Gefängnisse: Gewalt gegen junge Häftlinge

Jugendrichter orten einen Anstieg von Gewalt und auch massiver sexueller Gewalt unter jungen Häftlingen in Österreich. Ein Grund für die zum Teil grausamen Misshandlungen sei Personal- und Platzmangel in den heimischen Gefängnissen.

Eine Jugendrichterin meint sogar, eigentlich müssten die Vorfälle Anlass für staatliche Entschädigungszahlungen sein, weil der Staat jungen Menschen zwar die Freiheit nehme aber offenbar nicht für ihre Sicherheit im Gefängnis sorgen könne.

Viele Übergriffe gar nicht bekannt

Österreichweit sind in den vergangenen fünf Jahren laut Justizministerium 46 sexuelle Übergriffe in Gefängnissen zur Anzeige gekommen. Heuer im ersten Halbjahr waren es schon 10. Und am Wiener Straflandesgericht gab es heuer schon fünf Verurteilungen wegen brutaler sexueller Gewalt und Demütigungen unter Jugendlichen in der Justizanstalt Josefstadt. Darunter eine Vergewaltigung unter Mädchen, eine massive Misshandlung unter Burschen mit einem Besenstiel und diese Woche eine Nötigung zum Oralverkehr mit einem Messer.

Aber das sei wohl nur die Spitze des Eisbergs sagt Jugendrichter Norbert Gerstberger und die für die Justizanstalt zuständige Jugendrichterin Beate Matschnig meint gar, dass das Opfer so schwere Verletzungen hatte, dass es sogar dem Wachpersonal auffiel. Das heißt, das die meisten Übergriffe gar nicht bekannt werden.

Kein Platz, kein Personal

Die räumliche und personell angespannte Situation speziell in der Justizanstalt Josefstadt sei ein Hauptgrund für Übergriffe: bis zu sechs Jugendliche sind in einer Zelle, meistens eingesperrt am ganzen Wochenende.

In Richtung jener, die meinen könnten, die Jugendlichen seien doch selbst schuld, wenn sie im Gefängnis landen, meint Jugendrichterin Matschnig: wenn man sich ansieht, was die Kinder alles erlebt haben, sagt niemand mehr, das habe er verdient.

Eigentlich müsse es für die Betroffenen - wie in der Kirche - Entschädigungen geben, in diesem Fall durch den Bund: man habe sie in Pflege und Erziehung. Wenn man nicht in der Lage sei sie zu versorgen, dann werde auch einmal die Justiz zur Verantwortung gezogen werden müssen.

Klar sei auch, so Matschnig: Wenn Jugendliche in der Haft Gewalt erleben, steige die Gefahr, dass sie nach der Haft rückfällig und wieder gewalttätig werden.

Neues Gefängnis dringend nötig

Matschnig fordert schon seit der Abschaffung des Jugendgerichtshofs ein neues eigenes Jugendgefängnis in Wien mit Einzelzellen wie in der Jugendhaftanstalt Gerasdorf. Laut dem Sprecher des Bewährungshilfe-Vereins Neustart Andreas Zembathy kommt es allerdings auch dort zu Übergriffen, weshalb Gerasdorf unter jungen Häftlingen keinen guten Ruf habe. Der Vollzugsdirektion des Justizministeriums sind vor allem die Probleme in Wien-Josefstadt und Mittersteig bewusst. Um Verbesserungen bemühe man sich.

Ministerium: Kein Geld

Offiziell gemeldet werden laut Justizministerium pro Jahr rund 200 strafbare Handlungen und Schlägereien, darunter heuer im ersten Halbjahr auch zehn sexuelle Übergriffe. Die Jugendrichter orten vor allem einen Anstieg bei Gewalt unter jungen Häftlingen. Schuld daran sei Platz- und Personalmangel vor allem in der Justizanstalt Josefstadt. Im Justizministerium ist man sich des Problems zwar bewusst und bemüht sich um Verbesserungen, die scheitern aber oft an Geld- und Personalmangel.