schirach. Der Anstoß zu den Storys sei stets aus der sogenannten Wirklichkeit gekommen: "Wahr sind meine Geschichte insofern, als ihr Grundton stimmt. Also das, was die Leute in meinen Geschichten machen, haben sie wirklich gemacht, das, was sie denken, haben sie wirklich gedacht - aber nicht an den Orten, von denen ich schreibe, und nicht unter den gleichen Namen wie in meinen Texten. Ich unterliege ja der anwaltlichen Schweigepflicht. Aber wahr sind meine Geschichten natürlich, klar."

Im Zweifel für den Angeklagten

Die stärkste Geschichte des Bandes hat Schirach ganz an den Anfang gestellt. "Volksfest" heißt sie. Ein Jahrmarkt, irgendwo in Deutschland. Karusselle und Autoscooter, Zuckerwatte und Bratwurstdünste. Im Bierzelt spielt das örtliche Blasmusikorchester, eine Amateurkapelle.

Es waren ordentliche Männer mit ordentlichen Berufen: Versicherungsvertreter, Autohausbesitzer, Handwerker. Es gab nichts an ihnen auszusetzen. Fast alle waren verheiratet, sie hatten Kinder, bezahlten ihre Steuern und Kredite und sahen abends die Tagesschau. Es waren ganz normale Männer, und niemand hätte geglaubt, dass so etwas passieren würde.

Was passiert? In einer Spielpause - alle sind sturzbetrunken - vergewaltigen sämtliche Mitglieder des Blasmusikorchesters hinter der Bühne eine 17-jährige Gymnasiastin, die sich auf dem Volksfest als Kellnerin ein paar Mark verdient. Alle machen mit - alle bis auf einen. Der ruft, anonym, die Polizei.

Unter der Bühne war es dunkel und feucht. Sie lag dort, nackt und im Schlamm, nass von Sperma, nass von Urin, nass von Blut. Sie konnte nicht sprechen, und sie rührte sich nicht. (...) Als die Männer fertig gewesen waren, hatten sie ein Brett angehoben und sie unter die Bühne geworfen. Sie hatten auf sie uriniert, als sie dort unten lag. Dann waren sie wieder nach vorne gegangen. Sie spielten eine Polka, als die Polizisten das Mädchen aus dem Matsch zogen.

Der Ich-Erzähler in Schirachs Erzählband, ein junger Anwalt, nimmt als einer von mehreren Verteidigern am Strafverfahren teil.

In einem Strafverfahren muss niemand seine Unschuld beweisen. Niemand muss reden, um sich zu verteidigen, nur der Ankläger muss Beweise vorlegen. Und das war unsere Strategie: Alle sollten einfach schweigen. Mehr mussten wir nicht tun.

Die Folge: Der Richter muss alle Angeklagten freisprechen. Er kann nicht anders. Denn einer von den neun ist unschuldig. Und da alle schweigen, kann jeder der Unschuldige sein. Im Zweifel für die Angeklagten.

Verlust der kindlichen Unschuld

Er habe sein Jura-Studium Anfang der 1990er Jahre abgeschlossen, erzählt Ferdinand von Schirach. Seit 1994 arbeite er als Strafverteidiger in Berlin-Charlottenburg. Universität und wahres Leben - für Schirach zwei ganz und gar verschiedene Welten: "Also, das ist Erwachsenwerden. Man verliert die Unschuld. Wie ein Kind plötzlich erkennt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, so ist der Wechsel von der Uni in das wirkliche Leben."

Und vom wirklichen Leben erzählen sie, Schirachs Geschichten. Zu Hunderttausenden haben sich die beiden Erzählbände des 46-Jährigen bisher verkauft - und das nimmt nicht wunder. Denn Schirachs schnörkellose Storys sind ebenso spannend wie verstörend, ebenso vielschichtig wie präzise gebaut. Ein literarisches Ereignis.

Schirach selbst scheint seinen Erfolg nicht überzubewerten. Er denke nicht daran, eine reine Literatur-Karriere einzuschlagen, erklärt der schreibende Strafverteidiger: "Das Anwaltsein wird immer Vorrang haben. Ich würde vollkommen verzweifeln, wenn Sie mir den Gerichtssaal wegnehmen würden. Dann wüsste ich nicht, was ich tun würde."

Die uralte Frage, was Vorrang habe, "Literatur oder Leben", diese Frage hat Ferdinand von Schirach für sich beantwortet. Seiner Literatur hat das gut getan.

Service

Ferdinand von Schirach, "Schuld. Storys", Piper Verlag

Piper - Schuld