Von Gangstern und Traditionen

Am 24. November 2010 wird in der Wiener Urania das Jüdische Filmfestival eröffnet, das bis zum 12. Dezember insgesamt 30 Filme mit jüdischen Themen auf die Leinwand bringt. Das vielfältig angelegte Festivalprogramm, war schon vor Festivalbeginn Anlass für eine Kontroverse mit der israelitischen Kultusgemeinde.

Mittagsjournal, 23.11.2010

Dokumentar- und Spielfilme

Wenn man sich das Programm des diesjährigen jüdischen Filmfestivals ansieht, fällt eines auf: Hier wird abwechslungsreiches Kino geboten, das zwischen Dokumentar- und Spielfilmen, historischen und aktuellen Arbeiten einen breit gefächerten Blick auf Filme mit jüdischen Thematiken wirft. Ein buntes Programm, das der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien aber zu bunt war. Sie verweigerte auch heuer wieder eine Zusammenarbeit mit den Festivalorganisatoren, wobei insbesondere zwei Filme den Unmut der Gemeinde geweckt hätten, so Monika Kaczek, die das Festival gemeinsam mit ihrem Mann Frederic Kaczek leitet.

In "Fucking different Tel Aviv" setzen sich homosexuelle Filmemacher und Filmemacherinnen mit der Homosexuellenszene in der israelischen Stadt auseinander. Der Dokumentarfilm "Brit" begleitet eine junge Mutter bis zum achten Lebenstag ihres Sohnes - dem Tag seiner Beschneidung - und bezieht dabei auf sehr persönliche Weise kritisch Position zu diesem Ritual. Der Vorwurf der Kultusgemeinde, die sich vom Festival distanziert: Beide Filme würden die Gefühle der jüdischen Gemeinschaft verletzen. Der zuständige Generalsekretär Raimund Fastenbauer war für eine Stellungnahme nicht erreichbar, und so bleibt die Frage nach dem Warum hier unbeantwortet.

Schwerpunkt "Kosher Noster"

Damit zum eigentlichen Festivalprogramm, bei dem es Monika Kaczek vor allem darum gegangen ist, verschiedenste Sichtweisen, Thematiken und Traditionen zu vereinen. Im Rahmen des Festivalschwerpunkts "Kosher Noster", werden in Anlehnung an die sizilianische Mafia Gangsterfilme gezeigt - darunter mit "Beny Krik" auch ein sowjetischer Stummfilm aus dem Jahr 1926.

Die Reihe Misrachi hingegen widmet sich der Geschichte, Tradition und Gegenwart sephardischer Juden, die im 15. Jahrhundert aus dem heutigen Spanien vertrieben wurden, in das Osmanische Reich und in den Maghreb flohen, und dort ihre Kultur weiterlebten.

Daneben gibt es zahlreiche Dokumentarfilme zu sehen, die sich mit jüdischer Vergangenheit und Gegenwart beschäftigen. Der polnische Film "Po-lin" etwa reflektiert Amateurfilme jüdischer Auswanderer aus den 1920er und 30er Jahren, und der Dokumentarfilm "Kol Ishah" gibt Einblicke in das moderne Judentum und begleitet vier Frauen, die in Amsterdam, Frankfurt, Los Angeles und New York als Rabbinerinnen tätig sind.

Nach der Eröffnung in der Urania übersiedelt das Festival in das Votiv- und das De-France-Kino - und dann kann sich das Publikum selbst entscheiden, was ihm zu bunt ist und was nicht.

Service

Jüdisches Filmfestival Wien, 24. November bis 12. Dezember 2010, Votiv- und De-France-Kino in Wien,
Ö1 Club-Mitglieder bekommen ermäßigten Eintritt (zehn Prozent).

Jüdisches Filmfestival Wien