Roman von Egyd Gstättner
Absturz aus dem Himmel
Die Wege und Irrwege der österreichischen Post sind unergründlich: Eines Tages findet Egyd Gstättners Roman-Antiheld, der Schriftsteller Jan Philipp Möller, eine sonderbare Sendung im Briefkasten.
8. April 2017, 21:58
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Heute habe ich merkwürdige Post bekommen: Nämlich von mir selbst. Im Briefkasten lag ein Romanmanuskript, das ich vor fünfundzwanzig Jahren (ich formuliere es poetischer: vor einem Vierteljahrhundert) an einen deutschen Verlag geschickt habe, wo es aber - so jedenfalls die spätere Auskunft dieses Verlags - niemals angekommen ist.
Der Ernst des Lebens
Die Relektüre seines Jugendwerks konfrontiert Jan Philipp Möller mit den Jahren seiner Adoleszenz - eine durchaus unerfreuliche Begegnung. Tritt ihm in seinem Jugendroman - Titel: "Der Ernst des Lebens" - doch ein gehemmter, hoffnungslos eingekrampfter Provinz-Jugendlicher entgegen.
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"Der Ernst des Lebens" ist die chronologische Beschreibung des Jahres, als ich zweiundzwanzig war, mitgeschrieben eben in diesem Jahr. Einen unpolitischeren Roman kann man sich nicht vorstellen. Es gibt nur ein Thema: Frauenschau. Um es ganz genau zu sagen: Frauenschau eines schüchternen, verklemmten Jünglings. Denn mit all den Zufallsbekanntschaften passiert genau nichts. Der Roman besteht ausschließlich aus Stadtspaziergängen, Seeuferspaziergängen, Kaffeehausbesuchen, Wirtshausbesuchen, Zeltfestbesuchen... Und im Kopf des Erzählers hat genau ein Gedanke Platz: Ich würde so gern geliebt werden. Ich würde so gerne küssen. Ich würde so gern mit einer Frau ins Bett gehen. Aber mit wem?
Egyd Gstättner, 1962 in Klagenfurt geboren, macht kein Hehl daraus, dass zwischen seinem Romanprotagonisten Möller und ihm gewisse, nun ja, Parallelen bestehen: "Sören Kierkegaard hat einmal eine Unterteilung getroffen zwischen existenziellen Romanen und nicht-existenziellen Romanen, wobei in seiner Definition existenzielle Romane solche sind, in denen der Autor sich einbringt, auch mit Elementen seiner Autobiografie. Gemäß dieser Definition wäre mein Roman natürlich zur ersten Kategorie zu zählen."
Ein österreichisches Schriftstellerleben
Auf süffige und pointensichere Weise erzählt Egyd Gstättner die exemplarische Geschichte eines österreichischen Schriftstellerlebens. Jan Philipp Möller träumt bereits als Brecht- und Ionesco-lesender Gymnasiast von einer kompromisslosen Künstlerexistenz. Zugleich hat er, wir hörten es, erhebliche Schwierigkeiten, was die Kontaktanbahnung mit dem weiblichen Geschlecht betrifft. Amüsant, wie Gstättner die entsprechenden Bemühungen seines Helden schildert.
Wir begleiten den jungen Autor beim Passivbalzen im Strandbadrestaurant, wir erleben ihn beim Samostrinken in einem Aufreißerlokal namens "Jazz", in dem in den frühen 80ern aber kein Jazz gespielt wird, sondern Musik von Zappa und Hardrock-Größen der Zeit.
Es folgen erste künstlerische Erfolge: Gstättners Jungautor gewinnt einen Literaturwettbewerb des Regionalradios - sowas gab's damals noch! -, das Samstags-Feuilleton einer Hauptstadt-Zeitung druckt seine Texte, Bücher erscheinen, und allmählich fügt sich das alles zu einer nicht ganz unsoliden Schriftstellerbiografie.
In der Provinz
Wie Egyd Gstättner selbst widersteht auch sein Held den Lockungen der Großstadt. Er heiratete eine junge Frau, reift zum verlässlichen Familienvater und lebt ein rechtschaffenes Dasein in der mittelgroßen Provinzstadt, in der er aufgewachsen ist. Gerade im offensiven Bekenntnis zur Provinz manifestiert sich in Gstättners Augen ein widerständiger Zug. In der Großstadt wollen ja alle leben.
"Das ist eben so ein Beispiel für die Querköpfigkeit und Renitenz", sagt Gstättner. "Es fängt einmal bei jedem jungen Menschen an, der sich in den Kopf setzt, Künstler, Autor, Schriftsteller zu werden, also, das ist schon eine Querköpfigkeit und eine Naivität, die im Grunde auch gefährlich ist. Das kann ja fürchterlich schiefgehen. Wenn man's dann wirklich übertreiben will, dann setzt man das ganze Experiment in einer Kleinstadt ins Werk. Das ist unglaublich schwer, und ich glaube, das bringt auch schwere Nachteile mit sich. Aber da muss man halt durch. Martin Walser lebt auch am Bodensee. Irgendwann hört man dann auf, ihn auf den Bodensee festzunageln."
Infekt oder Infarkt?
Gstättners Schriftsteller-Satire plätschert 180 amüsante Seiten lang dahin. Bis Jan Philipp Möller - ganz wie Egyd Gstättner selbst - mit 39 plötzlich einen Herzinfarkt erleidet, und zwar im spanischen Salamanca. Auch aus dieser Herzinfarkt-Szene schlägt Egyd Gstättner komische Funken.
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Der kleine, dicke, grün vermummte Arzt in der Notaufnahme hatte gleich, nachdem ich ans EKG angeschlossen worden war, gerufen: "Infarto! Infarto!" Ich habe mir daraufhin gleich gedacht: "Unsinn! Unfug! Irrtum!" Oder vielleicht lag ein Übersetzungsfehler vor. Vielleicht meinte das grüne Männchen "Infekt" und nicht "Infarkt". Woher sollte ich denn so plötzlich einen Infarkt bekommen haben? "Der Österreicher denkt sich sein Teil und lässt die andern reden", habe ich gedacht. Ich glaubte die Diagnose also nicht, hatte aber nur das eine dringende Interesse, endlich den gigantischen Schmerz in der Brust und den Druck in beiden Armen loszuwerden. (...) Kurz bevor ich vor lauter Erschöpfung und Schmerzen das Bewusstsein verlor, kam mir der Gedanke, was denn wäre, wenn das doch das Ende wäre: Mit neununddreißig gestorben an einem Herzinfarkt in Salamanca - ein perfektes Finale!
So dramatisch kommt es dann doch nicht. Egyd Gstättner überlebt den Herzinfarkt - und sieht sich zu einem gesundheitsbewussteren Leben genötigt. So ein Infarkt hat eben auch seine Vorteile: "Man kann einen Behindertenausweis anfordern und auf dem Fußballplatz eine zehnprozentige Ermäßigung in Anspruch nehmen. Das ist vielleicht noch nicht so eine gravierende Änderung. Aber man beschäftigt sich natürlich auch mit der Frage: Woher kommt das, wie geht das? Ängste und Panikattacken nehmen zu, unter bestimmten Bedingungen, aber auch ganz allgemein. Ein kleiner Vorteil in der ganzen Kette von Nachteilen ist der: Es ist ein interessanter Stoff. Ein Autor lebt im Grund ja nur, um alles und auch sich selbst auszubeuten. Also, man bekommt da schon einen großartigen Stoff serviert."
Mit "sehr ernsten Scherzen"
Auch in seinem neuen Roman, so ernst die eine oder andere Wendung auch sein mag, kann Egyd Gstättner den Satiriker nicht verleugnen. "Na ja, ich bin ja in der gegenwärtigen österreichischen Literatur als Humorist oder Satiriker gekennzeichnet, gebrandmarkt, verschrien", sagt Gstättner. "Das ist natürlich nicht ganz unzutreffend. Es ist auch in diesem Buch ein gewisser ironischer Ton vorhanden, der zu mir gehört, der allerdings gegen Ende des Romans abrupt abreißt. Goethe hat das Wort geprägt von 'sehr ernsten Scherzen'. Ich glaube, das könnte man über diesen Roman drüberschreiben. Oder vielleicht nicht 'sehr ernste Scherze', sondern 'sehr ernster Humor'".
Das wiederum ist eine Art Humor, bei der einem dann und wann das Lachen im Halse stecken bleibt.
Service
Egyd Gstättner, "Absturz aus dem Himmel", Picus Verlag
Egyd Gstättner
Picus - Egyd Gstättner
