Diskussion zur Kulturpolitik

Ein wesentlicher Teil der Kulturpolitik basiere nach wie vor auf dem Kulturbetrieb des ausgehenden 19. Jahrhunderts, lautet die zentrale These des Kulturforschers Michael Wimmer. Er fordert eine stärkere öffentliche Debatte über die aktuellen Herausforderungen der Kulturpolitik.

Wie soll diese etwa auf den demographischen Wandel, auf Migration und die Entwicklung der Neuen Medien reagieren? Einen Beitrag zur öffentlichen Debatte will Wimmer mit seiner Forschungseinrichtung "Educult" leisten, die regelmäßig Diskussionen veranstaltet. Am 30. November 2011 versammelte "Educult" Experten aus Osteuropa und der Türkei, um über das prekäre Verhältnis von Kultur und Demokratie zu diskutieren.

Kulturjournal, 01.12.2011

Österreich sei ein kultureller Sonderfall, meint der Kulturforscher Michael Wimmer. Als Kleinstaat im Herzen Europas geriere sich Österreich immer noch als Kulturmacht, und das habe historische Gründe, denn bis heute habe sich jene kulturelle Infrastruktur gehalten, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das aufstrebende Bürgertum repräsentierte. Während dieser neuen Mittelschicht nämlich politische Mitsprache weiter verwehrt wurde, konnte sie sich im Feld der Kultur behaupten; das Burgtheater und andere Großeinrichtungen dienten damit als Felder der bürgerlichen Repräsentation - ein Erbe, das es nach dem Zusammenbruch der Monarchie weiterzuführen galt, erklärt Michael Wimmer.

Große Kulturtempel dominieren

Die Dominanz der großen Einrichtungen in der Kulturpolitik sei noch heute aufrecht - und das, obwohl sich immer weniger Menschen durch diese Institutionen repräsentiert fühlten, so Wimmer. Menschen mit Migrationshintergrund seien etwa in den großen Theaterhäusern kaum vertreten. Ausnahmen bestätigen freilich die Regel: Im Projekt "Die Reise" am Wiener Volkstheater etwa traten 30 Flüchtlinge auf und erzählten von ihrem Schicksal, das sie nach Österreich führte. "Die Reise" sei zum einzigartigen Event hochstilisiert worden, meint Wimmer, und das wiederum zeige, dass post-migrantisches Theater an den großen Häusern alles andere als selbstverständlich sei.

Als Konsequenz fordert Michael Wimmer, dass Kulturpolitik wieder viel stärker zum Gegenstand der öffentlichen Debatte wird, damit der Kulturbetrieb seine Legitimation nicht verliert. Derzeit würden kulturpolitische Entscheidungen vorwiegend informell fallen und seien stark von jenen Personen geprägt, die entsprechende Funktionen innehätten.

Slowenische Künstler als Unterhalter

Ein Blick in die Nachbarländer zeigt, dass die Probleme dort ähnlich gelagert sind. In Slowenien habe nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein marktliberales Denken eingesetzt, erklärt die Sozialwissenschaftlerin Vesna Copic von der Universität Ljubuljana. Kultur finde heute in den Shopping-Malls statt, Künstlerinnen und Künstler würden als Entertainer gesehen. Verloren gegangen sei ein öffentlicher Raum, in dem gesellschaftsrelevante Themen verhandelt würden, und in dem auch Kunst und Kultur eine politische Bedeutung hätten.

"Ich bin überzeugt davon, dass nicht der freie Markt, sondern nur ein starker Staat diesen öffentlichen Raum herstellen kann", so Copic. "Es ist natürlich eigenartig, in einem postsozialistischen Land von einem starken Staat zu sprechen. Was ich aber meine: Wir brauchen neue Partnerschaft zwischen den Akteuren, die nicht profitorientierte, sondern zivile Interessen verfolgen."

"Konzeptlosigkeit" in der Türkei

Blickt man in die Türkei, sind es allerdings gerade die privaten Unternehmen, die das kulturelle Leben maßgeblich tragen. Asu Aksoy, die an der Bilgi Universität Istanbul einen Lehrauftrag für Kulturmanagement innehat, sieht in ihrem Land eine interessante Konstellation: Die Regierung Erdogan sei in Sachen Kulturpolitik konzeptlos. Die Biennalen, Theater und Festivals in der Türkei würden von Privaten getragen.

"Das Interessante dabei ist: Es sind diese privat geführten Kultureinrichtungen, die ihre Stimme erheben und sich für zivile Interessen einsetzen", sagt Aksoy. "Sie sind es, die zur Regierung sagen: Ihr müsst für die Freiheit der Kunst sorgen."

Privatunternehmen würden aber nicht notwendigerweise für eine pluralistische Kulturlandschaft sorgen, und sie würden auch nicht sicherstellen, dass alle den gleichen Zugang zum kulturellen Angebot hätten. Für diese Prinzipien, so waren sich die Diskutanten einig, brauche es auch weiterhin eine konsequente Kulturpolitik.

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