Die Liebeshandlung

"The Marriage Plot", so heißt Jeffrey Eugenides' jüngster Roman im englischen Original. "Marriage Plots" in ihrer klassischen Ausformung finden sich in den Romanen Janes Austens, George Eliots und der Bronte-Sisters. In "Die Liebeshandlung" versucht sich Jeffrey Eugenides nun an der modernen Variation eines solchen Eheanbahnungs-Romans. Ein heikles Unterfangen.

Ein "Marriage Plot" ist in der englischen und amerikanischen Literaturtheorie ein stehender Begriff. Bezeichnet wird damit ein aus dem frühen 19. Jahrhundert stammendes Handlungs-Genre, in dem die Anbahnung und durch Intrigen gestörte Inswerksetzung einer bürgerlichen – oder auch adeligen – Ehe geschildert wird.

"Schon lange bedauere ich die Tatsache, dass die Ehe als großes Romanthema kaum mehr zur Verfügung steht", so Jeffrey Eugenides im Gespräch. "Wenn man über den Roman und seine Geschichte nachdenkt, stellt man fest, dass er für gewöhnlich auf die eine oder andere Art von der Ehe handelt. Die frühen Bücher von Jane Austen beispielsweise, da geht es immer darum, welchen Mann die Protagonistin heiratet oder nicht heiratet. Später kamen tieferschürfende, dunklere Bücher über die Ehe dazu, denken Sie an Henry James oder an 'Anna Karenina". Das Hauptthema von 'Anna Karenina' ist ja die Ehe und das Scheitern dieser Ehe und der Selbstmord der Protagonistin."

Zwischen zwei Männern

Seit den Tagen "Anna Kareninas" oder auch "Effi Briests" hat sich mancherlei verändert. Falsche Gattenwahl mündet heute nicht mehr zwangsweise in lebenslangem Frauenunglück oder dramatischen Duellen zwischen schneidigen Liebhabern und gehörnten Gemahlen. Heute ist alles ein bisschen entspannter. Wer bei der Partnerwahl danebengreift, hat sein Leben heute noch nicht zwangsweise ruiniert, Widerruf und Neugestaltung des Liebes- und Beziehungslebens sind im Prinzip jederzeit möglich.

Insofern fiebern wir bei Madelaine Hanna, der Heldin von Eugenides' Romans, nicht ganz so atemlos mit wie bei den Austenschen und Bronteschen Protagonistinnen, sobald die im Begriff sind, den "Falschen" zu heiraten. Aber: Auch Madelaine Hanna, Anglistik-Studentin an der Brown-University in Providence, steht zwischen zwei Männern, und wir vergönnen ihr von Herzen, den richtigen für sich zu wählen. Es sei auch für uns Heutige noch von Bedeutung, in wen wir uns verlieben und wie wir uns verlieben, erklärt Jeffrey Eugenides: Verhängnisvolle Entscheidungen auf diesem Gebiet können unser Leben sehr wohl noch ruinieren. Und so hat der 51-jährige Autor einen Weg gesucht, einen Roman zu schreiben, der zugleich ein Eheroman und kein Eheroman ist, wie er sagt.

Neue Philosophien

Eugenides' Roman spielt in den frühen 1980er Jahren. Ronald Reagan ist gerade zum Präsidenten der USA gewählt worden, die Friedens- und Umweltbewegung blüht auf, und der französische Dekonstruktivismus erobert die amerikanischen Universitäten. Derrida und Roland Barthes sind die Superstars der neuen In-Philosophie aus Europa, und auch Madelaine Hanna, Jane-Austen-begeisterte Literaturstudentin aus neuenglischem WASP-Haushalt, auch Madelaine Hanna kann sich dem Einfluss des Derridadaismus nicht ganz entziehen.

"Eine junge Frau am College in den achtziger Jahren unter dem Einfluss der französischen Theoretiker – das hat mich fasziniert", sagt Eugenides. "Roland Barthes und Jacques Derrida stellen die ewigen Wahrheiten infrage und untergraben die romantischen Illusionen meiner Heldin, und das bringt sie in ein gewisses Dilemma, das ist ihr Liebesproblem. Die Lehren, die meine Heldin daraus zieht, diese Lehren finde ich faszinierend."

Den "Falschen" gewählt

Jeffrey Eugenides zeichnet in seinem Roman ein verblüffend plastisches Bild der beginnenden 1980er Jahre. Von New-Wave-Klängen beschallte Studentenpartys werden lebendig, endlose Debatten über Derridas "Grammatologie" und die kritische Solidarität mit der Guerilla in El Salvador, zu der man sich damals als Nachwuchs-Intellektueller, der auf sich hielt, verpflichtet fühlte.

In diesem Ambiente, an der Brown-University von Providence, lernt Eugenides' Protagonistin Madelaine zwei junge Männer kennen: den brillanten, aber psychisch labilen Biologie-Studenten Leonard, und den begabten, aber emotional enttäuschend verlässlichen Religionswissenschaftler Mitchell. Hanna hat die Wahl – und sie entscheidet sich für den Falschen. Auch als der charismatische Biologe Leonard alle Symptome einer manisch-depressiven Störung ausbildet, glaubt Hanna, von der exzessiven Lektüre viktorianischer Romane verblendet, Liebe könne alle, aber auch wirklich alle Hindernisse überwinden.

Das Zusammenleben mit dem manisch-depressiven Leonard wird von Eugenides in allen quälenden Einzelheiten geschildert. Ob es für Hanna und die anderen Beteiligten einen Ausweg gibt aus dem Liebes-Dilemma, sei an dieser Stelle nicht verraten.

Lesegenuss

"Ich glaube, ich bin Realist, und war immer einer in meinen Büchern, trotz phantastischer Elemente, die sich atmosphärisch da und dort finden", so Eugenides. "In meinen Büchern geschieht nichts, was nicht auch in Wirklichkeit geschehen könnte, aber dieses Buch ist viel realistischer als meine früheren, auch was die Abfolge der Szenen betrifft."

Um es ohne Umschweife zu sagen: Eugenides' Dreiecks-Roman im College-Milieu ist ein Lesegenuss von der ersten bis zur letzten Seite. Klug, unterhaltsam, intelligent. Die perfekte Synthese aus Roland Barthes und Henry James – nur halt ins späte 20. Jahrhundert transferiert. Ganz große Empfehlung.

Service

Jeffrey Eugenides, "Die Liebeshandlung", aus dem Englischen übersetzt von Uli Aumüller und Grete Osterwald, Rowohlt

Rowohlt - Jeffrey Eugenides