Anselm-Kiefer-Schau im Essl Museum

Von "Bojen im Meer" inspiriert

Anselm Kiefer, neben Gerhard Richter und Georg Baselitz einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart, ist eine Ausstellung in der Sammlung Essl in Klosterneuburg gewidmet.

Eine besondere Würdigung wurde Anselm Kiefer zuteil, als er 2008 als erster Maler mit dem "Friedenspeis des deutschen Buchhandels" ausgezeichnet wurde. Dass sein Werk viel mit Literatur zu tun hat, zeigt nun diese Schau in der Sammlung Essl, in der 15 hauseigene Werke aus den letzten zehn Jahren präsentiert werden.

Mittagsjousnal, 02.02.2012

Ein aufgewühltes Meer, aufgetragen in dicken Farbschichten, darüber schwere Regenwolken, an denen ein Buch aus Blei appliziert ist. Es könnte eine Bibel sein. Das ganze Gemälde ist ca 6 x 3 Meter groß - monumental wie die meisten Arbeiten von Anselm Kiefer.

Dermaßen bedeutungsschwer präsentiert Anselm Kiefer alte Mythen. Das trug ihm schon den Beinamen ein, er sei der "Mythomane der Gegenwartskunst". "Nur durch die Wissenschaft wird die Welt ja nicht erklärt, die Welt ist viel komplexer. Durch jede neue Erkenntnis entstehen wieder 100 Fragen", so Anselm Kiefer über die Faszination von Mythen. "Der Mythos versucht, die Welt zu erklären - auf einer unbewussten Ebene."

Bezug auf Gedichte

Die Gemälde von Anselm Kiefer zeigen Himmelsleitern oder Sternenhimmel, er appliziert Gebüsche oder ganze Schiffe. Sie beziehen sich auf die Bibel, die Kabbala, die Alchemie oder die Philosophie. Oder eben auf Gedichte von Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Friedrich Hölderlin und anderen.

In der Sammlung Essl hat man sich nun die Mühe gemacht, die passenden Gedichte zu den Gedichtfragmenten der Gemälde zu suchen, und sie daneben zu hängen - eine schöne Idee, die sicherlich den Zugang zu den Werken erleichtert.

Ruinen als Anfang

Zudem gibt es Zitate von Anselm Kiefer an der Wand, wie etwa "Ich denke in Bildern. Dabei helfen mir Gedichte - sie sind wie Bojen im Meer". Das war auch der Beginn seiner Rede bei der Friedenspreisverleihung 2008.

Auf die Frage, warum gerade ein Maler der düsteren Erdenschwere mit diesem Preis ausgezeichnet wurde, der gerne verbrannte Erde oder andere apokalyptische Szenarien malt, sagt Kiefer: "Ruinen sind für mich ein Anfang, meistens ein schöner Anfang."

Zu seiner Friedensmission führt er aus, dass Frieden kein Zustand sei, "Frieden ist ein Kampf um den Frieden. Das ist immer ein Schwebezustand". Er glaubt, wenn er seine inneren Widersprüche widerspiegle, sei das sein Beitrag zum Frieden.

15 Gemälde in der Sammlung Essl, das klingt nicht viel. Mit der Monumentalität seiner Arbeiten ist Kiefer raumgreifend genug, um kein Gefühl der Leere entstehen zu lassen.

Textfassung: Ruth Halle

Service

Ö1 Club-Mitglieder bekommen im Essl Museum ermäßigten Eintritt (EUR 2,-).

Essl Museum - Anselm Kiefer