Jan Tabor trifft Allen Ginsberg

"Eine der wichtigsten zufälligen, aber bestens vorbereiteten Begegnungen in meinem Leben fand im Frühjahr 1965 statt." Der Architekturkritiker und Kulturpublizist Jan Tabor über das Eigentümliche an wichtigen Begegnungen: sie lassen sich nicht wirklich herbei-organisieren, sondern man muss sie, so Tabor, "kommen lassen".

Dennoch ist man bisweilen schon Jahre vorher für sie bereit. Und: Haben sie einmal stattgefunden, können sie ein Leben lang nachwirken. Jan Tabor war 21 und Student in Brünn; eine noch unterschwellige Revolte gegen die kommunistische Spießbürgerlichkeit lag damals in der Luft, erzählt er:

"Es wurde angekündigt, dass der berühmte amerikanische Dichter Allen Ginsberg nach Prag kommt. Ich wollte diesem Dichter begegnen, denn das war für mich ein sehr großes Vorbild. In der kommunistischen Tschechoslowakei haben wir nicht gewusst, was wir mit unseren rebellischen Sehnsüchten machen sollen, dann haben wir von Fluxus, den Beatniks und der neuen Poesie gehört; Ginsberg hat sich zu seiner Homosexualität bekannt, er hat sich nackt mit seinem Freund fotografieren lassen, das hat uns alles extrem beeindruckt, auch uns Nicht-Homosexuelle."

Jan Tabor, Architekturtheoretiker

Der Inbegriff des rebellierenden Künstlers und des Künstlers als Rebell

Aufgabe der Jugend: Für Veränderung sorgen

Die 1950er und frühen 1960er Jahre waren unter der kommunistischen Verwaltung in der Tschechoslowakei nicht unerträglicher für junge Menschen als im sogenannten Westen, befindet Jan Tabor. Die schönste Aufgabe der Jugend aber sei es - hier wie dort - für Veränderung der bestehenden Bedingungen zu sorgen und die Vorbilder dafür herzlich willkommen zu heißen:

"Ginsberg ist in Prag aufgetaucht, mit einer schwarzen Mähne wie ein schwarzer Löwe, und er trug weiße Tennisschuhe - das werde ich nie vergessen. Und da gab es am 1. Mai das Maifest der Studenten, das gar nichts mit dem 1. Mai der Sozialisten zu tun hatte, dafür aber sehr viel mit Liebe, Liebe, Liebe! Da wurde Ginsberg zum König gewählt, er ist in einem Umzug getragen worden und bekam eine Krone. Mir ist es gelungen, irgendwie in seine Nähe zu kommen, aber er war derart belagert von Menschen - es waren zu viele Begegnungssüchtige, das war wie im Sprichwort, wo zu viele Hunde den Hasen verdrängen."

Ausstellung "Kunst und Befreiung"

Allen Ginsberg war für Jan Tabor der Inbegriff des rebellierenden Künstlers und des Künstlers als Rebell, der gegen Rassendiskriminierung und Vietnamkrieg war und für neue Poesie, der "wie ein Eisbrecher Eis und Krusten aufbrach". Ein Rebell, dem andere Menschen folgen, auf dass "ein Garten Eden der Rebellion", so Tabor, entstehe.

Noch bis 8. Mai 2011 läuft im Wiener MuseumsQuartier die Ausstellung "Kunst und Befreiung. Menschen in Revolten", die das forum experimentelle architektur, dem Tabor vorsteht, gestaltet hat. f.e.a., so die Kurzbezeichnung des Forums, zeigt in dieser auf mehrere Jahre angelegten Schau in Vorträgen, Dia-Shows und Symposien im In- und Ausland, wie Architektur, Musik, Literatur, Fotografie und Design seit Kriegsende zur Befreiung von Menschen beitrugen und beitragen.

Das Motto dafür liefert ein weiterer großer Denker: Albert Camus. Von ihm stammt der Satz "Der Sinn der menschlichen Existenz ist Revolte." Und damit ist kein leerer theoretischer Begriff gemeint, sondern der unmittelbare Eingriff in den Alltag, in das Leben der Menschen, wie viele Beispiele aus der Ausstellung belegen.

Weltkulturelle Prozesse

Die Revolutionen von damals wie auch von heute - etwa die Aufstände in den arabischen Ländern - sind übrigens überkulturell und weisen bestimmte Gemeinsamkeiten auf, so Jan Tabors These:

"Das Interessante ist, ob in den Revolten nicht die gleichen Prozesse ablaufen, die weltkulturell sind. Der neuen Generation in den arabischen Ländern hat man das Etikett 'islamisch' oder 'arabisch' aufgeklebt - und jetzt sieht man, dass das nicht so ist. So wie Amerikaner und Europäer über die eigenen Rebellen gestaunt haben und sich gewehrt haben, und sich dann aber doch mitbewegen mussten! Das Faszinierende ist die Frage, ob es nicht doch Gesetzmäßigkeiten der Rebellion gibt, die überkulturell sind."

Auch die Ziele von Rebellionen müssen immer wieder neu hinterfragt werden, erklärt Kulturpublizist Jan Tabor. Hat man einst durch die Ablehnung absonderlicher Anstandsregeln verkrustete Strukturen aufgebrochen, sollte man sein Verhalten mitunter überdenken: Scheinbar ganz unbedeutende Handlungen können heute unvermutete Rebellionen im Alltag darstellen:

"Wenn heute ein junger Mensch in der U-Bahn aufsteht und einem Älteren Platz macht, ist das in meinen Augen bereits rebellisch. Ich habe kürzlich Daniel Cohn-Bendit gehört, der hat etwas ganz Ähnliches gesagt. Das gute Benehmen ist etwas, das die Linken, die sich einst dagegen gewehrt haben, weil es ein Herrschaftsinstrument war, wieder übernehmen können. Gutes Benehmen ist heute ein Statement gegen die raffende Gesellschaft, die nur ihre eigenen Interessen durchsetzen will. Wir müssen uns anders benehmen - gegenüber den anderen Menschen, anderen Nationen und Religionen, das wäre eine neue Revolution."

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Quartier 21 - forum experimentelle architektur