100 Jahre Frauentag - der status quo

"Es geht um eine andere Welt"

Am 8. März jährt sich zum 100. Mal der internationale Frauentag. Die Bilanz in Österreich fällt immer noch beschämend aus. Nicht einmal ein Drittel der Abgeordneten im Parlament sind Frauen. Wenn eine Frau Rektorin an einer Universität wird, ist das eine Sensation. Weitere Beispiele folgen.

Morgenjournal, 08.03.2011

Oft verwendete Abwehrstrategien

Eine besonders bittere Pille zum Frauentag stellt die Österreichische Apothekerkammer dar. Eine Branche, in der zu 90 Prozent Frauen arbeiten, wird zu 90 Prozent von Männern vertreten: Der Kammerpräsident ist ein Mann, und unter neun Landespräsidenten ist nur eine Präsidentin. Apothekerkammer-Präsident Heinrich Burggasser erklärte das gegenüber Ö1 damit, "weil Frauen nicht den Wunsch haben, sich in die erste Reihe zu stellen". Für die Politologin und Ökonomin Gabriele Michalitsch von der Uni Wien ist das indiskutabel: "All diese Diskussionen um 'Frauen wollen gar nicht vorne stehen, Frauen seien andererseits gar nicht selbstbewusst genug' oder Ähnliches, halte ich für Abwehrstrategien."

Fragwürdige Ideale

Aber auch die hohe Politik ist um nichts besser. Der Gratiskindergarten wird vor Wahlen, schließlich sind Frauen die größere Wählergruppe, versprochen, dann wieder abgeschafft. Der Ausbau der Kinderbetreuungsplätze wird beim ersten Budgetengpass gestoppt. Für Michalitsch durchaus typisch, aber frauenpolitisch sei der entscheidende Punkt ein anderer. Man solle "in Frage stellen, was Frau sein in unserer Gesellschaft bedeutet und was Mann sein in unserer Gesellschaft bedeutet. Also welche Männlichkeitsideale, welche Weiblichkeitsideale wir permanent produzieren, reproduzieren, weitergeben." Sie fragt sich, ob das tatsächlich die Muster und Entwürfe seien, mit denen unsere Kinder groß werden sollen. "Es geht eben nicht nur um die Hälfte sozusagen der bestehenden Welt, es geht tatsächlich um eine andere Welt", so Michalitsch.

Frauen in der Politik

Und da müssten Frauen ganz selbstverständlich auch in politischen Spitzenpositionen voll vertreten sein, wovon Europa und erst recht Österreich weit entfernt sind. In Österreich sind nur 50 von 183 Abgeordneten Frauen, es hat noch nie eine Bundeskanzlerin oder eine Bundespräsidentin gegeben. Bezeichnend, was Nationalratspräsidentin Prammer im Vorfeld der letzten Bundespräsidentenwahl gesagt hat. Auf die Frage, ob sie denn kandidiere, antwortete sie: "Ich habe einen einzigen Wunsch und ich hoffe sehr, dass er mir erfüllt wird. Nämlich, dass der Herr Bundespräsident 2010 wieder antritt." Der Frau wurde geholfen: Es steht weiter ein Mann an der Spitze des Staates.

Frauen in der Wirtschaft

Und wie das mit den Spitzenpositionen in der Wirtschaft ist, wird von der Frauenministerin gerade vorexerziert. Selbstverpflichtungen statt zwingender Frauenquoten für Aufsichtsräte. Die Politikwissenschaftlerin Gabriele Michalitsch sieht das kritisch: "Freiwillig verändern sich Macht- und Herrschaftsverhältnisse nicht. Das ist wohl ein sehr problematischer Ansatzpunkt. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass im Kontext dieser Debatte sehr viel ausgeblendet wird." Zum Beispiel die Klein- und Mittelbetriebe, also der größte Teil der Unternehmen, aber auch die Niedriglohn-Bereiche, wo Frauen überwiegen. Die Wissenschaftlerin träumt von geschlechts-unspezifischen Quoten für diese Berufsfelder, halbe-halbe an den Supermarktkassen. Eben von einer anderen Welt.