Kunst ist Notdurft

Der Abschied von sanitären Notstandsräumungen war Zufall. Kein kübelweises Entsorgen von Müll mehr im Auftrag von Sachverwaltern für entmündigte Personen. Ein reiner Zufall, der mich auch Kühlschränke, antike Kommoden und Eichentische verlassen ließ. Ein Zufall, wie er so manchmal im Leben einfach passiert und einen Großes entdecken lässt. In meinem Fall eine große Marktlücke im Speditionsgewerbe.

Natürlich war ich nicht der erste, der auf die Idee kam, sich auf den Transport von, wie man so schön sagt, Kunstgegenständen zu spezialisieren. Nicht der Erste, dem einfiel, besondere Sorgfalt und Vorsicht beim Heben und Bewegen schwerer Lasten walten zu lassen. Ich war auch garantiert nicht der Erste, der einem nervösen Mann mittleren Alters mit einem weißen Mantel voller Farbflecken, schulterlangem Haar und einem seltsamen Bart erklären wollte, dass seine große, mit Blutflecken oder sonstigen Körperflüssigkeiten versaute Leinwand sicher in seinem neuen Atelier in der Kochgasse landen wird, weil diejenigen, die sich darum kümmern werden, selbstredend absolute Spezialisten sind. Mehr noch als Spezialisten. Menschen, von ihrer Geburt an mit einer fast schon atemberaubenden Fehlerlosigkeit im Bewegen von sperrigen Utensilien durch enge Stiegenhäuser ausgestattet sind und nur in diese Welt katapultiert wurden, um Kulturgut zu erhalten und sicher durch die Betonschluchten dieser Stadt zu manövrieren. Vorbei an rücksichtslosen Taxlern und Sonntagsfahrern mit Hut.

Also, da kann ich schwerlich Pionierarbeit für mich beanspruchen. Es gibt genug Unternehmungen, die darauf spezialisiert sind, Kunsttransporte artgerecht durchzuführen. Eine Wissenschaft ist das. Ein sensibler Bereich, der absolute Professionalität und höchste Qualifikation erfordert. Allein der Fuhrpark, die Autos quasi, ein Ohrenschmaus deren Ausstattung vorgebetet zu bekommen. Klimatisierter Laderaum, Alarmsicherung, Brandmelder, Luftfederung. Ständiger Kontakt der Fahrer mit der Zentrale. Eventuell notwendige nächtliche Zwischenstopps erfolgen in bewachten Hochsicherheitsbereichen in Kooperation mit Security-Teams. Satellitenüberwachte Fahrzeugführung.

Auch das sonstige Service ist nicht von schlechten Eltern. Objektverpackung mit säurefreiem Seidenpapier, Panzerkartons, Vlies- oder Schaumstoffe, Etafoam, Luftpolsterfolien mit spezieller Beschichtung. Technische Hilfsmittel wie Gerüste, Flaschenzüge, Stapler, Arbeitsbühnen, Kräne. Ganz zu schweigen von Zustandsprotokollen, Cost Control, Open Crates oder Nagel zu Nagel Versicherungen.

Unser LKW ist nicht einmal im Führerhaus klimatisiert und unsere Versicherung ist unser Charme. Der Charme günstiger zu sein, als die großen Spezialisten. Aber wir transportieren ja auch nicht Schiele. Wir transportieren Steger, Krivanek oder Tesar. Weil auch nicht alle Künstler in der Oberliga spielen, spielen wir aus Solidarität dort auch nicht.

Ich kann mich noch genau erinnern, als ich das erste Mal zu einem Einsatz von sogenannter kultureller Wichtigkeit gerufen wurde. Ich dachte, es handelt sich um das übliche Prozedere, als ich die Brocken an Stein, Drahtverhauen, Blech und Metalleimern sah. Noch dazu überzogen von übel riechendem schwarzem Lack. Business as usual. "Wissens eh, dass der Schrottplatz am Sonntag zua is", rief ich noch naiv in die verfaulte Werkstatt, mitten in das Gesicht eines kettenrauchenden Bio-Papst-Doppelgängers. Mit blankem Entsetzen erwiderte er meine unachtsam getätigte Bemerkung. Wie kann man auch anhand so eines Anblickes an Kunst denken? "Hören sie mal, mein Herr. Das ist ein Kunstwerk, das auf wohlbehaltenstem Weg in mein neues Atelier gebracht werden muss. Ein Kunstwerk! Sie glauben wohl, Kunst kommt von Können. Ein Handwerk. Nein, Kunst kommt von Müssen. Kunst ist Notdurft."

Da ahnte ich schon, natürlich mit gebückter Körperhaltung und einer gewissen Unsicherheit im Blick, dass so etwas einer speziellen Behandlung bedarf. Vor allem die Auftraggeber. In diesem Moment war mir klar, dass es davon wohl auch mehrere geben musste. "Kunst ist Notdurft", dachte ich. "Kunst ist Notdurft, hmm." Soweit ist das ja von einer sanitären Notstandsräumung auch nicht entfernt.