Niemand will den Schaden bezahlen
Giftschlamm: Häuser und Gründe wertlos
Am 5. Oktober ist in Ungarn, 180 km südöstlich von Wien, das Deponiebecken einer Aluminiumfabrik gebrochen. Hunder Tausende Kubikmeter giftigen Rotschlamms ergossen sich über drei nahe Gemeinden. Neun Menschen verloren ihr Leben. Die Aufräumarbeiten gehen voran, aber wer den Schaden zahlt, ist weiter unklar. Die Häuser und Grundstücke in der Gegend sind wertlos geworden.
8. April 2017, 21:58
Morgenjournal,27.10.2010
Journalisten unerwünscht
Ohne Erlaubnis kommt derzeit niemand in das verseuchte Gebiet, nicht in die Stadt Devecser, nicht nach Kolontár. Mit einer Delegation europäischer, ungarischer und österreichischer Grün-Politiker geht es. Devecser ist in Rot getaucht, ziegelrot, der Boden, die Mauern, bis zwei Meter hoch. Auf Wiesen und Feldern liegt Gips, um den Schlamm zu neutralisieren und die Schwermetalle zu binden.
Notstand bis Jahresende
Bis Jahresende gilt weiter der Notstand, Zivil- und Katastrophenschutz, Polizei und Militär, alle in Schutzanzügen, treiben die Aufräumarbeiten voran
Neue Wand um das Becken
Vor dem geborstenen Deponiebecken des Aluminiumwerkes MAL AG steht der ungarische Vize-Umweltminister Zoltán Ilissch. Becken Nummer 10. Seit sechzig Jahren werden hier Millionen Kubikmeter Rotschlamm entsorgt. Ein riesiges Lock klafft in der Staumauer. Um neue Katastrophen zu verhindern wir jetzt eine dicke Wand um die Becken gebaut.
Verantwortung: Wer zahlt Schaden?
Die Frage nach der Verantwortung regt ihn auf. Er hat sie wohl schon zu oft beantworten müssen: "Sicher nicht außerirdische Wesen! Das Alu-Werk natürlich, gegen das ermittelt wird. Die zuständigen Behörden hätten ordnungsgemäß kontrolliert. - Aber für die Kontrolle der Beckenwände, so stellt sich heraus, war keine Behörde zuständig, eine Gesetzeslücke. Das Alu-Werk arbeitet schon wieder, unter staatlicher Kontrolle. Einiges soll anders werden, und auch der Rotschlamm soll, wie in Westeuropa üblich, weniger ätzend und weniger flüssig gelagert werden. Ab wann und wer bezahlt, sagt der Vize-Umweltminister nicht." In jedem Fall zu spät für Kolontár.
Ort unbewohnbar
Der 700-Einwohner-Ort liegt der Deponie am nächsten. Der Schlamm kam mit dem Bach und traf die Ufergebiete mit voller Wucht. Jetzt wird Boden abgetragen, es wird geräumt und planiert. Dutzende Häuser müssen abgerissen werden, das Gelände bleibt unbewohnbar, sagt die Sprecherin des Katastrophenschutzes. Den Bewohnern wurden neue Häuser versprochen, hier oder anderswo in Ungarn.
Häuser und Gründe wertlos geworden
In den verschonten Ortsteil sind die Menschen bereits zurückgekehrt, das Wasser sei sauber, heißt es, der Feinstaub in der Luft nicht mehr so konzentriert. Zsolt Fuchs hat eine Hühnerfarm in Kolontár, er macht sich Sorgen um die Zukunft. Wer will noch Eier aus Kolontár? Er würde wegziehen, aber seine Existenz ist hier. Sie sagen uns, es wird alles gut und sie werden zahlen, was sie nicht sagen, ist: Kein Haus, nichts mehr, ist etwas wert in dieser Gegend.
Morgenjournal, 27.10.2010
EU-Katastrophenschutz verbessern
Angesichts der Giftschlamm-Katastrophe in Westungarn räumt die EU-Kommission Verbesserungsbedarf ein. Auch im Fall von Industrieunfällen müsse raschere europäische Hilfe geleistet werden. Die zuständige EU-Kommissarin hat ihre Pläne für einen besser koordinierten Katastrophenschutz in der gesamten EU vorgestellt.
