Die japanische Psyche

Das verheerende Erdbeben und die Atomkatastrophe von Fukushima haben die japanische Gesellschaft in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Allerorts fanden sich - meist ausländische - Experten, die sich über die Besonderheiten der japanischen Psyche ausließen. Eine Autorin, die sich schon lange Zeit vor allem mit den Schattenseiten der japanischen Gesellschaft befasst ist Yu Miri.

Am 17. Mai 2011 hat die Autorin in der Wiener Hauptbücherei aus ihrem Roman "Gold Rush" gelesen und auch über die beklemmenden Entwicklungen seit Fukushima erzählt.

Kulturjournal, 18.05.2011

Stefanie Panzenböck

Der 14-jährige Kazuki wächst gemeinsam mit seinen Geschwistern bei seinem Vater auf. Der ist Besitzer einer Spielhalle, überaus reich und skrupellos im Umgang mit seiner Umgebung. Seine Tochter verprügelt er regelmäßig und seinem Sohn begegnet er mit Herablassung. Das alles beschreibt Yu Miri mit schonungsloser Offenheit. Sie kennt die Atmosphäre, weil sie selbst im dunklen Herzen der Hafenstadt Yokohama aufgewachsen ist:

"Koganecho ist ein Viertel der Prostitution, der Mafia und der Drogen. Dort habe ich zwischen den Prostituierten auf der Straße gespielt, genau wie der Bub in meinem Buch. Mein Vater hat in einer Glücksspielhalle gearbeitet und meine Mutter war Hostess in einem Nachtklub. Aber nicht nur die Atmosphäre, auch mein Vater war sehr gewalttätig. Ich bin regelmäßig von ihm geschlagen worden und einmal hat er mir sogar meine Nase gebrochen. Wahrscheinlich um diese eigenen Erfahrungen aufzuarbeiten und zu überwinden, bin ich bei meinen Beschreibungen so explizit."

Dokumentation über Fukushima

Auf den ersten Blick wirkt die 42-jährige Yu Miri zerbrechlich. Dabei zählt sie zu den renommiertesten Schriftstellerinnen Japans. So wurde ihr bereits der Akutagawa-Preis, die wichtigste Auszeichnung für japanisch-sprachige Autoren verliehen. Bisher hat sie ausschließlich Bühnenstücke und Prosa veröffentlicht. Die tragischen Ereignisse rund um Fukushima möchte sie jetzt aber in einem dokumentarischen Text verarbeiten.

Noch bevor die japanische Regierung die Sperrung einer 20-Kilometer-Zone rund um Fukushima veranlasst hat, hat Yu Miri zwei Recherchereisen dorthin unternommen: "In den Schulen konnte man sehen, dass die Schüler Hals über Kopf geflüchtet waren. Angefangene Kalligraphieblätter lagen da, die Schuhe, die man in Japan in den Schulen auszieht, standen noch herum und genauso die Schultaschen der Kinder. Mir war klar, dass die Kinder nie wieder in diese Schule kommen würden und wenn doch, dann frühestens in fünf oder zehn Jahren. Es war ein nur schwer erträglicher Anblick, weil keiner weiß, wie die Zukunft dieses Ortes aussehen wird."

Genau um das ungewisse Schicksal dieser Zone geht es Yu Miri aber. Deshalb sieht sie ihr neues Buch auch als ein Langzeitprojekt: "Ich will mir möglichst nah an dieser 20-Kilometer-Zone ein Büro nehmen und dort die Entwicklung der Gegend über mehrere Jahre hinweg verfolgen. Wenn es möglich ist, dann so lange, bis die Kinder zurückkommen und ihre Sachen aus der Schule holen können. Bis dahin möchte ich Zeit mit den Menschen hier verbringen und ihre Stimmen einfangen."

Nationalistische Angriffe

Yu Miri ist Angehörige der koreanischen Minderheit in Japan. Als solche ist sie eine aufmerksame Beobachterin nationalistischer Tendenzen im Land. Die Atom-Katastrophe, erzählt sie, habe leider nicht zu einem Zusammenrücken der Gesellschaft geführt. Ganz im Gegenteil: "Ich bin auf Twitter sehr aktiv und habe dort viel Kritik an TEPCO und der Regierung geübt. In den Antworten, die ich bekam, gab es einen Grundtenor: Wenn es dir hier so wenig gefällt, dann hau doch ab. Und in den schlimmsten Fällen hieß es sogar: Wir hängen deinen Koreaner-Sohn auf."

In Yu Miris Roman "Gold Rush" erschlägt der 14-jährige Kazuki schließlich seinen gewalttätigen Vater. Viele sahen in dem Buch das Porträt einer verlorenen Generation, die nach dem Niedergang des japanischen Wirtschaftswunders vor einem ideologischen Trümmerhaufen steht. Und so ist es auch ein pessimistischer Gedanke des jungen Kazuki, der einem in Erinnerung bleibt. Hoffnung war eine Krankheit, die nur Erwachsenen gestattet war.

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Yu Miri (japanisch)