Statusmeldung

"Es geht darum, eine Geschichte über Vereinsamung, Entfremdung, Vertrauenskrise zu erzählen, und zwar dort, wo all diese Phänomene zuhause sind. Und das sind genau die sozialen Netzwerke", meint Autor Fabian Burstein.

In der Online-Plattform facebook hat der Autor und Musiker Fabian Burstein seinen Debütroman "Statusmeldung" angesiedelt. Einzig über Statusmeldungen, Blog-Einträge und Kommentare entwickelt sich die Handlung.

"Die facebook-Form, oder jene der Web-2.0-Ausdrucksmittel, hat einen Vorteil: es ist komplett unverbraucht", so Burstein. "Das ist für mich spannend, weil ich mir überlege, was gibt es, was noch nicht 10.000 Mal durchgefrühstückt worden ist. Die Verheiratung von genau diesen Formen von Formulierungen und Stilistiken mit dem klassischen Literatursegment, das ist eigentlich weitgehend Neuland."

"Statusmeldung" kann somit als der erste facebook-Roman der Welt gelten.

Anderer Umgangston

Der Protagonist des Buches, das nun im Labor Verlag erschienen ist, flüchtet vor einer gescheiterten Liebe und heuchlerischen Freunden in den virtuellen Raum – jedoch nicht in dessen Anonymität. Im Gegenteil: Julian Kippenberg schreibt unter seinem echten Namen und geht mit seinen Mitmenschen hart ins Gericht, während er sich ihnen zugleich vollständig entzieht.

"Das, was in der realen Welt zum normalen Umgangston gehört, ist in den sozialen Netzwerken das totale Aus-der-Rolle-fallen", sagt Burstein, "nämlich den Namen zu offenbaren und nicht nur als Pseudonym zu existieren. Dass er das macht, bringt das Paradoxon auf den Punkt."

Theoretische Freundschaften

Zwischen "abstrahierter Menschlichkeit" und vermeintlicher Narrenfreiheit gilt es für User, ihre Position zu finden. Soziale Netzwerke, so Fabian Burstein, liefern die Illusion, dass verschiedene Phasen zwischenmenschlicher Annäherung mit einer Freundschaftsanfrage per Mausklick übersprungen werden können.

Zweitausend Freunde auf Facebook bedeuten nicht unbedingt ein erfülltes Gesellschaftsleben. Dennoch: Fabian Burstein ist zuversichtlich, dass die User dazu lernen und sich die Verwendung normalisiert, ebenso wie dies bei Partnerbörsen im Internet der Fall ist:

"Die Leute haben geglaubt, ab jetzt finde ich meine große Liebe nur noch im Internet. Selbst wenn ich das als Anstoß nehme, muss ich ausgehen, mich schön anziehen, mich bemühen, und dann geht was. Neue Verpackung für was Altes. Nur, von dieser Erkenntnis sind wir bei facebook, Twitter und Co. weit entfernt, sondern es wird als Substitut betrachtet."

Aktive Teilnahme

Mit der Veröffentlichung des Romans ist die Geschichte von Julian Kippendorf, der in die endlosen Weiten des Internets eintaucht, um zu sich selbst finden, aber nicht abgeschlossen. Naheliegend war für Fabian Burstein, den Charakter auch im Internet weiterleben zu lassen, mit einem eigenen Soundtrack auf youtube und einem rege benutzten facebook-Profil: 1.700 Freunde hat er.

"Das dürfte die Leute derart interessieren, dass sie ganz aktiv partizipieren", so Burstein. "Der postet drei- bis viermal am Tag, was er gerade tut. Obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass das Gros der Leute das weiß, macht es Spaß zu interagieren. Wie all das zusammenspielt, das ist noch neben dem Buch an sich wie ein Literaturexperiment, das total spannend zu beobachten ist."

Zum Ausgleich: Grabreden

Der 28-jährige Wiener Fabian Burstein hat für die Werbung gearbeitet, das Magazin "faq" und einen Audio-Verlag mitbegründet, Film-Drehbücher geschrieben und Regie geführt, und er ist Gitarrist und Songwriter der Band cadiz. Doch damit nicht genug: Seine Begabung, die richtigen Worte zu finden, kann er auch bei seiner Nebenbeschäftigung als Grabredner ausleben.

"Es fällt mir grundsätzlich schwer, mich emotional von der Welt abzugrenzen", so Burstein. "Ich fühle mich berührt von allem und vielem. Die Grabreden sind genau der Ort, wo ich dieses 'Problem' zu einem ganz großen Benefit machen kann. Weil ich auf sehr unmittelbare Weise wiedergeben kann, was diese Menschen, die um jemanden trauern, empfinden. Das berührt sie. Und das ist der Sinn der Grabrede."

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Fabian Burstein, "Statusmeldung", Labor Verlag

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