Die Verkehrung der Welt

Kernforschungszentren versuchen die Welt bis ins kleinste Teilchen zu zerlegen, während Regierungschefs bei Klimakonferenzen es nicht zustande bringen, die Welt im Großen zu retten. Eine "Verkehrung der Welt", meint die deutsche Volkswirtin und Soziologin Claudia Werlhof, die gerade ein Buch mit dem Titel "Die Verkehrung" herausgebracht hat.

Kulturjournal, 21.12.2011

Soziologin Claudia Werlhof im Gespräch mit

Seit den 1970er Jahren beschäftigt sich Werlhof , Professorin für Frauenforschung am Institut für Politikwissenschaft in Innsbruck, mit Entwicklungspolitik, arbeitet an zivilgesellschaftlichen Alternativen zur Globalisierung und betreibt Patriarchats- bzw. Matriarchatsforschung.

Die Gesellschaft, in der wir leben, sei, so Werlhof, als modernes Patriarchat organisiert. Dabei ortet sie eine weitgehende Verkehrung aller Verhältnisse, die unser natürliches Leben bestimmen. Die moderne Wissenschaft operiere nach der Devise "Schöpfung aus Zerstörung".

Mittagsjournal, 21.12.2011

Service

Claudia Werlhof, "Die Verkehrung: Das Projekt des Patriarchats und das Gender-Dilemma", Promedia

Schlusskampf um die letzten Ressourcen

Die sogenannte Finanzkrise, der noch sogenannte Eurorettungsschirm ESM und als "apokalyptischer" Höhepunkt des patriarchalen Systems: ein verselbständigter Finanzsektor, der sich weitgehend von der produzierenden Industrie gelöst hat: "Die Verwandlung der Natur in Geld, das ist der kapitalistische Produktionsprozess. Dann ist die Natur halt irgendwann mal weg. Sie können ja das Geld nicht in die Natur zurückverwandeln. Das heißt: Schlusskampf um die letzten Ressourcen, deren Verwertung und die Aneignung dessen, was dabei rauskommt, nämlich des Geldes. Und das ist natürlich Krieg. Und das wird auch vor uns nicht Halt machen, wenn wir damit weitermachen."

Was werden etwa die Griechen nun machen? "Sie wollten ja abstimmen - da sind ja alle hier umgefallen. Da wussten alle: Wenn die Griechen eine Volksabstimmung machen, dann sind die raus aus dem Euro und Europa. Genau das sollte ja verhindert werden. Als die Demokratie als eine Art Basisdemokratie zur Debatte stand, da sind die ja vollkommen eingeknickt. Wir sind schon jenseits der Demokratie. So Leute wie die Frau Merkel führen ganz Europa in eine Diktatur."

Zwang zu Deregulierung

Bereits 1998 haben Werlhof und die deutsche Soziologin Maria Mies mit ihrem Buch "Lizenz zum Plündern" für Aufsehen gesorgt. Darin ging es um das MAI, das multilaterale Investitionsabkommen der WTO, der Welthandelsorganisation; heißt damals wie heute: Zwang zu Deregulierung und Privatisierung.

"Jetzt findet das auch wirklich statt - nicht nur als Plan, sondern als Politik", meint Werlhof. "Das ist genau das, was die Griechen jetzt erleben. Die griechische Bevölkerung ist ja nicht schuld an diesen Schulden. Aber sie sollen sie bezahlen. Man muss ja sehen, wer diese Schulden gemacht hat. Zum Beispiel die Panzergeschäfte mit Deutschlang und so fort - da können ja die Griechen nichts dafür. Die können das sowieso nicht zurückbezahlen, die verlieren nur einfach alles, was sie hatten. Das ist ja im Zuge dieser Umverteilung von unten nach oben, das ist neoliberale Politik."

Ist diese Struktur überhaupt noch regierbar? "Nein, natürlich nicht", sagt Werlhof. "Es gibt natürlich Bürgerkriege überall, was sollen die Leute denn machen? Genau dieses Programm, das bisher nur gegenüber den Ex-Kolonien Thema war, also den Ländern des Südens, wird nun auch hier im Norden angewandt, genau dasselbe Programm. Also buchstäblich."