Prix Europa 2010

In Berlin findet diese Woche das 24. europäische Festival der audiovisuellen Medien statt. In den Bereichen Radio, Fernsehen und Neue Medien reichen Europas öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten die von ihnen als beste Produktionen empfundenen Hörspiele, Features und Fernsehfilme ein.

Die Sendungen und die begleitenden Online-Medien-Aktivitäten der Rundfunkstationen werden vorgeführt und analysiert. Am Ende der Woche wählt das Fachpublikum die Sieger in den verschiedenen Kategorien, die jeweils mit dem Prix Europa ausgezeichnet werden. Auf diese Weise sollen die besten Produktionen des Kontinents gewürdigt werden. Doch der Prix Europa ist mehr: Er ist ein Brainpool, ein Sammelbecken der Kreativität, in dem Themen, Ausführung und Ästhetik auf ihre Publikumstauglichkeit überprüft werden.

Kulturjournal, 20.10.2010

An der Masurenallee im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf befindet sich eines der ältesten Rundfunkgebäude Europas. Zur Zeit des Kalten Krieges beherbergte es den Sender Freies Berlin. Dieser wurde im Jahr 2003 in den Rundfunk Berlin Brandenburg – RBB – umgewandelt. Da hatte sich das Haus des Rundfunks schon längst als Standort für den Prix Europa etabliert. In der fünfstöckigen nach oben offenen Halle im Haus des Rundfunks kommen 1.000 Delegierte aus ganz Europa zusammen, teilen sich in Fachgruppen zu Radio und Fernsehen auf und hören, sehen, besprechen und bewerten gemeinsam. Im nächsten Jahr feiert der Prix Europa seine 25. Ausgabe.

Spontane Reaktionen

Entstanden ist das Festival aus dem Prix Futura. Ins Leben gerufen hat den Prix Europa der Prix-Futura-Gründer Peter Leonhard Braun. Dem legendären Radio-Feature-Macher und -Auftraggeber ging es dabei vor allem um ein offenes und öffentliches Bewertungssystem:

"Erstens muss es ein Wettbewerb sein ohne Hinterzimmerjury - nicht eine kleine Jury, die in irgendeinem abgeschlossenen Raum kunkeln kann." Die Programmleute selbst müssen in einer offenen Diskussion Punkt um Punkt durchnehmen und beurteilen, und das öffentlich. "Also ein Verfahren, das möglichst viel Transparenz und eine hohe Treffsicherheit hat, damit aber auch wirklich das beste Stück gewinnt", so Braun.

Täglich stehen rund sieben Produktionen in den jeweiligen Gruppen auf dem Prüfstand, die Delegierten sprechen insgesamt 40 Sprachen. Die Reaktionen der internationalen Radio- und Fernsehmacher sind sehr spontan und mitunter hoch emotional. Die Programm-Gestalter und -Verantwortlichen müssen in den Diskussionen für harsche Kritik gewappnet sein, auch wenn ihre Stücke letztlich mit einem Preis ausgezeichnet werden.

"Dabeisein ist nicht alles"

Häufiger Teilnehmer beim Prix Europa ist der österreichische Schriftsteller, Maler und Regisseur Eberhard Petschinka. Dieses Jahr reiste er mit "Little Enemyz" in Berlin an, einem Hörspiel, das in rauer Szenefolge das Schicksal afrikanischer Kindersoldaten zeigt, unterlegt mit Musik von Marilyn Manson und mit virtuoser Geräusch-Dramaturgie. Die afrikanischen Laien-Darsteller castete Petschinka in Wien. Im September gewann er mit "Little Enemyz" den Prix Italia.

"Ich sehe das als einen Wettbewerb, nicht als Olympiade", sagt Petschinka. "Dabeisein ist nicht alles, man will auf jeden Fall diesen Preis gewinnen, auch wenn man ihn schon gewonnen hat. Trotzdem: Jedes Mal, wenn man mit einem Stück da ist, denke ich mir, ja den muss man gewinnen, den Preis hier."

"Feel good" im Altersheim

In der Kategorie "Emerging Media" hat der ORF die oe1.ORF.at-Serie "Ke Nako. Afrika jetzt" eingereicht, in der Kategorie "Languages through Lenses" läuft ein Trickfilm, der in der Grafik-Design-Klasse der Angewandten entstand.

Ein Dokumentarfilm aus Österreich ist nicht im Rennen, wohl aber ein Fernseh-Spielfilm: "Live is Life" - vom SWR koproduziert - erzählt die Geschichte eines Altersheimes mit in Fadesse dahinvegetierenden Bewohnern, deren Stimmung sich durch einen neuen Pfleger nachhaltig ändert. Die Handlung des von den Bewertern als "Feel Good"-Film eingestuften Hauptabend-Renners kulminiert in der Gründung einer Band der Altersheim-Insassen. Plot und Umsetzung brachten bei der Erstausstrahlung 8,5 Millionen Zuschauer, erzählt der Regisseur Wolfgang Murnberger:

"Es war in Deutschland auf jeden Fall Quotensieger an diesem Abend, das heißt, die haben die meisten Zuschauer gehabt mit dem Film. Die Reaktionen waren sehr interessant. Bei mir zu Hause haben Leute aus Deutschland angerufen, die in Altersheimen arbeiten, ob man diese Band mieten kann und ob diese Band vielleicht auf Tour geht, das war schon sehr witzig."

"Live is Life" ist von einer tatsächlichen Geschichte inspiriert, die Idee lieferte die Internet-Platform Youtube. In einem Video intoniert die britische Senioren-Band The Zimmers "My Generation" von The Who. Fünf Millionen Zugriffe zeigen die Beliebtheit des Stücks.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Insgesamt ist am Prix Europa ein Trend zur Aufweichung der Grenze zwischen Fiktion und Fakten zu beobachten, eine Tatsache und Stoff für Diskussion und Interpretation. In der Kategorie Hörspiel laufen Stücke, die aus dokumentarischem Material montiert sind, wie zum Beispiel "Prima la donna", ein Porträt von vier Opernsängerinnen.

Ein Gutteil der eingereichten Fernsehfilme und -serien sind ebenfalls Verfilmungen tatsächlicher Ereignisse. Alle eingereichten Produktionen erzielten in ihren Ländern außerordentlich hohe Einschaltquoten. Die BBC brachte einen Mehrteiler nach Berlin, der Morde an jungen Frauen bei Ipswich im Jahr 2006 zum Thema hat. In der Vorarbeit wurden Interviews mit den Verwandten der Opfer, mit Verdächtigen und Polizeivertretern durchgeführt. Sämtlichen realen Personen wurden die ihnen entsprechenden Film-Rollen vorgelegt und schriftliche Einverständnis-Erklärungen eingeholt.

Inspiration für die Programm-Macher

Hintergrundinformationen wie diese sind es, die einen besonderen Mehr-Wert für die Medienbranche bedeuten. Best Practices, Erfolgsbeispiele und innovative Produktions-Lösungen sind ein wichtiger Neben-Effekt am Prix Europa, betont die Festivalleiterin Susanne Hoffmann:

"Wir tun etwas dafür, dass die Macher jedes Jahr inspiriert werden, weiter gutes Programm zu machen, auch wenn die Bedingungen schlechter werden, auch wenn es mal weniger Geld gibt, oder die Arbeitsbedingungen nicht so toll sind. Wir tun etwas dafür, dass sie miteinander arbeiten, dass sie voneinander lernen (...) Es kommt irgendwann direkt bei den Augen und Ohren unseres Publikums an. Überall in Europa."

Marktplatz für Ideen

Strukturell ist in der europäischen Radio- und Fernsehlandschaft, wie sie sich am Berliner Wettbewerb präsentiert, ein Generationenwandel zu beobachten. Die Produktion von Radio-Dramas - wie das Hörspiel in Berlin gern genannt wird -, Dokumentationen in Radio und Fernsehen und von Fernsehfilmen ist eng mit der Persönlichkeit der Macher und Auftraggeber verbunden. So wurden einige Länder durch maßgebliche Produzenten-Figuren tonangebend, im Radio-Feature etwa fiel im letzten Jahrzehnt Norwegen besonders durch innovative Produktionen auf. Jetzt steht in Oslo der Generationen-Wechsel an.

Auch das österreichische Radio-Feature ist eine Fix-Größe beim Prix Europa. International wurde es durch den österreichischen Feature-Pionier Richard Goll, der das Feature gemeinsam mit Alfred Treiber an die internationalen Branchenschauplätze führte:

"Da ist jetzt ein Marktplatz, im besten Sinne, nämlich ein Marktplatz, wo gehandelt wird, mit ideellen Werten, nicht nur mit Geldwerten, sondern wo Ideen als Ware gesehen wird, verstanden wird", meint Goll. "Und dann geht einer heim und versucht seinen eigenen Zwetschkenbaum so zu züchten, dass die so ähnlich ausschauen wie die Zwetschken, die er beim Prix Europa am Marktplatz gesehen hat. Oder die österreichische Marille wird dann vielleicht wo am Schwarzen Meer kultiviert, weil sie schmeckt und weil sie gefällt. (...) Da gibt es eine Horizonterweiterung, die durch überhaupt nichts zu bezahlen ist."

Mehrwert entsteht

Am Samstag findet die Preisverleihung des Prix Europa statt. Dieser zieht das größte öffentliche Medieninteresse für den Prix Europa nach sich. Die Entscheidungen der Jurys werden mit Spannung erwartet.

Wichtiger, so Susanne Hoffmann, die Leiterin des Festivals, ist aber die intensive Woche des gemeinsamen Hörens und Sehens und Diskutierens und der daraus entstehende Mehrwert, den die Radio- und Fernsehleute durch diesen internationalen "Programm"-Austausch erzielen können.

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oe1.ORF.at/afrika

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