Einigungs-Oper für Palermo

In Italien führt das Sparprogramm für Musiktheater zu gravierenden Einschnitten. Für Aufsehen sorgt, dass das Opernhaus in Palermo ein Auftragswerk bestellt hat. Allerdings wird die Premiere von Lega Nord mit Boykott bedroht. Die Handlung der Oper spielt vor dem Hintergrund des italienischen Kampfes um die Gründung eines Nationalstaats.

Kulturjournal, 19.01.2011

Livia ist unglücklich. Verheiratet mit einem alten venezianischen Adligen fühlt sie sich zu einem jungen österreichischen Offizier hingezogen. Der nutzt diese Liebe aus, um an das Geld des Adligen zu gelangen. Livia entdeckt, dass der Offizier sie ständig betrügt und klagt ihn bei seinem General als fahnenflüchtig an. Der Offizier wird von einem Militärgericht zum Tode verurteilt.

Die in Italien berühmte Erzählung des Schriftstellers Camillo Boito "Senso", verfilmt von Lucchino Visconti, handelt vor dem Hintergrund der österreichischen Besetzung Norditaliens und des italienischen Kampfes um die Gründung eines Nationalstaats. Der Komponist Marco Tutino, der auch Intendant des Stadttheaters in Bologna ist, komponierte die Musik zur Erzählung. Eine Auftragsoper für das Teatro Massimo in Palermo, eines der schönsten und größten Opernhäuser Italiens.

Neuromantische Gruppe

Der 1954 geborene Tutino gilt seit den späten 1970er Jahren als der wohl prominenteste Protagonist der so genannten Neuromantischen Gruppe. Einer italienischen Komponistengruppe, zu der auch Lorenzo Ferrero und Carlo Galante gehört. Das neuromantische Credo Tutinos bezieht sich auf eine direkte Anknüpfung an Kompositionsideale der Vergangenheit - ohne den Umweg über die Darmstädter Schule, eine Schule, die von Tutino entschieden abgelehnt wird, als, wie er einmal sagte, "unnötiger Umweg".

Tutinos neue Oper "Senso" erinnert in ihrer musikalischen Formensprache an eine Mischung aus Giacomo Puccini und Gian Carlo Menotti, mit elegant eingearbeiteten avantgardistischen Einschüben, die an zeitgenössische US-amerikanische Musik wie auch an das kompositorische Schaffen des finnischen Dirgenten Esa Pekka Salonen erinnern. Es ist sicherlich nicht falsch, Tutino als einen Eklektiker zu bezeichnen. In Italien hat er mit seinen Opern in Italien großen Erfolg.

Italienische Einigungsbewegung

Anlässlich des 150. Jubiläums des italienischen Nationalstaats, der 1861 aus der Taufe gehoben wurde, vor allem mit dem Ende der österreichischen Besatzung Norditaliens und der Einigung der verschiedenen Staaten auf italienischem Boden unter einer Krone, entschied sich Tutino bei dem Auftrag zu einer neuen Oper für ein Thema des "Risorgimento", wie man die italienischen Einigungsbewegung nennt.

"Mich reizte der dramaturgische Kontrast einer Beziehung zwischen einer Italienerin und einem Feind, dem österreichischen Soldaten, und seinen Gefühlen ihr gegenüber, Gefühle, die nur aus dem purem Ausnutzen der Frau bestehen, und einem politischen Hintergrund voller hehrer Ideale", so der Komponist. "Dieser Kontrast ist wie geschaffen für eine musikalische Komposition".

Lega Nord fordert zu Boykott auf

Angesichts der dramatischen Situation der italienischen Opernhäuser - dramatisch dank der tiefen Einschnitte in die staatliche Finanzierung - verdient die Entscheidung des Teatro Massimo in Palermo für eine neue Oper großes Lob. Allerdings nicht von der zweitwichtigsten Regierungspartei. Grund dieser Kritik: der historisch-politische Hintergrund von Tutinos Oper "Senso".

In Mailand verbrennen Anhänger der separatistischen Regierungspartei Lega Nord die Tricolore, die italienische Nationalflagge. In von der Lega Nord regierten Ortschaften wird die Nationalflagge inzwischen durch neue regionale Fahnen ersetzt. Anstatt den Einheitsstaat propagiert man ein von Rom unabhängiges Norditalien. Regierungsvertreter der Lega Nord wollen deshalb sämtlichen offiziellen Veranstaltungen fernbleiben. In den von der Lega Nord regierten Städten und Regionen sollen bereits geplante Veranstaltungen abgesagt werden. Die Jubiläumsoper in Palermo wird vor diesem Hintergrund als reine Geldverschwendung abgetan. Lega-Politiker fordern sogar zu einem Boykott der Aufführungen auf.

Neue Hymne gefordert

Das Verhalten der Lega Nord zur Staatseinigung, dem sich auch Regierungschef Berlusconi in gewisser Weise anschließt, um seinen Koalitionspartner nicht zu verärgern, hat eine heftige Debatte unter Politikern, Historikern, Intellektuellen und Musikern sowie Komponisten ausgelöst.

Dazu der römische Musikkritiker Franco Soda: "Immer mehr Norditaliener, darunter auch Minister und Historiker, aber auch Musiker, die dieser Partei nahe stehen, fordern eine neue Nationalhymne, die weniger an die Staatseinigung erinnert. Oder gar eine Hymne nur für Norditalien. In einigen von dieser Partei regierten Regionen existieren bereits Regionalhymnen, die die Nationalhymne ersetzen, was der Verfassung nach verboten ist".

Einigungs-Opern nicht mehr aufgeführt

Die Loslösung des Nordens vom übrigen Italien wird qua Musik bereits vollzogen. Neben dem Abspielen eigener lokaler Hymnen werden an den Musiktheatern in von der Lega Nord regierten Kommunen so gut wie keine Opern mehr aufgeführt, die irgendeine Beziehung zur politischen Einigungsbewegung des "Risorgimento" haben, darunter vor allem einige wichtige Werke von Verdi wie zum Beispiel "Nabucco" und "I lombardi alla prima corciata".

In den Medien ist bereits von der kulturellen und musikalischen Sezession des Nordens die Rede. Marco Tutino, Giorgio Battistelli und andere bekannte italienische Komponisten sprechen von einer besorgniserregenden Politisierung der italienischen Musikszene.