DOX zeigt Junge tschechische Kunst
"Metropolis" in Prag
Im Prager Ausstellungszentrum für zeitgenössische Kunst (DOX) ist seit Freitag, 22. Oktober2010 die Ausstellung "Metropolis" zu sehen. Sie zeigt die Arbeiten von sechs jungen tschechischen Künstlern, deren Street-Art auf der Expo in Shanghai unerwartet große Erfolge feierte.
8. April 2017, 21:58
Kulturjournal, 25.10.2010
Bis Ende Dezember sind ihre Arbeiten im DOX zu sehen, das am Dienstag, 26. Oktober 2010 seinen zweiten Geburtstag feiert.
Service
Automat für Graffiti-Künstler
Unter einer Brückenkonstruktion hindurch führt die "Metropolis"-Ausstellung im Prager DOX zunächst in das angedeutete Vestibül einer Prager Metro-Station. Auf einem Bildschirm links an der Wand läuft eine Teleshopping-Sendung als Endlosschleife. Statt der üblichen Küchenutensilien oder Fitnessgeräte wird hier ein völlig neuartiges Produkt angepriesen: der Graffomat.
"Hier sehen Sie den Graffomat: Er sieht gut aus, ist aus kugelsicherem Glas gefertigt, damit er gegen Vandalismus geschützt ist. Das Original können Sie im Untergeschoss besichtigen", so Cryptic-257. Auf den ersten Blick sieht er einem gewöhnlichen Getränkeautomaten zum Verwechseln ähnlich. Doch der Schein trügt.
Cryptic-257 klärt auf: "Es ist ein Verkaufsautomat, der die Grundausrüstung für jeden Graffiti-Künstler anbietet: Sprühdosen, Masken, Kappen, Marker. Es ist eine sichere, einfache, günstige und effektive Weise für Graffiti-Künstler, an die Utensilien zu gelangen, die sie brauchen. Wenn man als Sprayer spät abends unterwegs ist, passiert es, dass man etwas Wesentliches nicht dabei hat und es ist zu spät zum Einkaufen. Dank des Graffomaten kann der Künstler 24 Stunden am Tag arbeiten."
Objekte und Installationen
Mit dem Graffomaten ginge vermutlich für alle sechs Künstler, die hier ausstellen, ein großer Traum in Erfüllung. Masker, Pasta, Skarf, Tron, Cryptic 257 und Point - sie alle haben ihre künstlerische Laufbahn mit dem Graffiti begonnen. "Metropolis" zeigt nun 3D-Objekte und eine Videoinstallation der leidenschaftlichen Writer.
Point, ein gutaussehender Endzwanziger, lässig in Jeans und Kapuzen-Sweat-Shirt gekleidet, zeigt auf sein Werk: "Casa nostra" heißt es: ein Objekt in 3D. Die weißen Hochhäuser sind durch konische Röhren in Rot verbunden. Die erinnern an die Tentakel eines Tintenfisches.
"Das Objekt soll zeigen, wie Siedlungen entstehen, wie Urbanisierungs-Prozesse ablaufen", erklärt Point. "Die Röhren führen nicht umsonst vom Fenster eines Hauses zu einem der unteren Geschosse des nächsten: Sie stellen die gedanklichen Prozesse dar, die sich im Kopf desjenigen abspielen, der hinter so einem Fenster sitzt und die Gebäude projektiert."
Die Gedanken wiederum stehen für das Leben und die Weiter-Entwicklung, so Point, der vor allem durch seine 3D-Graffitis bekannt ist: "Das da ist mein Tag."
Fiktive Stadt der Zukunft
Zusammen mit den anderen Künstlern, die hier vertreten sind, hat er hier eine fiktive Stadt der Zukunft geschaffen: Die war ursprünglich im tschechischen Pavillon der Expo in Shanghai zu sehen, inspiriert vom Thema der diesjährigen Weltausstellung: "Better City, Better Life".
"Das, was wir hier zeigen, ist inspiriert von unserem Wirken auf der Straße", erklärt Tron, der vor seinem intergalaktischen, überdimensionierten Wohngebäude steht. "Hier in Tschechien haben sich viele Graffitti-Künstler etabliert. Oft machen sie sogar eine Ausbildung an Grafik- und Kunst-Hochschulen. Das Writing ist hier ziemlich ausgefeilt und die Leute motiviert das häufig, einen anderen künstlerischen Weg einzuschlagen."
Die Gedanken einer Hausfrau
Gleich neben Trons architektonischem Gebilde der Zukunft steht ein typischer Plattenbau. Der Betrachter schlüpft jedoch in die Rolle des Voyeurs, denn er bekommt zu Gesicht, was sich hinter den Betonmauern abspielt. So kann er in die Gedanken einer Hausfrau eintauchen und erfährt, dass sie viel lieber Ski fahren würde, als hier am Herd zu stehen. Im Erdgeschoss wiederum schwebt ein unglückliches Paar bäuchlings auf seinen Tränen.
Die "Metropolis"-Ausstellung passt haargenau ins Konzept des DOX. Mitten im ehemaligen Industrie- und Arbeiterviertel Holesovice präsentiert es auf über 4.000 Quadratmetern moderne Kunst. Der tschechische Architekt Ivan Kroupa hat das Gebäude entworfen. Ehemalige Industriehallen und moderne Neubauten hat er zu einem großzügigen, luftigen Komplex vereint.
Internationale Perspektive
"Die Vision des DOX ist es, zeitgenössische Kunst zu präsentieren, aber vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Themen und Trends, die die Welt heute bewegen und verändern", erzählt Jaroslav Anděl, der künstlerischer Leiter des DOX. "Wir spezialisieren uns auf keine künstlerische Darstellungsform. Was uns interessiert ist der Dialog, die Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Disziplinen. Außerdem geht es uns darum, international zu sein, die tschechische Kunst mit der im Ausland in Verbindung zu bringen."
Genau diese Rolle erfülle die tschechische Nationalgalerie nicht, darin sich Point und Tron einig. Deshalb sei es ein Segen, dass Prag mit dem DOX seit zwei Jahren eine Alternative habe: "Die Nationalgalerie ist tot. Das hier absolut lebendig", so das kompromisslose Urteil von Point.
