Krise im Jüdischen Museum Wien

"Scherbenhaufen" titelte das "profil", denn im Jüdischen Museum Wien stehen die Zeichen auf Krise - nach dem Wirbel um zerstörte Hologramme, die ein Teil der Dauerausstellung waren. Inzwischen geht es um mehr als um einen Glasschaden - nämlich beispielsweise um die Frage, ob Chefkuratorin Felicitas Heimann-Jelinek am Haus bleibt.

Mittagsjournal, 23.02.2011

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Jüdisches Museum Wien
profil - Scherbenhaufen: Empörung über Zerstörungsaktion im Wiener Jüdischen Museum

Vor gut 15 Jahren wurden in der neuen Dauerausstellung des jüdischen Museums Wien Hologramme aufgestellt, die die jüdische Geschichte Wiens darstellten. In immateriellen Bildern - da diese Geschichte auch eine der Auslöschung und des Verschwindens ist. Die Installation bekam internationalen Beifall und trug zum Ruf des Hauses als progressives Museum bei.

Derzeit wird das Gebäude in der Dorotheergasse der dringenden Sanierung unterzogen - unter hohem Zeitdruck. Die Hologramme sollten abgebaut werden und ins Depot kommen. Doch die Demontage ging schief - am 21. Jänner dieses Jahres zerbrachen die Hologramme in Tonnen von Scherben.

Verstoß gegen das Dienstrecht?

Seither wird heftig gestritten, ob das eine Husch-Pfusch-Aktion war, die sich hätte vermeiden lassen. Die Chefkuratorin Felicitas Heimann-Jelinek, deren Idee die Hologramme seinerzeit waren, verschickte Fotos der Scherben an Freunde und Bekannte - was von der Museumsleitung als Verstoß gegen das Dienstrecht betrachtet wird. Direktoren europäischer Jüdischer Museen unterzeichneten einen Protestbrief an Danielle Spera. Ihr Ruf und der des Museums scheinen ernsthaft beschädigt.

Vergangenen Montag fand deshalb eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung des Jüdischen Museums statt. Der Aufsichtsrat ist in sich uneins; die Vertreter der Wien-Holding, die das Museum betreibt, stellen sich nach wie vor voll hinter Spera. Nicht so die Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde im Aufsichtsrat. Deren Präsident Ariel Muzicant schickte gestern eine Stellungnahme aus, die Ö1 vorliegt.

Geht verdiente Chefkuratorin?

"Haus muss saniert werden und Hologramme müssen entfernt werden - darüber waren sich alle einig -, neue Dauerausstellung muss konzipiert werden", so Muzicant in Stichworten. "Das Problem ist ja nicht, dass man das tut, sondern wie das gelaufen ist".

In der Stellungnahme heißt es, dass die Chefkuratorin von der Zerstörung der Hologramme nicht informiert wurde. Sie erfuhr davon erst Tage später - aus dem Intranet. In dem Konflikt geht es jetzt nicht mehr so sehr um etwaige Verschuldensfragen, was die Hologramme angeht, sondern um die wichtigere Frage, ob das Jüdische Museum sich von seiner Chefkuratorin trennt bzw. sie selbst das Handtuch wirft.

"Dann verliert das Jüdische Museum eine in der jüdischen Museumswelt einzigartige Fachfrau. Und da muss uns die Geschäftsführung sagen, wer dieses Loch, das sie hinterlässt, ersetzen soll", so Muzicant.

Inspirierte Ausstellungsgestalterin

Heimann-Jelinek gilt als nicht nur wissenschaftlich hervorragende, sondern auch inspirierte Ausstellungsgestalterin. Mit "Masken, Versuch über die Shoa" und "Ordnung muss sein" setzte sie Maßstäbe, auch was die visuell und emotional fesselnde Vermittlung heikler Inhalte betrifft. Das weiß auch der Geschäftsführer der Wien-Holding, Peter Hanke, der dem Museums-Aufsichtsrat angehört.

Er wird in den nächsten Tagen mit Heimann-Jelinek ein vermittelndes Gespräch führen: "Ich kann nur bestätigen, dass sie über viele, viele Jahre ein Aushängeschild für die Qualität des Hauses war und ist, und dass wir sie alle sehr sehr schätzen".

Hoffen auf Neustart

Auch Danielle Spera hofft auf einen Neustart der Zusammenarbeit: "Frau Heimann-Jelinek befindet sich derzeit im Krankenstand, und ich freue mich schon sehr darauf, mit ihr ein Gespräch zu führen über die weitere Konzeption des Hauses, über die Zukunft des Hauses."

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der emotionale Scherbenhaufen im Jüdischen Museum gekittet werden kann. Abzuwarten bleibt auch, wie weit sich die Wiedereröffnung vom geplanten Zeithorizont, Spätsommer, nach hinten verschiebt. Denn aus der Sanierung wurde eine ambitionierte größere Umgestaltung - mit Verlegung des Cafés, Erweiterung des Foyers und einem neuen, größeren Veranstaltungssaal.