Poland under construction

Ab 1. Juli übernimmt Polen für sechs Monate die EU-Präsidentschaft und plant aus diesem Anlass die Errichtung zahlreicher Kulturbauten. Schon am kommenden Donnerstag soll entschieden werden, welche polnische Stadt 2016 den Titel "Europäische Kulturhauptstadt" tragen darf. Im Rennen sind Danzig, Kattowitz, Breslau, Lublin und Warschau.

Kulturjournal, 20. Juni 2011

Großbaustellen

Das boomende Polen übernimmt am 1. Juli für sechs Monate das Ruder in der EU. Bereits jetzt macht das Land mit einer ganzen Reihe von Kulturbauten von sich reden. Hinter dem Denkmal für die Helden des Ghettoaufstands von 1943, zum Beispiel, auf dem Platz, wo Willy Band anno 1970 niederkniete, wird gebaut. Im kommenden Jahr soll hier das "Museum der polnischen Juden" eröffnet werden. Eine große Tafel vor dem Rohbau zeigt den Entwurf der finnischen Architekten Rainer Mahlamäki und Ilmari Lahdelma: Ein viergeschossiger futuristischer Glasquader, durch den sich ein großer Riss zieht - als historische Zäsur des Holocaust ebenso interpretierbar wie als Symbol für die geteilten Fluten des Roten Meeres.

Ein weiteres Beispiel ist das Museum für modere Kunst, entworfen von dem Schweizer Christian Kerez, das in den kommenden vier Jahren am Fuße des gigantischen Kulturpalasts entstehen soll, am Fuß des so genannten Stalin-Stachels, der mit seinen 234 Metern Höhe alles überragt. Immer wieder hatte es Abriss-Debatten um den ungeliebten Monumentalbau gegeben, mittlerweile hat man sich entschieden, das Geschenk der Sowjets mit Hotel- und Bürotürmen zu umrahmen. Zu verstecken, das wäre zu viel gesagt.

Ungewöhnlich ist auch der Bauplatz für das geplante Museum der Geschichte Polens in einer Glasbrücke über der sechsspurigen Stadtautobahn - geplant vom Luxemburger Architekturbüro Paczowski et Fritsch. Und den Wettbewerb für einen weiteren kulturellen Prestigebau hat der Grazer Architekt Thomas Pucher gewonnen: Sein Entwurf für eine neue große Konzerthalle des renommierten polnischen Orchesters Sinfonia Varsovia mit 1500 Sitzplätzen, mit Kammermusiksaal, Proberäumen, Ausstellungsraum, Cafés sowie Restaurants soll bis 2016 realisiert werden.

Nicht nur Warschau will sich als Kulturmetropole positionieren. Mitte Mai wurde in Krakau ein neues Kunstmuseum eröffnet wurde, in Breslau ist ein Museum moderner Kunst in Planung und Danzig sind derzeit gleich zwei Projekte in Bau: ein "Europäisches Zentrum der Solidarität" und ein Museum des Zweiten Weltkriegs. - Ein Museums-Boom? Keineswegs, meint Piotr Krajewski, Chefkurator des Wro Art Center in Breslau: "Wir haben einfach einen großen Nachholbedarf".

Freie Szene

Während im meist besuchten polnischen Museum, dem "Museum des Warschauer Aufstands" mit drastischen Mitteln die Rolle der Polen als Opfervolk inszeniert wird und programmatisch der Patriotismus gestärkt werden soll, geht die polnische Kunstszene ihren eigenen Weg - nach Europa.

Vorbei die Zeiten, als Ausstellungen, Filme oder Theaterproduktionen zum Gegenstand von Skandalen geworden sind, als das offensive Auftreten von Aktivisten reaktionärer, national orientierter Kräfte wie der nationalkatholischen Liga Polnischer Familien für eine ganze Reihe grotesker bis beunruhigender Vorfälle sorgte. Als etwa anno 2000 der der berühmte polnische Schauspieler Daniel Olbrychski in der Warschauer Nationalgalerie Zacheta eine Foto-Ausstellung von Schauspielern in Nazi-Uniformen mit einem Säbel buchstäblich zerfetzte oder als die Direktorin der Galerie, Anda Rottenberg, ihren Job verlor, nachdem sie eine Installation des der italienischen Künstler Maurizio Cattelan zeigte: den Papst am Boden liegend, von einem Meteoriten getroffen. Zwei parlamentarische Abgeordnete des fundamental-katholischen Flügels hatten zuvor übrigens - beim Versuch, den Papst aufzurichten - das Werk zerstört.

Und es gibt auch Platz für die so genannte alternative Szene. Im Warschauer Stadtteil Praga, am östlichen Weichselufer haben Künstler in alten Fabriken Ateliers eingerichtet, man trifft sich Performance-Studios, Galerien und Clubs.

"Polen soll mit moderner Kunst assoziiert werden" - diese Devise hat Polens Staatspräsident Bronislaw Komorowski ausgegeben. Und für die Kunst und Kultur soll es von der Regierung auch mehr Geld geben: Mitte Mai hat Ministerpräsident Donald Tusk mit führenden Künstlern des Landes einen so genannten "Pakt für Kultur" unterzeichnet. Danach sollen die Ausgaben für Kulturprojekte bis 2015 auf mindestens ein Prozent des Haushalts steigen, d.h. verdoppelt werden.

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