Bloodlands

Die Geschichte, die der Yale-Historiker Timothy Snyder auf gut 500 Seiten erzählt, ist nicht neu: Bibliotheken wurden über die Nazis und ihre Verbrechen, über Stalin, seinen Terror, sowie die Eroberung halb Europas geschrieben. Was "Bloodlands" von der üblichen Gleichsetzung der beiden Diktaturen unterscheidet, ist der provokante, allerdings auf Zahlen und Fakten beruhende Vergleich.

Timothy Snyders Buch erwächst nicht aus der politischen Geografie der Imperien, sondern aus der "menschlichen Geografie der Opfer", wie er selber sagt. Bei allem Gedenken und vorgeblichem Denken mit den Opfern: Weiß eigentlich noch jemand - jenseits der sechs Millionen ermordeter Juden -, wie viele Tote am Ende des Zweiten Weltkriegs insgesamt standen? Snyder macht es plakativ - ohne das Leid der jüdischen Bevölkerung damit schmälern zu wollen, ganz im Gegenteil!

Länder des "Zwischen-Europa"

Bloodlands ist jenes Territorium, das nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall von Zarenreich und Habsburger-Imperium zwischen Ostsee und Schwarzem Meer entstand: die baltischen Staaten gehören dazu, Polen, Ukraine und Rumänien. Die Geopolitiker der 1920er Jahre sprachen von "Zwischen-Europa", in den 1930er Jahren wurde der Raum gleichermaßen zum Objekt von Stalins wie Hitlers Begierden. Markantestes Datum ist dabei die Teilung Polens durch den Molotow-Ribbentrop-Pakt im Jahre 1939 - Polen stellt nebenbei auch das heimliche Zentrum des Buches dar.

In elf Kapiteln zeichnet Timothy Synder ein komplexes Bild der beiden Diktaturen und ihrer Vernichtungsdynamiken. Das beginnt zeitlich mit der organisierten Hungersnot in der Ukraine in den 1930er Jahren, führt über Hitlers Pläne zur Welteroberung und die Ermordung der europäischen Juden bis zu Stalins antisemitischer Kampagne knapp vor dessen Tod im Jahre 1953. Der Vergleich der beiden Systeme gerät dabei immer wieder zur Irritation:

Und noch irritierender gerät folgende "Aufrechnung": Ab 1933 errichten die Nazis ihr System der Konzentrationslager. Am Anfang stehen Dachau und Lichtenberg, 1936 folgt Sachsenhausen, 1937 Buchenwald und 1938 Flossenbürg. Snyder konstatiert dazu lakonisch:

Mehr Gulags als KZs

Was wie eine Provokation wirkt, ist tatsächlich Aufklärung einer gesamten europäischen Geschichte: Mitte der 1930er Jahre ist der Stalinsche Gulag 25 Mal größer als das KZ-System der Nazis. Bis Ende 1938 hatten die Sowjets etwa tausendmal so viele Menschen ermordet wie die Nationalsozialisten. Im Fall von Polen, einem der in Westeuropa am besten vergessenen Kapitel des Massenmordes neben dem Holocaust, stehen am Ende von Hitlers wie Stalins Untaten folgende Zahlen: 200.000 Polen werden von Nazis und Sowjets zwischen 1939 und 1941 ermordet, eine Million Menschen wird deportiert.

Das düsterste Kapitel der "Bloodlands" beginnt mit dem "Unternehmen Barbarossa", Hitlers Invasion der UdSSR.

Selbst Timothy Snyder, nie um eine Zahlenreihe verlegen, bekennt bei diesem Datum: "Es war der Beginn einer Katastrophe, die sich der Beschreibung verweigert." Die Deutschen werden auf dem Territorium der Sowjetunion zehn Millionen Zivilisten ermorden: fünf Millionen Juden und drei Millionen Kriegsgefangene. Daneben Weißrussen und Ukrainer. Der zahlenmäßig größte Massenmord erfolgte dabei durch Hunger, gefolgt von Erschießungen.

Snyder stellt die gefangenen Rotarmisten neben die Opfer der Massenschlächtereien an der jüdischen Bevölkerung von Kamenetsk-Podolsk bis Kiew. Auch hier findet sich ein äußerst verstörender Vergleich: "An einem beliebigen Tag im Herbst 1941 starben ebenso viel sowjetische Kriegsgefangene wie britische und amerikanische Kriegsgefangene während des ganzen Krieges."

Die bekanntesten Schreckensorte der "Bloodlands" bleiben zwar Auschwitz und die vier weiteren Todeslager im besetzten Polen - Treblinka, Chelmno, Sobibor und Belzec - aber sie werden durch zahlreiche andere Orte ergänzt: Von Liepaja und Riga bis Dnjepropetrowsk und Odessa. (in Letzterem treiben die rumänischen Verbündeten der Nazis ihr Unwesen.)

Stalins "ethnische Säuberungen"

Der Krieg endet in "Bloodlands" nicht im Mai 1945. Ohne zu zögern stellt Snyder in seiner Historisierung der Geschichte Stalins "ethnischen Säuberungen" von Kalmücken, Tschetschenen und Inguschen neben die Vertreibung der Deutschen aus Polen oder der Tschechoslowakei, und alles neben die Ermordung der Juden.

Stalins antisemitische Kampagnen zur Zeit der Etablierung der Volksrepubliken und die Verfolgung von sogenannten "Kosmopoliten" und "Zionisten" in der Sowjetunion zu Beginn der 1950er Jahre stellen den düsteren Schlussakkord dar. Hitler hat damit begonnen, Stalin ist dahin gekommen. Im Sowjetreich durfte von jüdischen Opfern des Nationalsozialismus nicht gesprochen werden.

An den Holocaust erinnern

Timothy Snyder erinnert auch an den herben Umstand, dass Historiker und Gedenkredner in Westeuropa und den USA lange Zeit über die fast fünf Millionen östlich von Auschwitz ermordeten Juden und die fast fünf Millionen von den Nazis ermordeten Nichtjuden rasch hinweggingen. Mit dem Fall des Eisernen Vorhanges und der Öffnung der Archive hat sich mittlerweile einiges geändert. Der abschließende Befund ist dennoch bitter:

Timothy Snyders "Bloodlands" sollten nicht nur die Redenschreiber der diversen Politiker zur Hand nehmen, wenn sie von Europa und der gemeinsamen Geschichte sprechen, es ist auch eine notwendig Voraussetzung für jeden Leser, der sich mit dem Umstand der Massenmorde und den alle Vorstellungen überragenden Zahlen in unserer Geschichte nicht einfach abfinden will. Denn - so die Schlussbotschaft von "Bloodlands":

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Timothy Snyder, "Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin", aus dem Englischen übersetzt von Martin Richter, C. H. Beck

C. H. Beck - Bloodlands